325 Millionen Euro: Baustart für Forschungscampus Cottbus im LSP
In Cottbus ist der Startschuss für das nächste Großprojekt gefallen. Im Lausitz Science Park im Nordwesten der Stadt haben am Donnerstag (1. Oktober 2026) die beteiligten Forschungseinrichtungen gemeinsam mit Stadt, Land, Bund und BTU Cottbus-Senftenberg den ersten Spatenstich für den Forschungscampus Cottbus gesetzt. Bis 2030 sollen dort auf rund 50.000 Quadratmetern fünf Forschungsbauten entstehen, in die das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), die Fraunhofer-Gesellschaft und das Leibniz-Institut IHP einziehen. Insgesamt sollen dort rund 600 Arbeitsplätze entstehen. Für die Erschließung der Fläche gab es zum Start Förderbescheide über rund 64,5 Millionen Euro, insgesamt fließen bis 2030 rund 325 Millionen Euro von Bund und Land in den Campus.
325 Millionen Euro bis 2030
Die Förderbescheide übergaben Ministerpräsident Dietmar Woidke, Bundesforschungsstaatssekretärin Silke Launert und Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle an die Spitzen von DLR, Fraunhofer-Gesellschaft und Leibniz-Gemeinschaft. Die 64,5 Millionen Euro sind nur der Auftakt. Insgesamt stellen Bund und Land bis 2030 rund 325 Millionen Euro für den Campus bereit, der als Leuchtturmvorhaben des Lausitzer Strukturwandels gilt. Das Geld für die Erschließung stammt aus dem Investitionsgesetz Kohleregionen des Bundes, das Land Brandenburg finanziert mit. Woidke zufolge gewinnt Cottbus mit dem Campus als Forschungs- und Innovationsstandort weiter an Profil. Gemeinsam mit Partnern wie Fraunhofer, IHP, DLR und der BTU Cottbus-Senftenberg entstünden hochmoderne Arbeitsplätze für Zukunftsfragen, von der Energieinfrastruktur bis zu alternativen Antrieben.
Fünf Häuser für die großen Fragen der Zeit
Was in den Neubauten passieren soll, fasste Wissenschaftsministerin Schüle so zusammen: „Hier entstehen fünf Häuser, in denen daran gearbeitet wird, womit die Lausitz heizt, wenn das Kraftwerk aus ist. Wie Industrie ihre Hitze ohne Kohle und Gas erzeugt. Wie Flugzeuge ohne Kerosin fliegen. Und wie Chips selbst rechnen, statt alles an ein Rechenzentrum zu schicken.“ Das sei keine Zukunftsmusik, sondern eine Antwort auf drängende Fragen der Zeit. Jeder Cent für Forschung sei deshalb eine Investition und keine Ausgabe.
Im Interview mit NIEDERLAUSITZ aktuell ordnete Schüle den Campus in die größere Entwicklung ein. Für Cottbus und die Region habe der Ministerpräsident von rund fünf Milliarden Euro gesprochen, wenn man Forschungscampus und Universitätsmedizin über die gesamte Laufzeit zusammenrechne. Der Campus solle offen sein, damit Forschungsergebnisse in die Anwendung kommen und Unternehmen aus der Region davon profitieren. Der nächste Termin steht schon fest: Am 11. Oktober begrüßt die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem ihre ersten 36 Medizinstudierenden.
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Das DLR baut für zwei Institute: das Institut für Elektrifizierte Luftfahrtantriebe und das Institut für CO₂-arme Industrieprozesse. DLR-Vorstandschefin Anke Kaysser-Pyzalla sieht im Campus die Chance, die Stärken des Standorts enger zu verbinden. Anwendungsorientierte Forschung, Hochschulausbildung und außeruniversitäre Institute schafften gemeinsam Raum für neue Ideen und stärkten die Sichtbarkeit der Lausitz über die Region hinaus.
Lars Enghardt, Direktor des DLR-Instituts für Elektrifizierte Luftfahrtantriebe, rechnet beim DLR mit insgesamt rund 300 Arbeitsplätzen, davon etwa 250 in Cottbus. Sein Institut kommt auf rund 150 Stellen, von denen ein Teil schon besetzt ist. Das Institut für CO₂-arme Industrieprozesse teilt sich etwa hälftig auf Cottbus und Zittau auf. Für Gebäude und Testanlagen beider Institute stehen nach Enghardts Angaben aus Mitteln von Bund und Land rund 150 Millionen Euro bereit. Das gemeinsame Bürogebäude an der Straße soll 2030 bezogen werden, die Teststände entstehen im Zentrum des Lausitz Science Parks, wo bereits eine Halle gebaut wird.
