55 Quadratmeter auf 6 Ebenen! So wurde dieses verfallene Häuschen in Ligurien zum lichtdurchfluteten Rückzugsort
55-Quadratmeter-Haus in Ligurien: So schuf Architekt Davide Andracco einen labyrinthischen, doch lichtdurchfluteten Rückzugsort für eine Lehrerin. Hoch über der ligurischen Küstenstadt Imperia liegt Parasio, die historische Altstadt mit ihren engen Gassen und dem Blick aufs Meer. Bis heute hat sich das Viertel seinen ursprünglichen Charakter bewahrt und ist vom Massentourismus weitgehend verschont geblieben. Mitten in diesem historischen Gefüge entdeckte der Architekt Davide Andracco ein Gebäude, das die meisten nur als feuchte, verlassene Ruine wahrnahmen. Für ihn jedoch steckte darin ein außergewöhnliches Potenzial. „Es war wirklich in einem schlechten Zustand, aber ich habe sofort gesehen, was daraus werden könnte. Als die Kundin in mein Büro kam, war sie zunächst skeptisch – so wie viele andere auch. Doch ich konnte sie überzeugen.“ Inzwischen ist aus dem einst aufgegebenen Gebäude ein lichtdurchflutetes Zuhause für eine Schweizer Lehrerin entstanden. Auf nur 55 Quadratmetern entfalten sich sechs versetzt angeordnete Ebenen, die durch eine konsequente Materialwahl und fließende Übergänge als zusammenhängender Raum wahrgenommen werden. Und es gibt noch mehr, was dieses Haus besonders macht – auch wenn es auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Das Konzept: Pure and Light Wer das Haus betritt, bewegt sich unweigerlich zwischen den Ebenen. Vom Eingang, der wenige Zentimeter unter Straßenniveau liegt, führt der Weg hinauf auf eine schwebende Plattform, hinab ins Wohnzimmer, weiter in den ehemaligen Keller und schließlich wieder hinauf zum Schlafbereich und Badezimmer. Sechs Ebenen entfalten sich auf gerade einmal 55 Quadratmetern – ein räumliches Kontinuum, das den Bestand des Hauses aus dem 17. Jahrhundert aufgreift. Das Gebäude bewahrt bis heute charakteristische Merkmale der traditionellen ligurischen Bauweise: massive Natursteinmauern, Kastanienholzbalken und ein Gefüge aus unterschiedlichen Höhenniveaus. Wo es notwendig war, griff Andracco behutsam in die Substanz ein. „An einigen Stellen musste ich Doppelwände einziehen, um das Feuchtigkeitsproblem zu lösen, vor dem die Bauherrin große Angst hatte. Ich hätte gerne mehr ursprüngliche Oberflächen erhalten – vor allem im Bad mit seinen wunderschönen Ziegeln –, doch ich habe ihren Wunsch respektiert.“ Dennoch ließ ihm die Eigentümerin gestalterisch weitgehend freie Hand. „Bei manchen Entscheidungen waren wir uns sofort einig, andere waren für sie eine Überraschung“, erzählt der Architekt. Über allem stand für die beiden eine klare Leitidee: „Pure and light.“ Renovierung voller Überraschungen Die Renovierung hatte bereits begonnen, da ergab sich eine Überraschung: Unter einem dicken Belag kam ein großes Becken zum Vorschein. „Wahrscheinlich handelt es sich um eine ehemalige Zisterne zur Wassersammlung – ähnliche Anlagen finden sich auch in anderen Gebäuden der Altstadt“, erklärt Andracco. Der Fund erwies sich nicht nur als historisches Zeugnis, sondern eröffnete auch neue räumliche Möglichkeiten. „Dadurch konnten wir diesem Bereich deutlich mehr Höhe verleihen, denn zuvor waren die Decken sehr niedrig gewesen. In der Altstadt sind Eingriffe zur Vergrößerung des Raumvolumens normalerweise nicht erlaubt.“ Aus der ehemaligen Zisterne ist ein stiller, angenehm kühler Rückzugsort geworden, der künftig als leicht abgesenktes Arbeitszimmer genutzt werden soll. Auch der heutige Eingangsbereich hielt eine unerwartete Entdeckung bereit. Dort, wo sich jetzt die Küche befindet, lag einst der öffentliche Zugang zum Gebäude. „Uns fiel sofort die schräge Decke auf. Also fragten wir uns, was sich darüber verbergen könnte – und entdeckten tatsächlich ein weiteres Volumen.“ Durch den Einbau einer zusätzlichen Ebene entstand dort Platz für einen Schlafbereich oder einen kleinen Arbeitsplatz. „In einer Wohnung mit nur 55 Quadratmetern bewegt man sich ständig zwischen den Ebenen“, sagt Andracco – ein Prinzip, das dem Haus trotz seiner kompakten Grundfläche ein erstaunliches Gefühl von räumlicher Großzügigkeit gibt. Versteckte Steine mit besonderer Wirkung Noch ein weiteres – neues – Geheimnis verbirgt sich in diesem Häuschen. Auf Wunsch der Bauherrin wurden mehrere Stücke Baryt in eine der Fensterbänke eingemauert, ein dichtes Gestein, das eigens aus der Schweiz geliefert wurde. Aufgrund seines hohen Bariumgehalts schirmt Baryt vor Röntgen- und Gammastrahlen ab und soll vor chemischen Einflüssen und Korrosion schützen. Zudem werden Baryt in der Esoterik schützende und energetisierende Eigenschaften zugeschrieben. Deshalb wurden Barytkristalle als unsichtbare Schwelle zwischen Innen- und Außenraum in die Fensterbank eingelassen. Fragmentiert, aber dennoch stimmig Auf den ersten Blick mag die Wohnung mit ihren versetzten Ebenen und unterschiedlichen Raumhöhen fragmentiert wirken. Dennoch ist ein stimmiges Gesamtbild entstanden – getragen von durchgehenden Böden und Oberflächen, die die aus dem Fels herausgearbeiteten Räume miteinander verbinden. Das Sofa ist in einen gemauerten Sockel eingelassen, eine kleine Treppe gibt den Blick auf den blanken Felsen frei, und im Bad blieben die historischen Ziegel erhalten. Tageslicht fällt durch die Fenster tief in die Räume und hebt die natürlichen Strukturen von Stein und Mauerwerk hervor. „Es liegt ganz in der Nähe des Meeres, vermittelt aber das Gefühl, in einem kleinen Dorf im ligurischen Hinterland zu leben“, fasst der Architekt zusammen. Von der Halbruine ist das kleine Haus zu einem Rückzugsort par excellence geworden.