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6 Eigenschaften zeigen laut Psychologie, ob Sie otrovertiert sind

Wissenschaft

Nicht jeder Mensch fühlt sich in den bekannten Kategorien „introvertiert“ oder „extrovertiert“ gut aufgehoben. Manche wirken nach außen offen, gesellig und kommunikativ, ziehen sich aber gleichzeitig schnell zurück oder fühlen sich in Gruppen fehl am Platz. In sozialen Situationen sind sie präsent – und trotzdem innerlich auf Distanz. Für dieses Erleben taucht in sozialen Netzwerken und Podcasts zunehmend der Begriff „otrovertiert“ auf. Doch was steckt tatsächlich dahinter: ein neuer Persönlichkeitstyp oder eher ein modernes Etikett für ein seit Langem bekanntes Gefühl? Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Beziehungsexperte von www.50plus-Treff.de. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. Was bedeutet „otrovertiert“? Der Begriff „otrovertiert“ ist kein wissenschaftlich definierter Fachbegriff der Psychologie. Er stammt eher aus dem populärpsychologischen Bereich und beschreibt Menschen, die sich weder eindeutig introvertiert noch extrovertiert erleben. Gemeint ist meist eine Mischung aus beidem – allerdings nicht im klassischen Sinn einer „ambivertierten“ Persönlichkeit. Während Ambivertierte flexibel zwischen Zurückgezogenheit und Geselligkeit wechseln können, fühlen otrovertierte Menschen oft ein stärkeres Gefühl von innerem Widerspruch: Sie wirken sozial kompetent oder kontaktfreudig, empfinden soziale Situationen aber gleichzeitig als anstrengend. Der Begriff soll damit ein Lebensgefühl ausdrücken, das viele Menschen aus ihrem Alltag kennen: Man gehört irgendwie dazu, fühlt sich aber dennoch häufig anders. ANZEIGE ANZEIGE Der US-Psychiater und Mediziner Rami Kaminski erklärt den Begriff „otrovertiert” in seinem Buch „Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen“. Kurz gesagt: Laut Kaminski gibt es Menschen, die keine große soziale Gruppe und nicht viel soziale Interaktion brauchen, um zufrieden zu sein. Der Begriff setzt sich aus „otro“ – Spanisch für „der andere“ – und der Endung „-vertiert“ zusammen, die vom lateinischen „vertere“ („wenden“) stammt. Der Unterschied zu introvertierten und extrovertierten Menschen Die klassische Persönlichkeitspsychologie unterscheidet vor allem zwischen Introversion und Extraversion. Diese Merkmale beschreiben, woher Menschen ihre Energie beziehen und wie sie auf Reize reagieren. Introvertierte Menschen verarbeiten Reize oft intensiver, bevorzugen ruhige Umgebungen und benötigen Rückzug, um sich zu erholen. Extrovertierte Menschen suchen häufiger soziale Interaktion, äußere Anregung und spontane Aktivität. Otrovertierte Menschen beschreiben dagegen häufig einen Wechsel zwischen beiden Polen – allerdings steuern sie diesen Wechsel nicht unbedingt bewusst. Sie können in einer Gruppe sehr präsent auftreten und sich kurz darauf erschöpft oder entfremdet fühlen. Viele berichten, dass sie Small Talk beherrschen, ihn aber als oberflächlich erleben. Andere genießen Gesellschaft, brauchen danach jedoch ungewöhnlich viel Rückzug. Das entscheidende Merkmal scheint weniger das Verhalten zu sein als das innere Erleben sozialer Situationen. Warum sich viele Menschen in dem Begriff wiederfinden Die starke Verbreitung des Begriffs hat vermutlich auch mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun. Viele Menschen bewegen sich heute dauerhaft zwischen Sichtbarkeit und Rückzug: soziale Medien, berufliche Kommunikation, ständige Erreichbarkeit und hohe soziale Erwartungen prägen den Alltag. Dadurch entsteht bei manchen das Gefühl, gleichzeitig offen und erschöpft, verbunden und isoliert zu sein. Der Begriff otrovertiert bietet dafür eine einfache Beschreibung – gerade für Menschen, die sich in klassischen Persönlichkeitstypen nicht vollständig wiederfinden. Hinzu kommt, dass moderne Lebensläufe oft widersprüchliche Anforderungen erzeugen. Im Beruf gelten Kommunikationsfähigkeit und Teamorientierung als wichtig. