66 Jahre lang ein Auto: David Miller und sein Mercedes 190 SL
Als er den Schlüssel umdreht, klingt der Vierzylinder noch immer vertraut. Der Motor springt ohne Zögern an, die Weber-Vergaser lassen ihn sauber hochdrehen, der Schalthebel gleitet mit einer Bewegung in den ersten Gang, die nur aus jahrzehntelanger Routine entsteht. David Miller kennt jede Eigenheit dieses Wagens. Das überrascht nicht. Seit Dezember 1960 gehört der hellblaue Mercedes-Benz 190 SL zu seinem Leben. Damals ist der Australier 19 Jahre alt. Heute 85. Sechs Jahrzehnte mit demselben Auto sind selbst unter Oldtimer-Enthusiasten eine Seltenheit. Der Roadster hat Miller zur Arbeit begleitet, in den Urlaub, zur Hochzeit und später mit der jungen Familie durch den Alltag. Mehr als 220.000 Meilen, gut 350.000 Kilometer, stehen inzwischen auf dem Zähler. Den Mercedes hat er nie verkauft, nie über Jahre eingelagert und nie vollständig restauriert. Stattdessen erhielt er genau das, was Technik im besten Fall mit Langlebigkeit dankt: regelmäßige Wartung, sorgfältige Reparaturen und die Bereitschaft seines Besitzers, pragmatische Lösungen über dogmatische Originalität zu stellen. Damit gehört David Miller zu den wohl außergewöhnlichsten Langzeitbesitzern eines Mercedes-Benz 190 SL. Warum ausgerechnet ein 190 SL damals vor dem Elternhaus steht, kann Miller bis heute nicht erklären. Sein Vater Leslie schenkt ihm den Roadster im Dezember 1960, im australischen Sommer. „Vielleicht wollte er mein eher bescheidenes Gehalt etwas aufbessern“, sagt er und lacht. Sein Vater ist jedenfalls Chevy-Fan, pflegt aber als Unternehmer gute Beziehung zum örtlichen Mercedes-Händler in Sydney, AMI (Australian Motor Industry Group). Sein Sohn hingegen hätte sich eher einen Ford oder Holden gewünscht, ein solides, praktisches Auto. „Ein Sportwagen stand nicht auf meiner Wunschliste. Aber natürlich habe ich mich über den SL gefreut“, sagt er. Sein bis dahin genutzter Commer-Leichttransporter verschwindet damit aus seinem Alltag. Aus dem Geschenk wird rasch ein Gebrauchsgegenstand. Er pendelt durch Sydney, unternimmt lange Reisen nach Melbourne oder Perth und nutzt den Wagen auch nach seiner Hochzeit mit Sue im Jahr 1969. Als die Familie 1973 mit Tochter Sally wächst, kommt ein Mercedes 220 Ponton von 1964 hinzu, gebaut als CKD-Fertigung in Port Melbourne. Der Roadster bleibt trotzdem das bevorzugte Auto. „Mit dem 190 SL hatte ich bis dahin so gute Erfahrungen gemacht, dass ich Mercedes treu geblieben bin“, sagt Miller. Die Kinder fahren mal im Ponton, mal im offenen Roadster zur Schule. Damals ist der 190 SL kein Sammlerstück, sondern einfach ein zuverlässiges Automobil. Gerade weil der Mercedes nie als Wertanlage betrachtet wird, darf er auch das tun, wofür er gebaut wurde. Ab Mitte der 1960er-Jahre setzt Miller den Wagen bei Bergrennen und Beschleunigungsprüfungen ein. Auf dem Oran Park Raceway südwestlich von Sydney dient der Roadster mit seinen 105 PS als Pace Car, später ist er regelmäßig in Bathurst zu sehen. „Damals war der 190 SL einfach ein gebrauchter Sportwagen“, erinnert sich Miller. „Niemand hat darüber nachgedacht, dass daraus einmal ein begehrter Klassiker werden könnte.“ Erst ein Firmenwagen beendet den Alltagseinsatz. Zu diesem Zeitpunkt hat der Mercedes längst eine Laufleistung erreicht, bei der viele klassische Automobile bereits mehrfach restauriert oder stillgelegt worden wären. Für Miller ist das nie eine Option. „An einen Verkauf habe ich wirklich nie gedacht“, sagt er. „Mit der Zeit ist uns das Auto einfach ans Herz gewachsen.