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32 Verurteilungen und 200 Jahre Haft

Welt

Acht Jahre nach dem verheerenden Einsturz des Ponte Morandi in Genua sind am Donnerstag die ersten Urteile gegen die Verantwortlichen gefallen. Insgesamt kam es zu 32 Verurteilungen mit einer Gesamtstrafe von fast 200 Jahren Haft. 25 Fälle endeten mit Freisprüchen oder wurden wegen Verjährung eingestellt. Giovanni Castellucci, der prominenteste Angeklagte, wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt. Castellucci war zum Zeitpunkt des Einsturzes Geschäftsführer der Autostrade per l’Italia (Aspi), des für die Brücke verantwortlichen Unternehmens. Die Anklage hatte für ihn 18 Jahre Haft gefordert. Neben Castellucci wurden zahlreiche weitere wichtige Personen verurteilt, unter ihnen Mauro Coletta, der ehemalige Leiter der Aufsichtsbehörde des Ministeriums für Infrastruktur und Verkehr. Für ihn verhängte das Gericht eine Haftstrafe von 5 Jahren. Es handelt sich um ein erstinstanzliches Urteil, das mit Sicherheit in die nächste Runde gehen wird. Die Urteilsbegründungen liegen zurzeit noch nicht vor. Den Angeklagten wurden verschiedene Straftaten vorgeworfen, darunter mehrfache fahrlässige Tötung, Unterlassung von Amtshandlungen, Gefährdung der Verkehrssicherheit, Urkundenfälschung und vorsätzliche Unterlassung von Sicherheitsvorkehrungen. Inbegriff der Schludrigkeit Für Italien geht damit eine erste wichtige Etappe der Bewältigung eines Unglücks zu Ende, das eine tiefe Wunde ins kollektive Selbstverständnis geschlagen hat. Die Bilder von den Trümmern des Ponte Morandi wurden zum Inbegriff für die Schludrigkeit des Landes. Fassungslos hatte die Öffentlichkeit an jenem 14. August 2018 Kenntnis von der Tragödie genommen. Es war ein windiger und regnerischer Tag mitten in den Sommerferien, als um genau 11 Uhr 36 einer der drei Pfeiler der markanten Brücke einstürzte und dabei einen gut 200 Meter langen Streckenabschnitt mit sich riss. Die Brücke stürzte in den Fluss Polcevera, auf die Eisenbahnschienen unter der Brücke und auf einige Lagerhallen, die sich am Fuss des Pfeilers befanden. Dreissig Fahrzeuge wurden in die Tiefe gerissen, 43 Menschen kamen ums Leben. Ein Albtraum war wahr geworden. Das Foto eines grünen Gemüsetransporters, der einige Meter vor der Bruchstelle zum Stillstand kam, ging um die Welt: Der Lastwagen vor der Leere – er wurde zum Symbolbild dieser Katastrophe. Auch ihre Bewältigung verlief zunächst alles andere als reibungslos. So trat Giovanni Castellucci als Chef des verantwortlichen Unternehmens erst ein Jahr nach dem Unglück und erst unter massivem öffentlichem Druck von seinem Amt zurück. Dass ihm dabei zunächst noch eine Abfindung von 13 Millionen Euro zugesprochen wurde, hatte einen Aufschrei der Empörung ausgelöst. Die Zahlung wurde später eingefroren und zurückgefordert. Während des Gerichtsverfahrens bezeichnete Castellucci sich als «verantwortlich» für die Tragödie, «aber nicht schuldig». Castellucci sitzt wegen eines tödlichen Unglücks auf einer anderen Autobahn bereits im Gefängnis. Von den Benettons zurück an den Staat Gleichzeitig erhöhten die Behörden aber das Tempo. Bereits zwei Jahre nach dem Einsturz wurde an der Stelle des Ponte Morandi eine neue Autobahnbrücke eingeweiht, geplant vom Genueser Stararchitekten Renzo Piano. Die Aspi ihrerseits wurden bereits im Mai 2022 erneut verstaatlicht. Zum Zeitpunkt der Katastrophe wurde das Unternehmen von der Familie Benetton kontrolliert, den Gründern und Eigentümern des gleichnamigen Modekonzerns. Die Abwicklung des Deals gab freilich zu viel Kritik Anlass. Dass die Benettons für ihren Anteil mit rund 8 Milliarden Euro aus der Staatskasse entschädigt wurden, kam nicht gut an – wie auch der Umstand, dass die Familie strafrechtlich nicht belangt wurde. «Wir hätten uns sofort entschuldigen sollen», sagte Alessandro Benetton, Präsident der Familienholding, im Nachgang zur Katastrophe – eine Einsicht, die vom heutigen Chef der Aspi, Arrigo Giana, geteilt wird. Am Montag, einen Tag vor der Urteilsverkündung, hat Giana im «Corriere della Sera» einen offenen Brief veröffentlicht, in dem er im Namen der Aspi um Entschuldigung bat «für das Leid, das durch das tragische Ereignis verursacht wurde». Die Organisationen der Opferangehörigen konnten dem Brief indessen nicht viel abgewinnen und zeigten sich überrascht über die Entschuldigung, die ihrer Meinung nach schon viel früher hätte erfolgen müssen. Das Urteil vom Dienstag wiederum bewerteten sie positiver. «Die Verurteilungen bestätigen immerhin, dass jemand Fehler gemacht hat», betonte die Präsidentin der Angehörigenvereinigung vor den Medien. Der Prozess habe jahrelange Ineffizienz und Nachlässigkeit ans Licht gebracht.

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