Inhaltlich geht es um weniger Emissionen: Der Luftverkehr verursacht Enghardt zufolge rund sechs Prozent der weltweiten Emissionen und verdoppelt sich etwa alle 15 Jahre. Beim Institut für CO₂-arme Industrieprozesse stehen wärmeintensive Fertigungsprozesse und die Stahlherstellung im Mittelpunkt. Das DLR wolle Unternehmen dabei als Partner begleiten, auch wenn gerade die unter Druck stehende Stahlindustrie den Umbau schwer stemmen könne.
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Fraunhofer IEG: Testzentrum für Großwärmepumpen
Die Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG forscht schon seit 2020 gemeinsam mit der BTU in Cottbus. Auf dem neuen Campus will sie ihre Testumgebung für die Elektrifizierung der Wärmeversorgung im industriellen Maßstab unterbringen und ausbauen. Erprobt werden dort Großwärmepumpen, Speicher und deren netzdienlicher Betrieb. Außerdem entwickeln die Forschenden Modelle, mit denen sich Transport- und Verteilnetze gemeinsam planen lassen. Kommunen und energieintensive Industrie können sich an die IEG wenden, wenn sie den Untergrund als Wärmequelle oder Wärmespeicher nutzen wollen.
Geplant sind ein Bürogebäude für 110 Mitarbeitende, ein Technikum mit rund 720 Quadratmetern und eine 1.300 Quadratmeter große Außenversuchsfläche für große Energieanlagen. Im sogenannten Transfer Quartier, einem digitalen Lernlabor, sollen Unternehmen, Start-ups, Kommunen und Forschung in Workshops und Schulungen zusammenkommen. Für den Neubau stellen Bund und Land 20 Millionen Euro bereit, weitere 13,5 Millionen Euro fließen in die wissenschaftlichen Anlagen.
Institutsleiter Mario Ragwitz zufolge arbeiten heute bereits rund 80 Menschen für die IEG in Cottbus, mit dem Neubau kommen noch etwa 30 hinzu. Rund 15 Millionen Euro hat die Einrichtung schon in ihren Aufbau gesteckt, darunter zwei Millionen Euro in einen Hochleistungsrechner, mit dem sich Energiesysteme genauer planen lassen. Mit der BTU arbeitet die IEG unter anderem am Energieinnovationszentrum und am Referenzkraftwerk Lausitz, mit dem DLR an Hochtemperatur-Großwärmepumpen. Die Nähe der Forschungseinrichtungen mache sich auch an der Universität bemerkbar: Die Vorlesungen würden voller, viele Studierende schrieben ihre Abschlussarbeiten an den Instituten.
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Fraunhofer-Präsident Holger Hanselka nannte den Spatenstich einen wichtigen Meilenstein für den Lausitz Science Park. Dort kämen Forschungseinrichtungen sowie kleine und mittlere Unternehmen zusammen, um Wissenschaft, Wirtschaft und Technologietransfer enger zu verzahnen.
IPMS und IKTS: Sensoren und KI-gestützte Materialprüfung
Direkt nebenan baut das Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme IPMS seinen Cottbuser Institutsteil „Integrated Silicon Systems“ aus. Dort entstehen Sensor- und Mikrosysteme, die ihre Daten direkt vor Ort auswerten, sodass Maschinen in Echtzeit auf ihre Umgebung reagieren können. Zu den Forschungsbeispielen gehören eine kompakte Hyperspektralkamera für Materialanalysen, sehr kleine Ultraschall-, chemische und optische Sensoren sowie Terahertz-Mikrosysteme. Einsatzfelder sind Produktion, Energie- und Wasserstofftechnik, Umwelt und Medizin. Institutsleiter Harald Schenk zufolge sorgt die enge Verbindung zur BTU für kurze Wege bis zur industriellen Anwendung.
Mit im Haus sitzt das Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme IKTS. Seine Projektgruppe „Kognitive Materialdiagnostik“ verbindet die zerstörungsfreie Prüfung von Werkstoffen und Bauteilen mit Künstlicher Intelligenz, und zwar gemeinsam mit der BTU und dem Lausitzer Zentrum für Künstliche Intelligenz. Die Verfahren sollen bei der Qualitätskontrolle in der Fertigung und bei der Wartung von Industrieanlagen helfen.
Schenk, der seit 2012 an der BTU den Lehrstuhl für Mikro- und Nanosysteme innehat, rechnet beim IPMS im Endausbau mit 60 bis 70 Arbeitsplätzen. Derzeit sind es 25 bis 30, die vor allem in Räumen der BTU arbeiten. Die erste Zusage für das Institut gab es 2017, einziehen will das IPMS nun 2029 oder 2030. Die Zwischenzeit hat das Institut über Strukturwandelprojekte zur Mikrosensorik genutzt und arbeitet inzwischen mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen vor allem aus Brandenburg zusammen, etwa an Lösungen für die Produktion, die medizinische Diagnostik und die Landwirtschaft.
