100 Jahre Winnie Puuh: Die traurige Wahrheit hinter der Buchfigur
Ein kanadischer Tierarzt kaufte 1914 ein Bärenjunges und nannte es Winnie – ohne zu ahnen, dass dieses Tier einmal Millionen von Kindern weltweit glücklich machen würde. Die wahre Geschichte der Bärin hinter der Kinderbuchfigur "Winnie Puuh" ist allerdings weniger märchenhaft, als die Bücher vermuten lassen. Das erste Buch erschien am 14. Oktober 1926 und war direkt ein großer Erfolg.
Am 24. August 1914 notierte der Tierarzt Harry Colebourn in seinem Tagebuch: "Bought Bear $20" – "Kaufte Bär für 20 Dollar". Ein ungewöhnlicher, aber zunächst belangloser Eintrag, der allerdings zur Geburtsstunde einer der berühmtesten Kinderbuchfiguren der Welt werden sollte. Denn aus dieser verwaisten Bärin, die der Tierarzt gekauft hatte, wurde Winnie – die Inspiration für Winnie Puuh.
Winnie Puuh liebt Honig, ist gemütlich und gerät oft in kleine Abenteuer, meist gemeinsam mit seinem Freund Ferkel: Die Geschichten um den Bären erschienen seit dem 14. Oktober 1926, geschrieben von Alan Alexander Milne. Seit nun genau 100 Jahren haben sie sich über Generationen hinweg zu einem beliebten Kinderbuchklassiker entwickelt. Was viele nicht wissen: Der Bär war von einer echten Bärin inspiriert, deren Geschichte allerdings alles andere als märchenhaft war.
Harry Colebourn, ein gebürtiger Engländer, der mit 18 Jahren nach Kanada ausgewandert war, traf am Bahnhof von White River in Ontario erstmals auf die Bärin. Colebourn war auf dem Weg zu einem Militärlager, um sich den kanadischen Truppen anzuschließen. Auf dem Bahnsteig traf er einen Jäger, der das Bärenjunge, dessen Mutter erschossen worden war, verkaufen wollte. Colebourn kaufte die Bärin für die damals stattliche Summe von 20 Dollar (heute fast 550 Dollar) und benannte sie nach seiner neuen kanadischen Heimat: "Winnipeg Bear", kurz: Winnie.
Ein Bär wird zum Kriegsmaskottchen
Von diesem Zeitpunkt an begleitete das Bärenjunge Colebourn nicht nur in dessen Alltag, sondern etwa auch bei einer Schiffsreise über den Atlantik. In Europa brach zu dieser Zeit der Erste Weltkrieg aus, Colebourn war als Tierarzt dort stationiert. Für Winnie und Colebourn ging es also nach Salisbury Plain in Südengland.
Dort wurde Winnie zum inoffiziellen Maskottchen von Colebourns Einheit, der 2nd Canadian Infantry Brigade. Die junge Bärin entwickelte eine enge Bindung zu Colebourn und den anderen Soldaten, die mit ihr spielten und sie fütterten. Winnie war zahm und zutraulich geworden und schlief unter Colebourns Feldbett.
Noch im selben Jahr, im Dezember 1914, wurde Colebourns Einheit nach Frankreich an die Front verlegt. Dorthin begleiten durfte Winnie sie nicht. "Took Winnie to zoo London", vermerkte Colebourn am 9. Dezember 1914 lakonisch in seinem Tagebuch. Der Londoner Zoo sollte das Tier nur vorübergehend beherbergen, bis der Krieg vorbei war, danach wollte Colebourn Winnie wieder abholen – doch daraus wurden zwei Jahrzehnte.
