400.000 tote Soldaten für 19 Prozent der Ukraine: Diese Zahlen zeigen, wie schlecht Putins Krieg wirklich läuft
Wenn der russische Machthaber höchstpersönlich Probleme mit seinem Ukraine-Krieg einräumt, muss tatsächlich etwas im Argen liegen. Wladimir Putins Auftritt Ende Juni beim Kongress der Regierungspartei und seine Krisensitzung zum Treibstoffmangel waren daher bemerkenswert. Dem tatsächlichen Ausmaß der Probleme wurden die dort vorgebrachten Eingeständnisse aber nicht gerecht. Putins Rhetorik war von Beschwichtigungen geprägt, die Schwierigkeiten wurden heruntergespielt. Dabei zeigen drei Zahlen, wie sehr Russland und seine Armee in der ersten Jahreshälfte wirklich unter Druck geraten sind. Es wird deutlich, wie schlecht die militärische Bilanz des Krieges gegen die Ukraine ausfällt, der 2014 mit der Annexion der Krim begann. Die Zahlen zeigen ein Land, das den eigenen Angriffskrieg plötzlich an der Tankstelle spürt. Russland ist ein großes, kulturell vielseitiges Land. Doch wer dieser Tage durch die Feeds sozialer Medien auf den Vielvölkerstaat blickt, sieht vor allem Rauch und Feuer. Zahlreiche Aufnahmen zeigen brennende russische Raffinerien, die normalerweise Erdöl zu Treibstoff weiterverarbeiten und nun in Flammen stehen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht in diesen Fällen gerne von „Langstreckensanktionen“. Es klingt wie eine bissig formulierte Erweiterung der gängigen, westlichen Sanktionen gegen den russischen Gas- und Ölhandel. Letztere haben zwar der russischen Wirtschaft geschadet, jedoch keine Treibstoffkrise herbeigeführt. Die gibt es erst, seit die Ukraine selbstproduzierte Drohnen in großer Zahl und teils mehr als tausend Kilometer weit durch Russland fliegen lässt, hinein in die Herzstücke von Putins fossilem Imperium. Immer wieder gibt es Berichte über ukrainische Angriffe auf die größten russischen Raffinerien. Damit treffen die Drohnen indirekt auch den Alltag derjenigen russischen Bürger, für die der Krieg bislang weit weg war. Denn an den Tankstellen geht das Benzin aus. Der Mangel betrifft neben der zunehmend isolierten Halbinsel Krim große Teile Russlands und damit ausgerechnet ein Land, das wirtschaftlich vor allem für seine fossile Energie bekannt ist. Bereits Anfang Juni sank die Ölverarbeitung nach Einschätzung von Analysten der Consultingagentur Energy Intelligence auf unter vier Millionen Barrel pro Tag. Es ist der niedrigste Wert seit 21 Jahren. Ein Drittel aller Raffinerien stand Ende Juni wegen der ukrainischen Angriffe still. Russlands Bild der Stärke fußt neben Öl und Gas auch auf seiner Armee. Doch die Leistung dieser Truppe ist miserabel, wenn man sie am Ziel der Landeroberung misst. Stand März 2026 – zwölf Jahre nach Beginn der russischen Landnahme in der Ukraine – hat Russland den verfügbaren Zahlen nach gerade einmal 19,4 Prozent der Ukraine besetzt. Diese Zahl enthält schon die bereits vor der Invasion 2022 annektierte Krim und auch die von russisch unterstützten Separatisten seit 2014 kontrollierten Gebiete im ukrainischen Osten. Seit Februar 2026 geriet der Vormarsch deutlich ins Stocken. Es sieht nicht so aus, als würden die Werte der vergangenen beiden Jahre erneut erreicht werden. Nach Daten des US-Instituts für Kriegsstudien (ISW) gewann die russische Armee im Juni 2026 lediglich 30,02 Quadratkilometer Land hinzu. Das entspricht der Größe der Nordseeinsel Borkum. Zum Vergleich: Im Juni 2025 waren es noch 481,87 Quadratkilometer. Für die mageren monatlichen Zugewinne opfert Putin Zehntausende Soldaten. Sie sterben, werden verwundet oder von den Ukrainern gefangengenommen. Insgesamt wuchs die Zahl der Verluste seit 2022 auf 1,4 Millionen an, wie das Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) in Washington berechnet hat. 400.000 bis 450.000 Männer wurden demnach getötet. Die Zahlen klingen für sich genommen schon hoch. Ihre Drastik ergibt sich aber erst aus einem historischen Vergleich. In der Studie heißt es: Die Zahl der russischen Todesopfer in der Ukraine ist „mehr als viermal so hoch wie alle US-Todesopfer in sämtlichen Kriegen seit dem Zweiten Weltkrieg zusammen“. Im ersten Halbjahr 2026 wurde es für Russland besonders blutig. Ausgerechnet bei sinkenden Gebietszuwächsen stiegen die Verluste merklich an. Das Verhältnis zwischen russischen und ukrainischen Verlusten betrug 8:1, so die Angaben des CSIS. Dass der Angreifer im Krieg mehr Soldaten verliert als der Verteidiger, ist zwar normal. Doch zuvor hat das Verhältnis den Angaben zufolge die meiste Zeit bei 2:1 oder 3:1 gelegen. Zurückzuführen sei dies auf den Einsatz ukrainischer Kampfdrohnen. Was die Zahlen bedeuten – und was nicht Was bedeuten all diese Zahlen zu toten Soldaten, geringen Landgewinnen und beschädigten Raffinerien für den Krieg in der Ukraine? Sie belegen die enormen Kosten und auch das gigantische menschliche Leid, das Putins Invasion bislang verursacht hat. Sie zeigen, dass der Krieg in einer für Russland relativ schlecht laufenden Phase ist. Sie deuten ein Zeitfenster an, mit der Möglichkeit für stärkeren Druck auf den Aggressor. Bis Russland sich womöglich angepasst hat und im Winter wieder die Wärmeversorgung der Ukrainer angreift. Auch diese Woche setzte Putins Armee ihren Krieg gegen die ukrainische Zivilbevölkerung mit einer der heftigsten Angriffswellen seit Kriegsbeginn fort. Immer wieder greift Russland dabei auch mit ballistischen Raketen an. Bei deren Abwehr fehlt es nach wie vor „chronisch an Munition“, wie Oberstleutnant Andreas Rapp vom German Institute for Defence and Strategic Studies dem Tagesspiegel bestätigte. Sie kann derzeit nur aus dem Ausland kommen, obgleich die Ukraine an eigenen Lösungen arbeitet. Auch sind laut Rapp russische Gleitbomben und Artillerie „etwas aus dem medialen Fokus gerückt“. Diese seien aber für die größten Zerstörungen in umkämpften, frontnahen Städten und an ukrainischen Stellungen verantwortlich. Was angesichts der Aufmerksamkeit für die ukrainischen Drohnenerfolge zuletzt ebenfalls unterging: Russland hat eigene Drohnenspezialisten im Einsatz, wie Rapp sagt. Sie zerstörten „schwerpunktmäßig ukrainische Logistik hinter der Front, sodass für die Ukraine die umkämpften Abschnitte schwer zu halten sind.“ Dazu kämen die nach wie vor bestehende personelle und materielle Überlegenheit der Russen sowie die Personalprobleme der ukrainischen Armee. Man darf also nicht den Fehler machen, die aufgeführten Zahlen als Zeichen einer garantierten Kriegswende zu interpretieren. Sie sind eine Momentaufnahme, die Hoffnung machen kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. (mit dpa)