30. Todestag von Rio Reiser: Ton Steine Scherben-Konzert beginnt mit Hiobsbotschaft
Von Kai Salander Ein Herr mit langen, schlohweißen Locken hält eine Vinylscheibe in der Hand: "Keine Macht für Niemand", die zweite Platte der Ton Steine Scherben von 1972. Er trägt eine Kordjacke und unterhält sich mit seinem Begleiter über die frühe Hausbesetzerszene in Berlin. Um ihn herum füllen sich an diesem Donnerstagabend Holzbänke und erhöhte Sitzreihen im Luftschloss auf dem Tempelhofer Feld. Es sieht aus wie in einem kleinen Amphitheater. Roter Irokesenschnitt neben grau meliertem Haar. Dann beginnt das Konzert zum 30. Todestag von Rio Reiser mit einer Hiobsbotschaft. Der frühere Scherben-Keyboarder Martin Paul habe vor wenigen Tagen seinen Kampf gegen den Krebs verloren. Deshalb sei ihm der Abend gewidmet, verkündet Drummer Klaus "Funky" Götzner. Kurz darauf verstummt das Luftschloss, als die Stimme von Rio Reiser aus den Boxen klingt, die Klavierballade "Weit von hier", eine seiner späten Nummern, die erst nach seinem Tod vor 30 Jahren erschienen ist. Ab den ersten Akkorden kehrt eine gespenstische Ruhe ein. Kai Sichtermann, Bassist und Gründungsmitglied der Scherben, holt die Fans zurück ins Hier und Jetzt mit einem Countdown zum ersten Livesong. Weil die Einspielmusik vergleichsweise wenig Bass hatte, wirkt das Cajón von "Funky" K. Götzner live umso kräftiger. Der Bass drückt. Eine Euphoriewelle läuft durch das Publikum. Für immer und dich Kratzbürstig und trotzdem feinfühlig Birte Volta singt die Nummern, für die früher Rio Reiser am Mikrofon stand. Sie kopiert ihn nicht. Feinfühlig spürt sie den Emotionen in den Songs nach. Mit ihrer kratzbürstigen Stimme gibt sie ihnen zugleich eine eigene, freche Note. Einige Fans nicken mit. Dann fällt das Mikrofon aus. Kleine Panne, nicht weiter schlimm. Als ihre Stimme wieder aus den Boxen schallt, klatschen ein paar Leute. Bei "Mein Name ist Mensch" springen zwei Frauen auf - lieber tanzen als sitzen. Der Rest bleibt auf den Bänken. Die meisten sind im mittleren Alter, dazwischen ein, zwei Jüngere in ihren Dreißigern. Nostalgie in jedem Cajón-Schlag In jeder Note, jedem Cajón-Schlag, jeder Zeile steckt Nostalgie. Fans blicken verträumt zur Bühne und schwelgen. Hinter dem Trio fallen Lichtstrahlen ins Zelt. Einige trinken Bier, andere knipsen Fotos, alles ganz unaufgeregt. Neben Drummer "Funky" stehen zwei Gläser und ein Cappuccino auf einem kleinen Beistelltisch. Zwar haben die Rocksongs noch immer etwas Aufsässiges, Anprangerndes, den kritischen Blick einer Gruppe Träumer auf die Gesellschaft. Gleichzeitig bleibt der Abend tiefenentspannt. Routiniert, ja, leer gespielt oder kalt aber nicht. Auch nach mehr als 50 Jahren tragen die Lieder ihre Wucht, mal Gesellschaftskritik, mal Ode an die Freundschaft. Auf die meisten Songs folgen nur wenige Worte. Vor allem die Musik steht hier im Vordergrund. Deshalb passen die Bühnenoutfits, ganz schlicht - schwarze Hosen und schwarze T-Shirts. Birte Volta trägt dazu rot-schwarz geringelte Socken. Alle sitzen, Volta stützt die Füße auf einer Bierkiste ab. Glitzernde Sneaker und weiße Haarsträhnen Als Ehrengast des Abends begrüßt die Scherben-Band Nikel Pallat, damals Texter und zweiter Sänger der Scherben. Glitzernde Sneaker, dazu ein grünes Shirt mit Vinylscheiben darauf, ein farbenfroher Kontrast zu den wenigen abstehenden weißen