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25 Jahre nach 9/11: "Ich werde jeden Tag an den Anschlag erinnert"

Allgemein

Der Arzt Gordon Huie war am 11. September 2001 auf dem Weg zu einem Termin im Beekman Hospital, als der Südturm des World Trade Center einstürzte. An der Ecke Church Street/Fulton Street wurde er von der gewaltigen Staubwolke erfasst.

Nachdem er wieder zu sich gekommen war, ging er weiter zum Krankenhaus und versorgte dort Verletzte. Ein Gespräch über Verlust, Krankheit - und sein Engagement, weltweit an Schulen die Erinnerung an die Opfer von 9/11 wachzuhalten.

tagesschau24: Herr Huie, nach dem 11. September ging der Satz "Never Forget" - "Niemals vergessen" um die Welt. Spüren Sie das als Überlebender auch so, dass die Welt nicht vergessen hat?

Gordon Huie: Ich glaube, die Welt hat schon ziemlich viel vergessen. Mittlerweile sind 25 Jahre vergangen. Ich glaube, die Welt ist ein bisschen abgestumpft. Andere Dinge rücken auf die Tagesordnung und die Erinnerung an die Schrecken dieses Tages tritt in den Hintergrund.

"Ich habe posttraumatische Belastungsstörungen"

tagesschau24: Ihr eigener Körper erinnert Sie dagegen jeden Tag daran. Sie haben damals geholfen, sind praktisch ohne Schutzausrüstung in die Trümmer gegangen und haben giftigen Staub und Rauch eingeatmet. Als Folge davon haben Sie metastasierenden Lungenkrebs. Was bedeutet es, wenn ein historisches Ereignis quasi im eigenen Körper weiterlebt?

Huie: Ich bin wegen meiner Krebserkrankungen in Behandlung. Ich habe Freunde, Fremde und sogar Familienmitglieder, die sagen: "Das ist so viele Jahre her - mach einfach weiter, lass los!" Ich wünschte, ich könnte es. Aber ich kann es nicht. Ich werde jeden Tag an den Anschlag von vor 25 Jahren erinnert.

Zum einen habe ich meine Schwester verloren - ich vermisse sie sehr. Und ich muss aufgrund meiner Krebsoperation meine Verbände wechseln, meine Krebsmedikamente nehmen und zeitweise Sauerstoff benutzen. Ich habe posttraumatische Belastungsstörungen.

"Ich möchte nicht, dass andere sie vergessen"

tagesschau24: Ihre Schwester Susan arbeitete oberhalb der Einschlagstelle in einem der Türme. Sie selbst haben überlebt und gleichzeitig einen Ihnen sehr nahestehenden Menschen verloren. Was sollten die Menschen heute über diesen Verlust verstehen?

Huie: Viele von uns Überlebenden sterben inzwischen. Und wenn man jemanden verliert, den man liebt oder wenn wir selbst sterben - ich glaube, wir wollen nicht vergessen werden. Ich spreche über Susan. Ich zeige Ihnen sogar ein Bild von Susan. (Anm. d. Red.: An dieser Stelle hält er während des Interviews ein Foto seiner Schwester hoch.)

tagesschau24: Ihre geliebte Schwester.

Huie: Meine Schwester, ja. Ich möchte so viel wie möglich über sie erzählen, weil ich die Erinnerungen, die ich an sie habe, nicht verlieren möchte. Und ich möchte nicht, dass andere Menschen sie vergessen. Sie war eine wundervolle Seele. Sie war eine sehr gute Führungskraft. Und ich glaube, sie war die großartigste Sonntagsschullehrerin - das ist natürlich meine persönliche Voreingenommenheit. Sie hat 17 Jahre lang unterrichtet. Ich möchte einfach nicht, dass die Welt sie oder die anderen Menschen, unsere geliebten Menschen, vergisst.

Seelische und körperliche Wunden

tagesschau24: Und neben den Verstorbenen gibt es nach Schätzungen bis heute Menschen, die an den Spätfolgen des 11. September sterben - an Krebs, Traumata, Suiziden. Warum ist Ihnen wichtig, dass auch diese Menschen Teil der Erinnerung an den 11. September bleiben?

Huie: Wir verlieren weiterhin Menschen. Man muss verstehen, unter welchen Umständen viele von uns damals diesen Staub eingeatmet haben. Und dieser Staub steht mit 69 verschiedenen Krebsarten in Verbindung. Deshalb werden wir immer weniger, denn bei immer mehr Menschen treten Krebserkrankungen auf.

Es gibt außerdem viele Menschen mit Traumata, Kopfverletzungen, Amputationen und anderen Verletzungen. Und es gibt Suizide. Menschen versuchen, mit dem Verlust ihrer Angehörigen zurechtzukommen. Andere leiden unter der Schuld, überlebt zu haben. All das hängt mit den Anschlägen vom 11. September zusammen. Und wir werden weiterhin viele Menschen verlieren, bis im Grunde fast alle Überlebenden fort sind und niemand mehr übrig ist.

"Ground Zero ist unser Friedhof"

tagesschau24: Welche Bedeutung hat der Gedenkort Ground Zero heute für sie?

Huie: Nun, die Gedenkstätte selbst ist für uns heiliger Boden. Wie Sie wissen, haben wir an diesem Tag knapp 3.000 Menschen verloren. 1.100 Leichen wurden nie geborgen. Wir glauben deshalb, dass die Körper unserer geliebten Menschen verdampft sind und eins wurden mit dem Stahl des World Trade Centers.

Deshalb nennen sie ihn "heiligen Stahl". Für uns ist es keine Touristenattraktion mit wunderschönen Wasserfällen. Es ist unser Friedhof, weil wir keinen anderen Ort haben, an dem wir uns von unseren geliebten Menschen verabschieden können.

tagesschau24: Sie engagieren sich bis heute für Erinnerung und Aufklärung. Wenn junge Menschen den 11. September 2001 nur noch aus Videos oder Schulbüchern kennen: Was sollten sie nicht nur über Terrorismus lernen, sondern über Verantwortung danach?

"Gebt etwas weiter, schaut über euch selbst hinaus"

Huie: Wenn ich an Schulen überall auf der Welt spreche, bringe ich ihnen bei: Seid freundlich. Gebt etwas weiter. Schaut über euch selbst hinaus. Wenn jemand eine Katastrophe erlebt, wie wir sie in New York erlebt haben, ist es sehr leicht, wütend zu werden und Hass zu empfinden. Aber wir können diese Energie nehmen, sie umkehren und für etwas Gutes nutzen.

tagesschau24: Der 11. September wirkt politisch bis heute nach. Die Anschläge und ihre Folgen prägten Kriege, Konflikte und die internationale Politik. Was wünschen Sie sich mit Blick auf die heutige Zeit?

Huie: Je mehr Jahre vergehen und je mehr die Menschen abstumpfen, desto weniger denken sie über die Schrecken und die Bedeutung dieses Tages nach.

Und sie nutzen ihn stärker für politische Zwecke. Ich halte mich aus der Politik heraus und versuche, mich darauf zu konzentrieren, was wir durchgemacht haben - auf den menschlichen Aspekt.

Das Gespräch führte Damla Hekimoğlu für tagesschau24. Das Interview wurde aus dem Englischen übersetzt und für die schriftliche Fassung gekürzt und redaktionell bearbeitet.

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