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IHP: Leibniz-Haus mit rund 140 Arbeitsplätzen
Das Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik IHP aus Frankfurt (Oder) plant ein Büro- und Laborgebäude mit rund 140 Arbeitsplätzen, das Ende 2029 fertig sein soll. Die eine Hälfte nutzt das IHP selbst, die andere steht weiteren Leibniz-Instituten offen. In den Laboren geht es um Materialanalytik, Sensorik, eingebettete Systeme und Biomaterialien für den Gesundheitsbereich. Ein Schwerpunkt sind intelligente Edge-Systeme, die Mikroelektronik und KI direkt im Gerät verbinden.
„Viele Fragen, an denen wir heute arbeiten, lassen sich innerhalb einer einzelnen Disziplin nicht mehr beantworten“, sagte Gerhard Kahmen, Wissenschaftlich-Technischer Geschäftsführer des IHP. Der Neubau bringe Mikroelektronik, Materialforschung und KI direkt neben der BTU unter ein Dach. Das IHP ist seit 1998 in Cottbus aktiv und baut seit 2023 in der Nordstraße sein Team auf, bis der Neubau bezugsfertig ist.
Einschließlich der Erschließung investiert das IHP Kahmen zufolge rund 50 Millionen Euro. Derzeit läuft die Detailplanung, Ende Oktober will das Institut den Förderantrag für den Bau stellen, Baubeginn soll Ende 2027 sein. Mit dem Leibniz-Institut für Kristallzüchtung in Berlin und dem Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg arbeitet das IHP schon heute in angemieteten Räumen in Cottbus zusammen. Mitte September ging außerdem die Research Innovation Factory Cottbus für KI und Mikroelektronik an den Start, an der neben zwei Leibniz-Instituten auch das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz beteiligt ist.
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Erster Baustein für den Lausitz Science Park
Zusammengerechnet sollen auf dem Campus rund 600 Arbeitsplätze entstehen, etwa 250 bei den beiden DLR-Instituten in Cottbus, rund 140 beim IHP, 110 bei der IEG und 60 bis 70 beim IPMS. Der Forschungscampus ist der erste Baustein des Lausitz Science Parks, der sich auf rund 420 Hektar im Cottbuser Nordwesten entwickeln soll. Langfristig sollen dort Forschung, Ausgründungen, Unternehmen, Wohnen und Freizeit zusammenkommen.
Stimmen zum Spatenstich
Für Bürgermeisterin Doreen Mohaupt ist der Campus ein Meilenstein für die Zusammenarbeit zwischen Universität und außeruniversitärer Forschung. Mit den neuen Arbeitsplätzen wachse auch der Bedarf an Wohnungen, Schul- und Kitaplätzen und Nahverkehr. Direkt gegenüber, auf dem Stadtfeld nördlich des Nordrings, ist deshalb ein Wohngebiet geplant. Auch eine Straßenbahn zum Campus hat die Stadt im Blick: Die bereits beschafften neuen Straßenbahnen seien mehr, als das bisherige Streckennetz benötige. Mit dem Bau einer Trasse solle bis Anfang der 2030er-Jahre begonnen werden, sagte Mohaupt. Bis dahin ist der Campus per Bus angebunden.
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Was der Forschungscampus für die BTU bedeutet
BTU-Präsidentin Gesine Grande erlebte den Spatenstich am ersten Tag ihrer zweiten Amtszeit. Was Universität und Institute in den vergangenen Jahren gemeinsam begonnen hätten, sei nun auf Dauer angelegt. Gemeinsam mit den Instituten habe die BTU neue, forschungsnahe Masterstudiengänge entwickelt. Grande erwartet zudem weitere Ausgründungen und Start-ups aus Universität und Instituten, die in der Region Arbeitsplätze und Wertschöpfung schaffen. Bei der weiteren Zusammenarbeit soll das Lausitz Science Network helfen. „Wir wollen Cottbus zu einem international sichtbaren Wissenschaftsstandort entwickeln, der zum Erfolg der regionalen Transformation beiträgt“, sagt Grande.
Die Verbindung ist schon heute eng. Mehrere Leiter der neuen Institute lehren zugleich an der BTU: Harald Schenk vom Fraunhofer IPMS hat die Professur für Mikro- und Nanosysteme, Gerhard Kahmen vom IHP das Fachgebiet Halbleitertechnologie und Mario Ragwitz vom Fraunhofer IEG das Fachgebiet Integrierte Energieinfrastrukturen. Mit ihren Themen von klimaneutraler Industrie über elektrisches Fliegen und Geoenergie bis zu Mikroelektronik decken die Institute nach Angaben der BTU zentrale Profillinien der Universität ab, darunter Energiewende und Dekarbonisierung sowie Künstliche Intelligenz und Sensorik. „Forschung, Transfer und gemeinsame Entwicklung gehören zusammen“, sagt Uwe Riedel, designierter Vizepräsident der BTU für Forschung und Transfer. Auf dem Campus lasse sich diese Kette mit den Partnern schließen.
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Red./