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach Ruhe, Grenzen und Selbstschutz. Viele erleben dadurch eine dauerhafte Spannung zwischen sozialem Funktionieren und innerem Rückzug. Typische Eigenschaften otrovertierter Menschen Menschen, die sich als otrovertiert beschreiben, berichten häufig von ähnlichen Erfahrungen: Sie wirken nach außen oft offen und zugänglich. Sie brauchen nach sozialen Kontakten längere Erholungsphasen. Sie fühlen sich in Gruppen manchmal gleichzeitig beteiligt und fremd. Sie bevorzugen tiefere Gespräche statt oberflächlicher Kommunikation. Sie können zwischen starker Geselligkeit und plötzlichem Rückzug wechseln. Sie gelten häufig als „schwer einordenbar“. Viele beschreiben zudem eine erhöhte Selbstbeobachtung in sozialen Situationen. Sie analysieren Gespräche nachträglich stark oder haben das Gefühl, sich sozial „anpassen“ zu müssen. Diese Eigenschaften sind allerdings nicht exklusiv für einen eigenen Persönlichkeitstyp. Sie überschneiden sich mit bekannten psychologischen Merkmalen wie Sensibilität, sozialer Erschöpfbarkeit oder ambivertierten Persönlichkeitsanteilen. Ist „otrovertiert“ wirklich ein eigener Persönlichkeitstyp? Aus fachlicher Sicht eher nicht. In der wissenschaftlichen Psychologie existiert bislang keine anerkannte Persönlichkeitskategorie mit diesem Namen. Psychologen würden das Konzept wahrscheinlich als Mischform bekannter Persönlichkeitsdimensionen einordnen. Besonders relevant sind dabei Extraversion, Sensibilität, soziale Anpassungsfähigkeit und emotionale Reizverarbeitung. Persönlichkeit gilt heute ohnehin weniger als starre Kategorie, sondern eher als Spektrum. Menschen können je nach Situation unterschiedlich auftreten. Jemand kann beruflich sehr extrovertiert wirken und privat stark rückzugsorientiert sein. Der Begriff „otrovertiert“ erfüllt deshalb vermutlich vor allem eine identitätsstiftende Funktion. Er hilft Menschen, ein schwer beschreibbares Erleben sprachlich zu fassen. Die Rolle des Gefühls, nicht dazuzugehören Auffällig ist, dass viele otrovertierte Menschen ein wiederkehrendes Gefühl von sozialer Unpassung beschreiben. Sie fühlen sich weder eindeutig still noch eindeutig kontaktfreudig – und erleben dadurch manchmal Unsicherheit im sozialen Vergleich. Dieses Gefühl kann entstehen, wenn Menschen sich stark an soziale Erwartungen anpassen, ohne dass das Verhalten vollständig ihrem inneren Erleben entspricht. Nach außen funktionieren sie gut, innerlich entsteht jedoch das Gefühl, eine Rolle zu spielen oder nicht ganz verstanden zu werden. Psychologisch betrachtet ist das kein ungewöhnliches Phänomen. Viele Menschen zeigen unterschiedliche soziale Seiten, abhängig von Umfeld, Sicherheit oder Belastung. Problematisch wird es meist erst dann, wenn das Gefühl dauerhafter Fremdheit mit starkem Rückzug, Einsamkeit oder Selbstzweifeln verbunden ist. Wie Psychologen das Konzept einordnen würden Fachlich betrachtet beschreibt „otrovertiert“ wahrscheinlich keine neue Persönlichkeitsstruktur, sondern eine Kombination bekannter psychologischer Eigenschaften. Dazu gehören: ambivertierte Persönlichkeitsanteile hohe Sensibilität gegenüber sozialen Reizen soziale Anpassungsfähigkeit erhöhte Selbstreflexion emotionale Erschöpfbarkeit Psychologen würden deshalb eher davor warnen, den Begriff zu stark zu verabsolutieren. Persönlichkeit ist komplex und verändert sich auch durch Lebensphase, Erfahrungen und Umfeld. Gleichzeitig zeigt die Popularität des Begriffs, dass viele Menschen nach differenzierteren Beschreibungen ihrer Persönlichkeit suchen. Nicht jeder passt eindeutig in klassische Kategorien – und genau darin liegt vermutlich die eigentliche Bedeutung des Begriffs „otrovertiert“.

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