65 Beschäftigte betroffen
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12.000 Artikel, 65 Beschäftigte: Bio-Großhändler ist insolvent
Von: Marcel Reich
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Ein etablierter Bio-Großhändler steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Der Betrieb läuft weiter, doch die Zukunft ist offen.
München – Der Erfurter Bio-Großhändler Naturkost Erfurt ist insolvent. Das Unternehmen hat beim Amtsgericht Erfurt ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Betroffen sind rund 65 Beschäftigte an den Standorten Erfurt-Gispersleben und Schkeuditz bei Leipzig. Der Geschäftsbetrieb läuft vorerst weiter, Bestands- und Neukunden können weiterhin bestellen.
Naturkost Erfurt beliefert seit mehr als zwei Jahrzehnten Bioläden, Hofläden, Lieferdienste und Gastronomiebetriebe in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Nordbayern. Nun sucht das Unternehmen in der Insolvenz nach einer langfristigen Lösung. Ziel ist es, einen finanzstarken Partner zu finden oder den Bio-Großhändler in eine größere Unternehmensgruppe einzugliedern.
Naturkost Erfurt beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung
Das Amtsgericht Erfurt hat dem Antrag der Geschäftsführung auf ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung bereits zugestimmt. Geschäftsführer Thomas Hölscher bleibt damit operativ in Verantwortung. Anders als bei einer klassischen Regelinsolvenz führt die Geschäftsführung das Unternehmen weiter, wird dabei aber insolvenzrechtlich begleitet und überwacht.
Als vorläufiger Sachwalter wurde André Rombach von der Kanzlei Rombach benannt. Die Sanierungsberater von Schultze & Braun sowie die eXnet-Gruppe begleiten das Verfahren. Nach außen soll der Geschäftsbetrieb möglichst stabil bleiben: Die beiden Standorte arbeiten weiter, Lieferungen sollen fortgesetzt werden, und Kunden können weiter Waren bestellen.
Bio-Großhändler beliefert vier Bundesländer
Naturkost Erfurt ist ein regional bedeutender Lieferant für den Biofachhandel. Das Unternehmen wurde 2003 gegründet und beliefert heute Kunden in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Nordbayern. Zum Sortiment gehören rund 12.000 Artikel, darunter etwa 2000 Frischprodukte.
Damit ist Naturkost Erfurt für viele kleinere Biohändler, Hofläden und Gastronomiebetriebe ein wichtiger Partner. Gerade im Frischebereich kommt es auf verlässliche Logistik, kurze Lieferwege und eine stabile Warenverfügbarkeit an. Die Insolvenz betrifft deshalb nicht nur das Unternehmen selbst, sondern auch Kunden und Lieferanten entlang der regionalen Bio-Wertschöpfungskette.
Kraftstoffpreise und Kaufzurückhaltung belasten Geschäft
Als Ursachen für die Schieflage nennt das Unternehmen vor allem externe Belastungen. Zum einen seien die Kraftstoffpreise in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Für einen Großhändler mit regelmäßigen Lieferfahrten in mehreren Bundesländern ist das ein erheblicher Kostenfaktor. Steigende Transportkosten lassen sich gerade in einem preissensiblen Markt nicht immer vollständig an Kunden weitergeben.
Zum anderen hat die Kaufbereitschaft der Verbraucher bei Bio-Produkten nachgelassen. Weil Bio-Waren meist teurer sind als konventionelle Lebensmittel, reagieren viele Kunden bei hoher Inflation und gestiegenen Lebenshaltungskosten zurückhaltender. Für Biohändler und ihre Lieferanten entsteht dadurch eine doppelte Belastung: Die Kosten steigen, während die Nachfrage schwächer wird.
Sanierungsberater sehen tragfähiges Geschäftsmodell
Die Sanierungsberater halten Naturkost Erfurt dennoch nicht für strukturell chancenlos. Christoph Rothämel von Schultze & Braun erklärte, das Geschäftsmodell sei „grundsätzlich tragfähig“. Die Schwierigkeiten seien „vor allem auf externe Faktoren zurückzuführen“. Diese Einschätzung ist für die Investorensuche wichtig, denn sie signalisiert: Das Problem liegt aus Sicht der Berater nicht im Kern des Geschäftsmodells, sondern in den Marktbedingungen.
Parallel prüfen die Berater nun, ob ein Partnerunternehmen gefunden werden kann oder ob eine Eingliederung in eine größere Unternehmensgruppe möglich ist. Eine solche Lösung könnte Naturkost Erfurt finanziell stabilisieren und zugleich Einkauf, Logistik und Vertrieb auf eine breitere Basis stellen.
65 Beschäftigte für drei Monate abgesichert
Für die rund 65 Beschäftigten sind die Gehälter zunächst über das Insolvenzgeld abgesichert. Diese Absicherung gilt für drei Monate. Ab Dezember soll die Lohnzahlung wieder aus dem laufenden Geschäft erfolgen. Damit hängt viel davon ab, ob der Betrieb in den kommenden Wochen stabil weitergeführt werden kann.
Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet das Verfahren dennoch Unsicherheit. Zwar ist vorerst kein Lieferstopp geplant, und der Geschäftsbetrieb läuft weiter. Ob alle Arbeitsplätze langfristig erhalten bleiben können, hängt aber vom Verlauf der Sanierung und der Suche nach einem Investor oder strategischen Partner ab.
Bio-Branche steht weiter unter Druck
Der Fall Naturkost Erfurt zeigt, dass auch etablierte Anbieter im Bio-Segment unter Kosten- und Nachfragedruck geraten können. Die Branche hatte lange von wachsendem Gesundheits- und Nachhaltigkeitsbewusstsein profitiert. Doch hohe Lebensmittelpreise, allgemeine Kaufzurückhaltung und gestiegene Betriebskosten haben das Umfeld verändert.
Besonders schwierig ist die Lage für Unternehmen, die zwischen Produzenten, Handel und Endkunden stehen. Sie müssen Logistik, Lagerhaltung, Personal und Energie finanzieren, können Preissteigerungen aber nur begrenzt weitergeben. Wenn Verbraucher häufiger zu günstigeren Alternativen greifen, geraten auch eigentlich etablierte Strukturen unter Druck.
Insolvenzen nehmen in Deutschland zu
Die Insolvenz von Naturkost Erfurt reiht sich in eine allgemein angespannte Lage ein. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes registrierten die deutschen Amtsgerichte von Januar bis April 2026 insgesamt 8551 Unternehmensinsolvenzen. Das waren 6,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Forderungen der Gläubiger aus diesen Verfahren beliefen sich auf rund 13,9 Milliarden Euro.
Noch liegt Deutschland deutlich unter den Dimensionen der Finanzkrise. Im Jahr 2009 hatten die Amtsgerichte 32.687 Unternehmensinsolvenzen gemeldet. Dennoch ist der aktuelle Anstieg ein Warnsignal. Viele Unternehmen leiden nicht unter einem einzelnen Schock, sondern unter einer längeren Phase aus hohen Kosten, schwacher Nachfrage, Finanzierungslasten und unsicheren Perspektiven. (Quellen: Schultze & Braun, MDR Thüringen, Tagesschau) (mare)