1463 Gigawattstunden: Niemand in Europa schmeißt so viel Strom weg wie Deutschland
Deutschland hat im ersten Halbjahr 2026 so viel erneuerbaren Strom aus wirtschaftlichen Gründen vom Markt genommen wie nie zuvor. Das zeigt eine Analyse des Energieinformationsdienstes Montel, die FOCUS online Earth vorliegt. Nach den Daten von Montel wurden zwischen Januar und Juni 2026 rund 1463 Gigawattstunden (GWh) erneuerbarer Strom kommerziell abgeregelt. Das sind rund 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum mit 1216 GWh. Als „kommerzielle Abregelung“ bezeichnet Montel den Fall, dass Betreiber ihre Anlagen freiwillig abschalten, weil sich die Stromerzeugung bei niedrigen oder negativen Börsenpreisen wirtschaftlich nicht mehr lohnt. Weniger negative Strompreise Allerdings: Die Zahl der Stunden mit negativen Strompreisen ist gleichzeitig zurückgegangen. Im ersten Halbjahr 2026 wurden an der Strombörse 299 Stunden mit negativen Preisen registriert – nach 389 Stunden im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das entspricht einem Rückgang von 23 Prozent. Kleines Kraftwerk Nach Einschätzung der Analysten werden erneuerbare Anlagen also nicht häufiger abgeschaltet, weil es öfter zu negativen Preisen kommt. Stattdessen wird bei jeder einzelnen Phase negativer Preise deutlich mehr Strom vom Markt genommen als früher. Deutschland wirft also mehr Strom „weg“ als jemals zuvor – doch die Alternative wäre ein überlastetes Stromnetz, mit kollabierenden Preisen an der Börse. ANZEIGE ANZEIGE Trendwende durch neues Solar-Gesetz Als wesentliche Ursache für diesen neuen Trend nennt Montel das Solarspitzengesetz, das Anfang 2025 in Kraft trat. Seitdem erhalten neu in Betrieb genommene Anlagen keine Förderung mehr, sobald der Börsenstrompreis unter null fällt. Das neue Gesetz habe „für Betreiber erneuerbarer Anlagen einen deutlich stärkeren wirtschaftlichen Anreiz geschaffen, ihre Erzeugung einzustellen, sobald die Preise unter null fallen“, erklärt Montel-Direktor Jean-Paul Harreman. Relevant sei auch eine Umstellung an der deutschen Strombörse auf den Handel in 15-Minuten-Intervallen gewesen, wodurch sich Preissignale schneller zeigen. Mehr Solarstrom verschärft das Problem Parallel wächst die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien weiter. Die deutsche Solarstromproduktion stieg im ersten Halbjahr 2026 um rund sechs Prozent auf 43,7 Terawattstunden. Die Windstromerzeugung legte sogar um zwölf Prozent auf 67,9 Terawattstunden zu. Obwohl dieser Zuwachs vergleichsweise moderat ausfiel, nahm die kommerzielle Abregelung überproportional zu. Nach Einschätzung der Autoren deutet dies darauf hin, dass der Strommarkt in den Mittagsstunden zunehmend an seine Aufnahmegrenzen stößt. Schon zusätzliche Mengen Solarstrom könnten dann deutlich größere Abschaltungen auslösen. Gebote unter der Nulllinie Die Funktionsweise des deutschen Strommarkts habe sich mittlerweile fundamental verändert, schlussfolgert die Montel-Analyse daher. Unter den früheren Förderbedingungen hätten viele Wind- und Solaranlagen selbst bei negativen Preisen weiter produziert. Heute bestehe dagegen ein wirtschaftlicher Anreiz, die Einspeisung frühzeitig einzustellen. Das habe einen Nebeneffekt: Extreme negative Strompreise treten seltener auf, weil das Überangebot früher vom Markt verschwindet. Gleichzeitig steigt jedoch die Menge des erneuerbaren Stroms, der gar nicht erst eingespeist wird. Auch die Gebotsstrategien der Betreiber dürften sich laut Montel weiter verändern. Statt Strom zu stark negativen Preisen anzubieten, könnten viele Anlagen künftig bereits Gebote knapp unter oder um die Nulllinie platzieren. Dadurch könnten tiefe Preisabstürze seltener werden – allerdings um den Preis, dass immer größere Mengen erneuerbarer Energie ungenutzt bleiben. Zwei Terawattstunden Strom verloren Sollte sich der Trend fortsetzen, erwartet Montel für das Gesamtjahr 2026 eine kommerzielle Abregelung von rund 1985 GWh. Das wäre ein neuer Höchstwert und noch einmal mehr als im Jahr 2025 mit 1751 GWh. Das Fazit der Analystinnen und Analysten: Der rasante Ausbau von Solar- und Windkraft müsse zunehmend durch den Ausbau von Stromnetzen, Batteriespeichern und flexiblen Stromverbrauchern begleitet werden. Andernfalls dürfte der Anteil des erneuerbaren Stroms steigen, der aus wirtschaftlichen Gründen nicht genutzt werden kann – und Deutschland verliert noch mehr Strom. +++ Keine Klima-News mehr verpassen – abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal +++