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30.000€ für den Notar? „Deutschland macht sich zur Lachnummer“ für Investoren

Technologie

30.000 Euro zahlt ein deutscher Gründer – damit der Notar einen neuen Investment-Vertrag absegnet. Einen ganzen Tag dauert der Termin, um 90 Seiten vorzulesen. Der Gründer hat danach genug von Deutschland: Sein zweites Unternehmen startet er im Ausland.

Diese Story geht seit Tagen viral auf Social Media. Gepostet hat sie Patrick Collison, CEO des Fintech-Unicorns Stripe. Wer genau ihm die Anekdote erzählt hat, verrät Collison nicht. Sein X-Post sammelt Millionen Views und wird tausendfach geteilt. Elon Musk repostet die Geschichte mit einem “Wow”. Auch deutsche Gründer debattieren in den Kommentaren.

Gründer-Story entfacht Notar-Debatte

“Jeder deutsche Unternehmer, den ich kenne, will diesen Irrsinn beenden – aber es gibt wohl keine stärkere Lobby als die der deutschen Notare (also derer, die daran prächtig verdienen)”, schreibt etwa Judith Dada, Co-CEO von Langdock.

Investor und Hugging-Face-Mitgründer Thomas Wolf kommentiert: “Als Angel-Investor graut es mir jedes Mal vor dem Notartermin”.

Der ganze Prozess sei “so unfassbar lächerlich, dass er alle paar Monate im internationalen Tech-Twitter viral geht”, postet Andreas Helbig, Partner beim Risikokapitalgeber Atomico. Deutschland mache sich “zur Lachnummer der internationalen Investorenbranche”.

“Denselben Bullshit gibt es auch in Österreich”, moniert Eric Demuth, der in Wien Bitpanda mitgegründet hat. “Man kann nicht alle paar Monate zu internationalen Investoren gehen und sie um ein notariell beglaubigtes Dokument mit einer NASSEN Unterschrift per Post bitten. Jeder internationale VC, der je in Deutschland oder Österreich investiert hat, weiß genau, wovon ich rede.”

Notare rechnen Kosten vor

Wir haben nachgefragt beim Deutschen Notarverein (DN), was dran ist an den angeblich hohen Gebühren und dem Termin-Stress. Eine Sprecherin sagt uns: Viele Leistungen der Notare seien „für die Beteiligten auf den ersten Blick nicht sichtbar”. Na dann. Gehen wir rein.

Wenn Unternehmer in Deutschland eine Kapitalgesellschaft gründen, beraten Notare zu den Details und arbeiten Gesellschaftsverträge aus. Das soll teure Kosten verhindern bei Transaktionen und Streit. Sobald ein Vertrag steht, liest der Notar ihn den Beteiligten vor. So kontrollieren sie gemeinsam die Inhalte – passen sie oftmals noch an. Erst dann beurkunden Notare.

Die Kosten dafür legt das Gerichts- und Notarkostengesetz fest. Wie viel Notare verdienen, hängt ab vom Wert der jeweiligen Geschäfte – also vor allem vom Stammkapital, das die Gründer aufbringen. Je höher der Geschäftswert, desto höher die Notarkosten. Für eine GmbH zahlen Gründer typischerweise zwischen 600 und 800 Euro, teilen uns DN und Bundesnotarkammer mit. Für eine UG mit einem Euro Stammkapital liegen die Kosten bei 150 Euro.

Weshalb ein deutscher Gründer angeblich 30.000 Euro für seinen Notartermin zahlte, können wir anhand des Posts auf X nicht beurteilen. “Bei einer reinen GmbH-Gründung müsste das beurkundete Stammkapital hierfür etwa 16 Millionen Euro betragen – ein Fall, der in der Praxis praktisch nicht vorkommt”, rechnet die DN-Sprecherin vor.

Möglicherweise ging es im Vertrag um Finanzierungsrunden, die den Geschäftswert hochtreiben. Doch auch für diesen Fall sind pauschale Aussagen unmöglich. Zu viel hänge ab vom Einzelfall, sagt die DN-Sprecherin: Wie hoch ist die Kapitalerhöhung? Gibt es Zuzahlungen? Was steht in den Exit-Klauseln?

Auch 90-seitige Verträge, wie oben geschildert, seien die Ausnahme, sagt uns Milan Bayram, Hauptgeschäftsführer der Bundesnotarkammer. “Investment-Verträgen gehen häufig lange, kleinteilige Verhandlungen voraus.”