“ Seine Frau nickt. Vielleicht erklärt genau das den ungewöhnlichen Erhaltungszustand des Wagens. Der Mercedes wurde und wird nie auf Hochglanz konserviert, sondern instandgehalten. Reparieren statt restaurieren, so lautet das Motto. Anfang der 1980er-Jahre erhält der 1,9-Liter-Vierzylinder eine Generalüberholung, drei Jahrzehnte später wird der Zylinderkopf überarbeitet. Dazwischen liegen die üblichen Verschleißreparaturen, Bremsen, Fahrwerk, Dichtungen. Nichts Spektakuläres. Ganz serienmäßig ist der Mercedes heute nicht mehr. Nachdem die originalen Solex-Vergaser bereits 1965 ihren Dienst quittieren und Mercedes-Benz keinen Ersatz liefern kann, entscheidet sich David Miller für zwei Weber-42-DCOE-Vergaser. „Das war im Nachhinein ein Glücksfall, da die Weber bis heute zuverlässig arbeiten und vor allem ausreichend Leistung bereitstellen, die Solex haben von Anfang an Probleme verursacht“, erzählt er. Dabei bleibt der originale Luftfilter erhalten, sodass der Umbau äußerlich kaum auffällt. Dieser Pragmatismus zeigt sich auch an anderer Stelle: Die Scheibenwaschanlage arbeitet heute elektrisch, wird aber weiterhin über den originalen Fußschalter betätigt. Der Außenspiegel auf der Fahrerseite stammt ebenfalls nicht aus der Serienproduktion, erleichtert aber den Alltag. Für Miller steht die Nutzbarkeit über der viel beschworenen Originalität. Ein Automobil, findet er, müsse gefahren werden. Natürlich bleibt auch sein Mercedes vom Rost nicht verschont. Immer wieder beseitigt Miller kleinere Korrosionsschäden selbst, ehe er sich 2008 zu einer umfassenden Überarbeitung entschließt. Der Wagen wird bis aufs Blech entlackt und neu lackiert, Chromteile werden aufgearbeitet, die Sitze neu bezogen. Dennoch bleibt viel erhalten. Das Armaturenbrett trägt noch immer seinen Originallack, das australische Astor-Radio von 1961 funktioniert ebenfalls. „Es knarzt inzwischen ein wenig“, sagt Miller. „Aber das stört mich nicht.“ Fischöl gegen Rost Sein Rezept gegen Rost klingt beinahe kurios. Über Jahrzehnte behandelt er Hohlräume und Innenbleche mit Fischöl. Das Verfahren ist in Australien lange Zeit verbreitet, weil das Öl tief in Falze und Blechüberlappungen eindringt und Feuchtigkeit verdrängt. Der Geruch, räumt Miller ein, sei gewöhnungsbedürftig gewesen. Dem Blech habe es offenbar nicht geschadet. Auch das Hardtop erzählt von seiner Vorliebe für praktikable Lösungen. Anfang der Siebzigerjahre importiert er ein Fiberglasdach des amerikanischen Herstellers Parrish Plastics. Es ist leichter als das originale Mercedes-Hardtop. Nach einer Überarbeitung entwickelt Miller sogar eine eigene Befestigung. Immerhin soll es sich, so Miller, auch vernünftig benutzen lassen. Vielleicht unterscheidet das David Miller von vielen Sammlern. Er spricht kaum über Marktwerte oder Originalitätsgrade, eher über die wichtigsten Stationen seines Lebens: Hochzeit, Hausbau, die Geburt der Kinder, Urlaubsreisen, den Weg zur Arbeit und Wochenenden auf der Rennstrecke. Sein Sohn, auch ein Autofan, wird ihn eines Tages bekommen. Seine Tochter fährt mit dem SL wegen des manuellen Getriebes nicht. Heute trägt der Roadster Clubkennzeichen und kommt nur noch zu besonderen Ausfahrten aus der Garage. Wenn der Motor warm ist, dreht er auch noch immer gerne die Gänge aus, schaltet schnell und präzise, so wie es sich für einen Sportwagenfahrer gehört. „Ich liebe das Auto immer noch“, sagt er. Verkaufen wird David Miller ihn nicht. In der Garage stehen inzwischen weitere Modelle der Marke, darunter der Ponton und zwei W124, mit denen er auch zu Clubtreffen fährt, wie der Veranstaltung „140 Places“, mit der Mercedes-Benz seine 140-jährige Geschichte feiert und weltweit 140 Orte mit zwei neuen S-Klassen besucht, unter anderem in Sydney. Aber sowieso hat für den 85-Jährigen kein Mercedes den gleichen Stellenwert wie sein hellblauer Roadster. Jener war immerhin sein erstes Auto. Und auf den konnte er sich immer verlassen.