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40 Jahre altes Foto offenbart Problem an Schulen

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Ein 40 Jahre altes Foto aus den USA zeigt ein Problem, vor dem deutsche Schulen gerade stehen

Von: Andreas Apetz

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Die Argumente in der Debatte um den Einsatz von künstlicher Intelligenz im Schulunterricht gab es schon einmal. Bereits in den 80ern war man wegen neuer Technik besorgt.

Frankfurt – Es war April 1986, als rund 20 Mathematiklehrerinnen und -lehrer mit Schildern durch die Straßen Washingtons zogen. Auf einem Plakat stand: „Schaltet sie bis zur Oberstufe aus!“ Die Protestaktion richtete sich gegen die Jahrestagung des National Council of Teachers of Mathematics (NCTM), das damals eine Richtlinie zur Integration elektronischer Taschenrechner in den Mathematikunterricht aller Klassenstufen sowie in Hausaufgaben und Leistungsnachweise erarbeitete.

„Der Knopf bringt nichts, bis das Gehirn trainiert ist“ und „Vorsicht: Vorzeitige Taschenrechnernutzung kann der Bildung Ihres Kindes schaden“: So lauteten einige der Parolen der sogenannten „Taschenrechner-Aufstände“, wie die Washington Post berichtete. Die Lehrkräfte befürchteten, Schülerinnen und Schüler könnten das Kopfrechnen und ein grundlegendes Zahlenverständnis verlernen, wenn sie zu früh auf Maschinen zurückgreifen. Den Wandel konnten sie mit der Protestaktion nicht aufhalten: In den 1990er-Jahren gehörten wissenschaftliche und grafische Taschenrechner weltweit zum Standardrepertoire von Schulen und standardisierten Prüfungen.

Chatbots im Unterricht: Taschenrechner-Debatte von 1986 wird heute wieder geführt

Heute wird der Vergleich zu den Taschenrechner-Aufständen gerne gezogen, wenn es um Künstliche Intelligenz (KI) geht. Befürworter von Sprachmodellen und Chatbots erkennen heute darin die unberechtigte Widerstandshaltung gegen eine eigentlich positive Innovation wieder. „Wir haben uns auch an Taschenrechner angepasst und die Art und Weise verändert, wie wir im Matheunterricht prüfen. Das hier ist zweifellos eine extremere Version davon, aber auch die Vorteile sind weitaus extremer“, sagt Sam Altman bereits in einem Interview 2023.

Trotz der populären Analogie betonen viele Pädagoginnen und Pädagogen wichtige Unterschiede: Ein Taschenrechner arbeitet deterministisch: feste Formeln liefern verlässliche Zahlen. Generative KI hingegen übernimmt oft komplette Denk- und Schreibprozesse und neigt zu Halluzinationen. Kritikerinnen und Kritiker fordern daher, KI nicht einfach unkritisch wie einen Rechner einzubinden, sondern vor allem die Medienkompetenz und das kritische Denken der Schüler zu schärfen.

Auch die Mathematikerin und Professorin für Mathematikdidaktik, Susanne Prediger, kennt den Widerstand gegen die Taschenrechner und dessen Verlauf: „Schon damals wurde diskutiert, welche Rechnungen Lernende denn dann überhaupt noch von Hand können müssen“, sagt Prediger der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Später wurden die Prüfungsformate zweigeteilt, um Basiskompetenzen ohne Hilfsmittel und komplexe Problemstellungen mit dem Rechner getrennt zu bewerten. Reines Ausrechnen verlor in den Leistungsnachweisen an Gewicht. Stattdessen gewannen Interpretieren, Begründen und mathematischen Modellieren an Bedeutung.

Viele dieser Rechnungen finden laut Prediger schon lange nicht mehr auf dem Papier statt, sondern fast ausschließlich im Taschenrechner. Beim Ziehen einer Wurzel sei es mittlerweile etwa wichtiger, zu verstehen, was ein Wurzelzeichen bedeutet und wie man überprüft, ob eine Zahl wirklich die Wurzel ist, als das Ergebnis schriftlich herzuleiten. Rechnen müssten die Kinder dafür trotzdem, wenn es darum geht, „die Größenordnung der Ergebnisse überschlagen zu können, damit ihnen Tippfehler beim Taschenrechnergebrauch auffallen“. Jugendliche müssten nicht zu Rechenmaschinen ausgebildet werden, sondern sie sollten die Maschinen „mit Verständnis und guten Strategien“ bedienen können, erklärt die Mathematikerin.

Ute Schmid, Professorin für Kognitive Systeme an der Universität Bamberg, warnt vor einem sorglosen Umgang mit KI-Tools. Wer generative KI als Abkürzung nutze, bevor er selbst gedacht habe, dem fehle die Grundlage, um deren Qualität überhaupt einschätzen zu können. „Das Generieren von Lösungen, sei es ein Aufsatz oder die Lösung eines mathematischen Problems, sollte nie am Anfang stehen“, sagt Schmid der Frankfurter Rundschau. Kompetenzerwerb basiere maßgeblich auf dem Selbermachen. Nur wer eigenständig Probleme löse, könne hinterher auch beurteilen, ob eine KI-generierte Antwort korrekt sei. „Ohne diese Kompetenzen können wir generierte Inhalte nur noch abnicken“, warnt die Forscherin.

KI kann im Bildungssystem funktionieren – wenn Schulen sie richtig einsetzen

Estland zeigt, wie dringlich das Problem ist: Schon Ende 2024 nutzten dort 90 Prozent der Oberstufenschülerschaft ChatGPT für ihre Hausaufgaben. Die Regierung reagierte nicht mit Verboten. Stattdessen erhalten seit 2025 mehr als 20.000 Schülerinnen und Schüler sowie 3.000 Lehrkräfte Zugang zu einer speziell entwickelten Lern-App, die anders als ChatGPT keine fertigen Antworten liefert, sondern wie ein Lehrer funktioniert: Sie hilft beim Planen des Lernwegs, leitet Schülerinnen und Schüler an, selbst Antworten zu finden und ihre eigenen Schlussfolgerungen zu formulieren.

Bei der JIM-Studie 2025 aus Deutschland gaben drei von vier Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren an, einen Chatbot zum Lernen oder für die Hausaufgabe zu nutzen. Prediger plädiert deshalb dafür, dass sich auch die Prüfungen an die neue Lernrealität anpassen. „Das Abitur sollte Aufgaben enthalten, in denen man zeigt, dass man digitale Werkzeuge für anspruchsvolle Probleme nutzen kann“, sagt sie. Zugleich brauche es weiter einen hilfsmittelfreien Teil, also Aufgaben ohne Taschenrechner oder Software. „Nur so lässt sich prüfen, ob Lernende grundlegende Rechenwege auch selbst beherrschen“, sagt die Mathematikdidaktikerin.

Das Foto der protestierenden Mathematiklehrkräfte von 1986 zeigt, dass jede Technologie zunächst Sorgen weckt. Wichtig ist, dass daraus keine Panik und keine unberechtigte Abwehrhaltung entstehen. Die Taschenrechner-Debatte verdeutlicht den richtigen Umgang mit neuer Technologie: Sie wurde gelöst, indem Unterricht und Prüfungen neu konzipiert wurden. Auch jetzt muss der Lernprozess neu gedacht werden, ohne dabei jene Fähigkeiten aus den Augen zu verlieren, die Schülerinnen und Schüler selbst beherrschen müssen. (Quelle: Washington Post, YouTube, TI-Hupe, JIM-Studie 2025, eigene Recherche)

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