Notare warnen vor neuer EU Inc.

Auf Linkedin meldet sich auch Wefox-Gründer und Investor Julian Teicke zum Thema. Er bringt die Tagespolitik in die Debatte rein. Collisons Post teilt er mit den Worten: “Wisst ihr, was aktuell der größte Blocker für EU-Inc. ist? Es ist die deutsche Notarlobby. Eine Lobby, die so stark ist, dass sie immer weiter für ihre völlig sinnlosen, überteuerten Dienstleistungen argumentieren kann.”

Was ist die EU Inc.?

In den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gibt es jeweils eigene nationale Rechtssysteme und mehr als 60 Gesellschaftsformen. Um das Gründen staatenübergreifend einfacher zu machen, hat die EU-Kommission im März 2026 ein einheitliches Regelwerk vorgeschlagen, das „28. Regime“. Es soll die 27 Regelungen ergänzen um die EU Inc. Firmengründer könnten neue Unternehmen künftig innerhalb von 48 Stunden vollständig online in jedem EU-Mitgliedstaat anmelden können. Das würde weniger als 100 Euro Kosten, ohne Mindestkapitalanforderungen. Die Kommission verspricht “bessere Rahmenbedingungen”: Behördengänge fielen weg und digitale Verfahren würden Finanzierungen erleichtern. Unternehmensdaten müssten nur einmal an ein zentrales EU-Register übermittelt werden. Notartermine, wie sie etwa in Deutschland bei der Gründung einer Kapitalgesellschaft notwendig sind, gibt es nicht bei der EU Inc. Noch befindet sich der Entwurf im Gesetzgebungsverfahren. Seit 2024 hatten führende Gründer und Investoren die EU Inc. in einer europaweiten Initiative vorgeschlagen.

Der DN warnt deutsche Politiker tatsächlich: Die Pläne der EU-Kommission für eine einheitliche europäische Unternehmensform bergen Risiken. Wer in Deutschland eine GmbH oder andere Kapitalgesellschaft gründet, muss zum Notar. Bei der neuen EU-Gesellschaft entfällt dieser Besuch. Deshalb kritisiert der Berufsverband in einer Stellungnahme die mögliche EU Inc.

Der EU-Entwurf schütze zu wenig vor Geldwäsche, Sanktionsumgehung und Steuerhinterziehung. “Beteiligte würden im gesamten Gründungsprozess von keiner öffentlichen Stelle persönlich oder per qualifizierter visueller Prüfung gesehen.” Gerade das öffne Tür und Tor für Strohmänner, verschleiere Beteiligungen und sogenanntes Corporate Hijacking, sagt die Sprecherin.

Manche Unternehmer sehen ohnehin andere Schwierigkeiten als die Notare. Parloa-Gründer Malte Kosub postet auf X: “Wenn ein sechsstündiges Treffen einmal im Jahr ein entscheidender Grund dafür ist, dass dein Unternehmen nicht erfolgreich ist, hast du wahrscheinlich größere Probleme als den Notar. Ich stimme zu, dass diese Art von Bürokratie unnötig ist und sich ändern sollte, aber ich glaube, wir überschätzen manchmal massiv, wie sehr sie Unternehmen tatsächlich ausbremst.“

Investor Christian Miele findet zwar, “wir müssen an der Bürokratie arbeiten. Auf jeden Fall.” Aber er mahnt: “Wir müssen vor allem unsere Mentalität upgraden – mehr ambitionierter Input erzeugt mathematisch mehr ambitionierten Output. Basta.”

Und wie genau 30.000 Euro und 90 Seiten bei einem Notartermin zusammengekommen sind, erfahren wir wohl erst, wenn Patrick Collison uns mehr Details über den Gründer aus seinem Post verrät. Trotzdem trifft die Debatte einen wunden Punkt. Gründer sollten ihre Zeit und ihr Geld möglichst ins Unternehmen stecken können – und nicht in Prozesse, die sich im digitalen Zeitalter einfacher, schneller und günstiger organisieren lassen. Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht nicht, ob es Notare braucht. Sondern wie Deutschland Rechtssicherheit bewahren und gleichzeitig dafür sorgen kann, dass Gründen und Investieren deutlich unkomplizierter wird.

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