Vom Zootier zur Kinderbuchfigur
Denn Winnie wurde im Londoner Zoo schnell zu einem Publikumsliebling. Wegen ihrer außergewöhnlich sanften Art erlaubten es die Tierpflegerinnen und Tierpfleger, dass Besuchende sie aus der Hand füttern oder gar auf ihr reiten durften. Auch Kinder wurden in ihr Gehege gelassen. Eines davon: Christopher Robin Milne, der Sohn des Schriftstellers A. A. Milne. Der Junge war so fasziniert von der Bärin, dass er seinen Teddy nach ihr benannte. Hinzu fügte er noch den Zusatz "the Pooh" – und geboren war "Winnie-the-Pooh". Sein Vater ließ sich davon inspirieren – und so erschien 1926 das erste Buch über den "Bären von sehr geringem Verstand".
Colebourn besuchte die Bärin während des Krieges regelmäßig. Doch als er sah, dass es ihr gut ging und wie wichtig sie für den Zoo und die Stadt London war, entschloss er sich, sie dem Zoo zu schenken. Winnie verbrachte ihr restliches Leben im Zoo und starb 1934 im für Schwarzbären hohen Alter von 20 Jahren.
Colebourn starb 1947. Laut einem Interview bei CBC News aus dem Jahr 1987, von dem die "Manitoba Historical Society" berichtet, erzählte Colebourns Sohn, Colebourn habe zwar gewusst, dass die Figur Winnie Puuh nach seiner Winnie benannt worden war, aber er habe nie erfahren, wie international berühmt und beliebt die Figur geworden ist.
Aber auch in der Öffentlichkeit geriet die wahre Geschichte hinter dem weltberühmten Bären in Vergessenheit. Erst 2015 veröffentlichte Lindsay Mattick, Colebourns Urenkelin, das preisgekrönte Kinderbuch "Finding Winnie", das die wahre Geschichte für eine neue Generation erzählt.
Gefangenschaft statt "Hundert-Morgen-Wald"
Eigentlich ja eine schöne Geschichte, oder? Nicht für Tierschützerinnen und Tierschützer: Winnie verbrachte ihr Leben schließlich in Gefangenschaft, zudem in einer Haltung, die aus heutiger Sicht nicht den tierschutzrechtlichen Standards entspricht.
"Ihr wurde ein artgemäßes Leben verwehrt", sagt etwa Yvonne Würz von der Tierrechtsorganisation Peta gegenüber unserer Redaktion. Im Zoo sei sie als Attraktion gehalten worden. "Dass sie sogar gestreichelt und zum Reiten missbraucht werden konnte, ist absolut tierschutzwidrig und vermittelte ein falsches Bild von den Bedürfnissen von Bären." Winnies Geschichte solle daher nicht romantisiert werden. "Tiere sind nicht für die menschliche Unterhaltung da", so Würz.
Empfehlungen der Redaktion
Heute schon gelacht? Das sind die lustigsten Tierbilder des Jahres
Super niedlich und super selten: Nachwuchs bei Nordchinesischen Leoparden
Es gibt immer weniger Wildtiere auf der Welt
Anne Hanschke von der Umweltschutzorganisation WWF betont zwar Fortschritte in seriösen, wissenschaftlich geführten Zoos: Diese würden einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leisten – dazu zähle auch der Londoner Zoo. Auch die Haltung von Wildtieren habe sich verglichen mit der Haltung von Winnie damals deutlich weiterentwickelt. Dennoch: "Raubtiere wie Bären sollten nicht im direkten Kontakt mit Menschen gehalten werden", sagt sie zu unserer Redaktion. Auch dass der Tierarzt Colebourn die Bärin in Privatbesitz hielt, sieht der WWF kritisch: "Diese Haltung kann mit illegalem Handel und Tierleid in Verbindung stehen."
Winnie, die Bärin, die Millionen von Kindern Freude brachte, kannte demnach selbst nie die Freiheit der Wälder, die in Milnes Geschichten so liebevoll beschrieben wird. In einem "Hundert-Morgen-Wald", in dem viele der Handlungen im Kinderbuch spielen, streifte die echte Winnie jedenfalls nie herum.