Strähnen, fast so, als wollte er seine Jugend wenigstens an den Klamotten weitertragen. Er singt "Guten Morgen", ein Arbeitersong mit Augenzwinkern zwischen Wecker, Stechuhr und Chef. Die Nummer hat er mit Rio Reiser geschrieben, erschienen ist sie 1975. Das Publikum lacht leise, eine Nummer zwischen Comedy und Ballade. Unterdessen bringen Fans drei schwarz gerahmte Fotos zur Bühne, Aufnahmen von Rio Reiser. Auch "Samstag Nachmittag" von derselben Platte bringt die Reihen zum Schmunzeln. Mit 81 Jahren hat der Rock-Senior noch immer genügend Kraft zum Tanzen, in kleinen Trippelschritten vor und zurück vor dem Mikro. Ein Mann auf dem oberen Rang freut sich, mit ein bisschen Mühe ginge eben alles. Nach einer Dreiviertelstunde endet das erste Set. In den 80er Jahren hätte die Band nie Pause gemacht, witzelt ein Fan. Andere fotografieren das Ton Steine Scherben-Plakat am Eingang, tummeln sich am Merchstand oder holen sich ein Bier. Der Traum ist aus, und die ersten stehen auf Nach der Pause hängt hinter der Bühne ein neues Banner, Schwarz auf Weiß "Keine Macht für Niemand", darunter ein Konterfei von Rio Reiser und seine Lebensjahre, 1950 bis 1996. Das Publikum kehrt mit deutlich mehr Energie aus der Pause zurück. Jetzt singen viele laut mit, die alte Rebellionslust erwacht. Kurz verwundert die nächste Panne die Menge: Birte Voltas Gitarre fällt aus, der Sound ist weg. Sie wechselt die Klampfe, nützt nichts. "Ihr müsstet den Strom anmachen", scherzt ein Mann mit Blick zu den Technikern. Als sie zur nächsten Gitarre greift, klingen die Saiten wieder durch die Boxen. Lauter Zwischenapplaus. Eines der Highlights ist an diesem Abend die Nummer "Der Traum ist aus". Rio Reiser hat den Song im Oktober 1988 in der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle gespielt, allein am Keyboard. Im Luftschloss singen sie wieder alle mit. Die ersten stehen auf, ein Dutzend drängt zum Tanzen an den Bühnenrand. Alte 68er stehen neben jungen Punks, Mütter mit bunten Tüchern im Haar tanzen mit ihren Kleinkindern. Hüften schwingen, Arme baumeln, alle schütteln die Alltagssorgen ab, ein Befreiungsschlag im Takt der Sozialkritik. Spätestens jetzt dürften einige Fans bemerkt haben, dass "Funky" K. Götzner ein Jubiläumsshirt mit dem Schriftzug "Heideruh" trägt. Das antifaschistische Ferienheim in der Nordheide feiert in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen. Der politische Unterton passt vor allem zur Nummer vom besetzten Haus. Der "Rauch-Haus-Song" wirkt an diesem Abend wie eine Zeitreise in die Siebziger. Viele Fans haben den Dezember 1971 noch vor Augen, als Jugendliche in Kreuzberg das leerstehende Schwesternwohnheim des Bethanien besetzen. Manche standen selbst dort. Aus dem Krawall von damals ist an diesem Abend ein Klassentreffen geworden. Das nimmt den Liedern nichts, es verschiebt sie ins Hier und Jetzt. Vor der Bühne wird bis zum Schluss getanzt. "Junimond", den letzten Song des Abends, widmet das Trio dem Urheber selbst. Draußen auf dem dunklen Tempelhofer Feld pfeifen und summen einige Fans die Melodie noch immer auf dem Heimweg. Ein Konzert wie eine Zeitkapsel. Betagte Fans konnten einen Abend lang in Erinnerungen schwelgen und der Punk-Nachwuchs hat eine Band kennengelernt, deren Texte bis heute nachwirken, gesellschaftskritisch und lebensbejahend zugleich. Ein passendes Rezept für die Krisenzeiten.