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30. Todestag von Rio Reiser: Gedenken mit Weggefährten in Husum

Unterhaltung

Stand: 21.08.2026 17:22 Uhr

1974 flüchtete die Band Ton Steine Scherben vor dem Trubel und ließ sich auf einem Hof in Fresenhagen bei Niebüll nieder. Vor 30 Jahren, am 20. August 1996, starb dort ihr Sänger Rio Reiser. Das Nordfriesland Museum in Husum hat daher am Donnerstag zu einem besonderen Gedenken geladen.

von Peer-Axel Kroeske

Er ist einer der letzten vier der Scherben. Marius del Mestre wurde 1981 Rhythmusgitarrist der Band. Er wohnt noch immer in Nordfriesland und kam am Donnerstag in Husum vorbei. Für ihn ein doppelter Todestag, denn zwei Tage zuvor ist Keyboarder Martin Paul verstorben.

Küchentisch in Fresenhagen als Schauplatz langer Diskussionen

Wir setzen uns an einen Tisch in der Ausstellung - der ist wie der Küchentisch in Fresenhagen: Schauplatz langer Diskussionen, zu dem Leute kommen und gehen konnten, wie sie wollten. "Wie rum die Klorolle aufgehängt wird, war genauso wichtig wie wer gerade im Libanon einmarschiert", erinnert sich der Musiker.

Del Mestre glaubt, dass die Ausstellung Rio gerecht wird. Sie ist nicht chronologisch strukturiert. "Dadurch, dass es um die Themen in den Songs wie Widerstand, Gemeinschaft oder Verletzlichkeit geht, greift die Ausstellung ganz gut auf, worum es eigentlich ging."

Rio Reisers selbst geschriebener Lebenslauf an der Wand

An der ersten Wand hängt trotzdem Rios selbst geschriebener Lebenslauf: Rio wird geboren, die Eltern ziehen um, Rio nimmt Klavierunterricht, die Klavierlehrerin zieht um, und so weiter.

"Rio Reiser war für mich der König, poetisch, ganz tief ins Herz gehend", sagt Museumsbesucher Reiner Witt. Zusammen mit seiner Frau Carola macht er gerade Urlaub in Husum. Sie erzählt: "Ich bin erstaunt, wie tiefsinnig und vielseitig gebildet er war."

"Unmengen von Papier": Kurator taucht in Rios Nachlass ein

Kurator Till Zimmermann ist tief eingestiegen in die vielen Geschichten - und auch den sogenannten Marbacher Nachlass. Das ist der künstlerische und persönliche Nachlass des 1996 verstorbenen Sängers, den seine Brüder dem Deutschen Literaturarchiv Marbach gestiftet haben.

"Es sind Unmengen an Papier", erklärt Zimmermann. "Man kann versuchen, einem Menschen über Handschriften sehr nahe zu sein. Man findet in den Schreiben auch allerlei Notizen am Rand, Witze und Wortspiele. Auch mal einen Einkaufszettel hier und da. Das hat mich fasziniert."

In der Badewanne las der Sänger die Bibel

Textzeilen stehen an der Wand. Rio in der Badewanne können sich die Ausstellungsbesucher vorstellen. Da steht tatsächlich eine. Er soll darin regelmäßig die Bibel gelesen haben. Spirituelles inspirierte ihn. Einen Mann, den viele eher als schüchtern beschreiben.

"Ich glaube, dass jeder seine eigene Version hat von Rio Reiser", meint Kuratorin Tanja Brümmer. "Für mich ist er ein Mensch gewesen, der unglaublich sensibel gewesen ist und sehr künstlerisch war. Wenn man sich die Texte anschaut, erkennt man darin einfach große Wortkunst."

Rio Reiser verhökerte Schlagzeug an Punkband

Und es gibt auch Anekdotisches. Das Museum hatte in Nordfriesland dazu aufgerufen, persönliche Erlebnisse rund um Rio zu sammeln. Und so gelangte auch ein Schlagzeug-Becken in die Ausstellung, das Flensburger Punks Anfang der 1980er-Jahre in Fresenhagen erworben hatten.

"Die haben eine Anzeige gefunden: Band verkauft Schlagzeug", erzählt Kurator Zimmermann. "Sie sind da hingefahren und hatten zunächst keine Ahnung, wer vor ihnen steht. Dann hielt Rio Reiser tatsächlich persönlich mit ihnen ein Verkaufsgespräch, wollte ihnen allerlei andrehen, denn seine Band war enorm in Geldnöten."

Rios Personenschützer: "Am Ende wollte er nicht mehr wirklich"

Es gibt gar nicht so wenige Menschen in Nordfriesland, die eine Geschichte über Fresenhagen und Rio Reiser erzählen können. Frank Prospich aus Leck war Rios Personenschützer in den letzten Jahren. "Er konnte nicht mehr", erinnert sich Prospich. "Er war sehr depressiv und hatte auch gemerkt, dass sein Stern am Untergehen war. Ich habe das Gefühl, er wollte auch nicht mehr wirklich."

"Insofern war Rio auch nur ein Mensch", findet Gitarrist del Mestre. "Und das wird hier am besten von all den Ausstellungen, die ich kenne, gezeigt. Rio wäre gerne im Museum gelandet und gerne zu dem geworden, was er heute ist: Einer der großen Volksmusiker in Deutschland." Das hätte damals jedoch noch keiner wissen können, denn: "Es wurde nicht deshalb gemacht. Es wurde gemacht, um in dem Moment da zu sein."

Die Ausstellung "Rio Reiser - Aufgewacht und rebelliert" ist noch bis zum 7. März 2027 im Nordfriesland-Museum Nissenhaus in Husum zu sehen.

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