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4. August 2001: Der tödliche VLN-Unfall von Ulli Richter

Sport

(Motorsport-Total.com) - 4. August 2001, 17:15 Uhr: Das 6-Stunden-Rennen geht seinem Ende entgegen. Es ist ein angenehmer Sommertag mit etwas mehr als 20 Grad - ideale Bedingungen also für das Rennen. Auf sechs Stunden wird man wegen einer früheren Unterbrechung nicht kommen. Doch dann ändert sich schlagartig alles. Mit 280 km/h überrundet Ulrich "Ulli" Richter im Porsche 996 GT3 MR einen Renault Megane. Dieser erwischt ihn am Heck. Beide Fahrzeuge schlagen zunächst rechts und dann noch einmal links in die Leitplanke ein. Die Wucht ist gewaltig. Der Renault fängt Feuer, der Fahrer entkommt aber unverletzt. Anders Ulli Richter. Sein Tod mit nur 44 Jahren ist ein Schock für den gesamten Langstreckensport. Richter war Aushängeschild der VLN. Einer, der genau für das stand, was die Serie verkörperte: Rennen fahren mit Freunden vor Freunden zur Freude, wie sein Motto lautete. Offen und zugänglich, bodenständig, und mit einem großen Fahrtalent gesegnet. Richter war erfolgreicher Medienunternehmer, leidenschaftlicher Racer und ein gern gesehener Gast im Fahrerlager. Der Erfolg, mit 26 Gesamtsiegen war er zu jenem Zeitpunkt erfolgreichster VLN-Pilot, stieg ihm nie zu Kopf. Und das, obwohl er eine ganze VLN-Ära maßgeblich mitprägte, die bis heute unvergessen ist. Unvergessen: Der Mercedes #300 Fast unzertrennlich ist sein Name dabei mit Olaf Manthey verbunden. "Er war einer meiner besten Freunde. Wir haben so viel zusammen gemacht", erinnert sich Manthey im Gespräch mit Motorsport-Total.com. Beide lernen sich an der Rennstrecke im Jahr 1989 kennen. Schnell bietet Richter ihm an, auf seinem Faltz-BMW M3 mitzufahren. Das Duo ist erfolgreich und liefert sich in den letzten Rennen der Saison packende Duelle mit BMW-Nordschleifenikone Franz Dufter. Die sportlichen Wege trennen sich zunächst wieder, aus den Augen verlieren sie sich jedoch nicht. Manthey gewinnt die erste Saison des Porsche-Carrera-Cup Deutschland und engagiert sich auch in der DTM bei Mercedes. Das führt zu einer Connection, die die VLN ab 1992 auf Jahre prägen sollte. "Ich bekam von Norbert Haug die Anfrage, ob wir nicht Lust hätten, einen Mercedes 190E Evo II auf der Nürburgring-Nordschleife einzusetzen", sagt Manthey. Die Entscheidung war Mercedes-intern höchst umstritten. Würde ein Auto, das radikal auf 100-Kilometer-Tourenwagenrennen getrimmt war, bis zu sechs Stunden auf der Nürburgring-Nordschleife durchhalten? Doch Haug und Manthey setzten sich durch. Der Mercedes wurde bei AMG in Affalterbach neu aufgebaut und auf die Gegebenheiten der Langstrecke abgestimmt. Weil die DTM damals noch auf der Nordschleife fuhr, gab es Erfahrungswerte für die Abstimmung. Der technikbegeisterte Olaf Manthey tat sein Übriges hinzu. Die legendäre #300 im Dekra-Design war geboren. Es gab einige Kinderkrankheiten, vor allem mit der Hinterachse, aber schnell wurde der 190er standfest. Das Ergebnis ist bis heute außergewöhnlich: Von 1992 bis 1995 fuhr Richter - in den meisten, aber nicht allen Fällen mit Manthey - 22 Gesamtsiege ein. Eine Gesamtsiegquote von über 50 Prozent über vier Jahre. Im Handstreich machte Chassis Nummer 31, ein Ex-DTM-Auto von Kurt Thiim, eine ganze Generation von teils fast 20 Jahre alten Porsche-Fahrzeugen chancenlos, die die VLN in den Vorjahren bestimmt hatten. Eine solche Dominanz über so viele Jahre hinweg hat es davor und danach nicht mehr gegeben. Das absolute Meisterstück war dabei der Sieg Richters im Alleingang bei der 24. Adenauer ADAC Rundstrecken Trophy am 15. Mai 1993: In der Anfangsphase fing er sich einen Reifenschaden ein und verlor fast eine komplette Runde. Doch er rollte das Feld von hinten auf und fuhr- zwar begünstigt durch eine Rennunterbrechung, aber damals wurden beide Rennhälften noch addiert - den Gesamtsieg mit mehr als 90 Sekunden Vorsprung ein. Trotz aller Dominanz war es ein bescheidenes Arrangement, wie Manthey erklärt: "Wir haben den Mercedes zusammen in Essen in einer kleinen Werkstatt, in einer kleinen Tiefgarage bei ihm, immer mit seinen Freunden