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400 km/h in der MotoGP? Warum Ezpeleta jetzt eine Grenze zieht

Sport

(Motorsport-Total.com) - Die MotoGP steht vor einer technischen Zäsur. 2027 tritt ein neues Reglement in Kraft, das die Motorräder grundlegend verändern wird. Doch hinter den geplanten Änderungen steckt mehr als der übliche Neustart nach einigen Jahren. Die Verantwortlichen der Motorrad-WM beschäftigen sich zunehmend mit einer grundsätzlichen Frage: Wie schnell dürfen die MotoGP-Bikes überhaupt noch werden? Carlos Ezpeleta, Sportdirektor der MotoGP, sieht die Entwicklung mit einer gewissen Sorge. Die aktuelle Saison zeige zwar, dass die Meisterschaft sportlich hervorragend funktioniere. Gerade deshalb müsse man bei der Diskussion über 2027 aber den Blick auf ein anderes Problem richten: die Geschwindigkeit der Motorräder. "Wir können nicht zulassen, dass die Motorräder 400 km/h erreichen", erklärt Ezpeleta mit Blick auf die langfristige Entwicklung im Gespräch mit Autosport, einer Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network. Das Paradox der technischen Entwicklung Die Problematik beginnt für Ezpeleta bereits bei der Frage, was eigentlich als Sicherheitsgewinn gilt. Technische Entwicklungen können ein Motorrad in einem bestimmten Bereich zwar sicherer oder kontrollierbarer machen. Gleichzeitig ermöglichen sie es den Piloten aber auch, immer schneller zu fahren. Als Beispiel nennt der MotoGP-Sportchef die Ride-Height-Systeme: Ein Fahrer komme mit einem Problem zu seinen Ingenieuren, diese entwickelten eine technische Lösung und verbesserten damit einen bestimmten Aspekt des Motorrads. "Sie werden sagen, dass sie das Motorrad sicherer gemacht haben. Aber in Wirklichkeit haben sie es schneller gemacht." Genau darin liegt für ihn das grundsätzliche Dilemma. Denn nur weil das Motorrad technisch leistungsfähiger geworden ist, fährt der Fahrer nicht mit einer Sicherheitsreserve. Seine natürliche Reaktion sei es vielmehr, das zusätzliche Potenzial auszunutzen und wieder ans Limit zu gehen. Und steigt die mögliche Geschwindigkeit, kann sich diese bei Stürzen weiter erhöhen. Gleichzeitig lassen sich Rennstrecken nicht unbegrenzt vergrößern. Aus Sicht der MotoGP-Verantwortlichen entsteht damit eine Grenze, die nicht allein durch das Reglement, sondern auch durch die vorhandene Infrastruktur gesetzt wird. Reglement 2027 soll neue Ära einläuten Vor diesem Hintergrund gewinnt das neue technische Reglement für 2027 zusätzliche Bedeutung. Ezpeleta spricht ausdrücklich von einer "neuen Ära" auf der Strecke. Dafür sorgen mehrere Veränderungen gleichzeitig. Neben dem neuen technischen Reglement kommt ein neuer Reifenlieferant hinzu. Gleichzeitig verschwinden die Ride-Height Devices und Launch-Systeme. Für die Fahrer verändert sich damit die Art und Weise, wie sie die Motorräder beherrschen müssen. Auch optisch werden sich die Bikes deutlich von der aktuellen Generation unterscheiden. Ezpeleta erwartet allerdings keine vollständige sportliche Revolution: "Ich wäre überrascht, wenn sich alles auf den Kopf stellen würde." Die Fahrer und Teams an der Spitze dürften seiner Einschätzung nach weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Die Zäsur liegt vielmehr in der technischen Philosophie. 2027 wird die Art verändern, wie die Motorräder entwickelt und gefahren werden, und möglicherweise auch, wie weit die Ingenieure mit der technischen Aufrüstung gehen können. MotoGP einbremsen um der Sicherheit willen Interessant ist dabei, dass Ezpeleta die Notwendigkeit einer Begrenzung nicht damit begründet, dass die MotoGP derzeit schlechten Rennsport liefert. Im Gegenteil: Die aktuelle Meisterschaft bezeichnet er als ausgesprochen spannend. Unerwartete Fahrer, Teams und Hersteller seien in der Lage, um Spitzenpositionen zu kämpfen. Die Regeln hätten dazu beigetragen, ein starkes sportliches Produkt zu schaffen. "Wir haben einen unglaublichen Sport auf der Strecke, fantastische Rennen", betont Ezpeleta. Einen Budgetdeckel etwa sieht er deshalb ausdrücklich nicht als Maßnahme, das Racing spannender zu machen. Die MotoGP habe in dieser Hinsicht kein Problem. Es gehe vielmehr darum, eine technische Entwicklung zu kontrollieren, die irgendwann selbst zum Problem werden könnte. "Wir müssen etwas Logik da reinbringen", sagt Ezpeleta. Denn es könne leicht eine Situation entstehen, in der ein Hersteller bereit sei, praktisch jeden Preis für einen technischen Vorteil zu zahlen. "So ziehst du die anderen Teams und Hersteller in eine endlose Eskalation hinein." Die MotoGP muss also einen Balanceakt bewältigen: Sie will weiterhin die technisch anspruchsvollste Motorrad-Rennserie der Welt sein, gleichzeitig aber verhindern, dass technische Fortschritte zu einer immer höheren Geschwindigkeitsspirale führen. Die neue Generation der MotoGP-Bikes ist vor diesem Hintergrund mehr als ein weiterer Reglementwechsel. Sie ist ein Versuch, die Entwicklung in eine neue Richtung zu lenken. Ezpeleta betont, dass die Motorräder weiterhin leistungsstark und technisch faszinierend bleiben sollen. Gleichzeitig müsse die Entwicklung mit einem gewissen Maß an Vernunft erfolgen, mahnt der Sportdirektor: "Wir haben im Gegensatz zum Vierradsport ein unüberwindbares Limit, und das ist die Sicherheit." Die kommende Generation wird deshalb zeigen müssen, ob sich die MotoGP auch ohne einige der bisherigen technischen Hilfsmittel auf demselben Niveau bewegen kann, und ob sich die Entwicklung der Motorräder langfristig kontrollieren lässt. Die große Herausforderung, die damit eingeht, lautet nicht nur: Wie schnell kann eine MotoGP-Maschine sein, sondern zunehmend, wie schnell sollte sie überhaupt sein? Für Ezpeleta ist die Antwort zumindest in einem Punkt klar. Eine Entwicklung hin zu immer höheren Geschwindigkeiten kann nicht unbegrenzt weitergehen. Denn irgendwann stößt nicht mehr nur das Motorrad an seine Grenzen, sondern auch die Strecke, die Sicherheitsinfrastruktur und damit der Sport selbst.

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