und zwei, drei Freunden von mir vorbereitet, zum Nürburgring gebracht und eingesetzt." Zentrale Drehscheibe: Das Autohaus Lueg in Essen. Ende 1995 endete dann die Serie, als Mercedes den Support für das Programm einstellte. Chassis Nummer 31 rollte mit Nordschleifen-Geschichte im Gepäck ins Museum. Und wie: Im Jahr 1995 gewann die #300 noch einmal sechs von zehn Rennen, so viele wie nie zuvor. Die Geschichte hätte wohl noch auf Jahre weitergeschrieben werden können. Zakspeed und Schall feierten beispielsweise noch 1998 VLN-Siege mit Mercedes-Benz 190E. Zurück zu Porsche Richter orientierte sich in der Folge erst einmal international. Schon seit 1993 war er bei den 24 Stunden von Le Mans gestartet. Es blieb bei sporadischen Einsätzen auf einigen spektakulären Strecken wie Suzuka oder Laguna Seca. Manthey baute derweil mit anfänglicher Hilfe von Harald "Nippel" Grohs sein eigenes Unternehmen auf und setzte wieder auf Porsche. Ab 1998 traten beide wieder auf der Nordschleife an, allerdings jetzt als Gegner: Manthey zusammen mit Ulrich Gallade in seinem noch jungen Team, Richter bei Jürgen Alzen im mittlerweile museumsreifen Porsche 935 DP, mit dem beide aber noch immer Gesamtsiege einfuhren. Richter baute seine Bilanz auf 26 Gesamtsiege aus und war damit Rekordhalter. Ab 2000 trat Richter, nun mehr als 40 Jahre alt, motorsportlich kürzer. Dennoch gelingt es seinem Freund Olaf Manthey, ihn 2001 für einige Rennen an der Seite von Ulrich Gallade auf seinem Porsche 996 GT3 MR zu gewinnen. Trauer statt Vergnügen Beim 6-Stunden-Rennen sitzen dann alle drei gemeinsam auf dem Auto. Die 25. Jubiläumssaison der VLN begeht ihren feierlichen Höhepunkt mit dem 6h-ADAC-Ruhr-Pokal-Rennen bei bestem Wetter. Es herrscht festliche Stimmung. Bereits in der Anfangsphase muss das Rennen unterbrochen werden, weil ein Unfall die Strecke blockiert. Die beteiligten Fahrer bleiben bis auf leichte Prellungen unverletzt. Olaf Manthey übernimmt im Porsche die Führung, danach geht es jedoch bis auf Platz vier zurück. Schlussfahrer Richter übernimmt und fährt sich wieder auf Platz zwei vor. Den um zwei Minuten enteilten Porsche von Jürgen Alzen und Arno Klasen würde er nicht mehr einholen. Dann der Knall. Olaf Manthey bekommt die Nachricht an der Box. "Ich bekam die Nachricht Unfall unter Beteiligung meines Autos an der Antoniusbuche", erinnert er sich an den verhängnisvollen Tag. Manthey ist klar, dass ein Unfall an dieser Stelle nichts Gutes bedeuten kann. Er handelt sofort: "Ich habe mich sofort ins Auto gesetzt und bin über die Bundesstraße zur Unfallstelle gefahren. Und als ich ankomme, liegt der Motor unseres Autos mitten auf der Bundesstraße!" Die Wucht des Aufpralls hatte das Aggregat über alle Büsche fliegen lassen. Manthey klettert über den damals noch recht niedrigen Zaun, um nach Richter zu sehen. Richter wirkt bis auf eine kleine Wunde durch seine charakteristische Brille über dem Auge unverletzt und ist sogar noch ansprechbar. Trotzdem droht er zu verbluten. Warum? Richter wurde von Natur aus mit relativ dünnen Adern geboren. Beim Unfall hat ihm offenbar der Gurt die Aorta durchtrennt. Vier Ärzte kämpfen um Richters Leben, ein Rettungshubschrauber landet in kürzester Zeit vor Ort. Doch trotz aller Bemühungen erliegt Ulrich Richter noch an der Unfallstelle seiner Verletzung an der Hauptschlagader. Für die gesamte Szene war es ein Schock. "Ich stand kurz davor, mit dem Fahren aufzuhören", erinnert sich Manthey. "Ich habe dann aber gesagt, es muss weitergehen, denn das wollte Ulli wahrscheinlich auch nicht. Jedes Mal, wenn ich an der Unfallstelle vorbeigekommen bin, hat der rechte Fuß gezittert. Und das hat auch mindestens ein halbes Jahr gedauert, bis das wieder einigermaßen in der Reihe war." Ulli Richter hinterließ seine Frau Gaby und seinen sechsjährigen Sohn Dennis. Dennis Richter ist heute 30 Jahre alt. Er bestritt ebenfalls Rennen, vor allem in der ADAC GT4 Germany, und betreibt den Folierungsbetrieb Speed Monkeys. Den unternehmerischen wie motorsportlichen Geist seines Vaters hat er direkt in die Wiege gelegt bekommen.

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