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9/11: Anschlag auf das World Trade Center - wie ein Düsseldorfer das Inferno im Südturm überlebte

Allgemein

Immer am 11. September erreichen Klaus Borchert viele Glückwünsche. Freunde, Bekannte und Verwandte gratulieren ihm zu seinem zweiten Geburtstag, dem Tag, an dem er es von seinem Schreibtisch im 103. Stock des World Trade Center lebend aus dem Gebäude schaffte. Mehr als 180 seiner Kollegen starben bei dem Anschlag vor 25 Jahren, insgesamt forderte die Attacke mehr als 3600 Opfer. Eine Zeit lang plagen Borchert Schuldgefühle, obwohl er bei seiner Flucht aus dem Hochhaus überhaupt nicht wusste, dass es in Flammen stand. „Ich habe mich lange gefragt, warum ausgerechnet ich überlebt habe“, sagt der 78-Jährige, der sich auch auf den RP-Aufruf zum 11. September gemeldet hat, „und ob ich mehr hätte tun können, um andere zu retten.“

Der Wahl-Düsseldorfer arbeitete damals als Industrieversicherungsmakler in New York. Für seine Kunden hatte er in seinem Büro im Südturm stets ein Fernglas griffbereit, so spektakulär war die Aussicht auf Manhattan. „Es gab Tage, da hingen die Wolken tiefer als mein Büro“, sagt er. Am Morgen des 11. September telefonierte Borchert gerade mit einem Kollegen in Deutschland, als er einen Schatten wahrnahm, der etwa auf seiner Höhe in den Nordturm einschlug, gefolgt von einem Feuerball. „Da ist etwas Schlimmes passiert“, sagte Borchert in den Hörer, dachte dabei aber an ein Unglück, vielleicht mit einem der Helikopter, die sich für Rundflüge buchen ließen. Doch sein Kollege sagte: „Leg auf und verschwinde von dort!“

Borchert schnappte sich tatsächlich ein paar Sachen und ging zu einem der vier Treppenhäuser. Den Aufzug zu nehmen, erschien ihm zu unsicher. Es waren solche schnellen Entschlüsse, die ihm das Leben retten sollten. Über Lautsprecher kam derweil die Durchsage, dass zwar im Nordturm etwas passiert sei und man das Gebäude verlassen, aber auch im Büro bleiben könne, wenn man wolle. „Ihr seid hier in Sicherheit, hieß es“, erzählt Borchert. Er entschied sich trotzdem, zu gehen. Es war die beste Entscheidung seines Lebens.

Etwa eine Minute dauerte es, drei Stockwerke hinabzusteigen. Im 78. Stock, der sogenannten Sky Lobby, wo man von den größeren Fahrstühlen auf kleinere umsteigen musste, warteten etwa 200 Menschen. Borchert wollte sich aber auch dort nicht einreihen und lief weiter. Nur fünf Minuten und rund 15 Stockwerke tiefer erzitterte das Gebäude nach einer heftigen Erschütterung. Was der damals 52-Jährige und alle anderen, die sich mit auf den Abstieg begeben hatten, nicht wussten: Zu diesem Zeitpunkt war das zweite Flugzeug in den Südturm geflogen, etwa zwischen der 77. und 85. Etage. Hätte Borchert an den Aufzügen gewartet, wäre dies sein Ende gewesen.

So aber rannte er weiter nach unten. „In meiner Erinnerung lief das geordnet ab, doch niemand hat geredet“, sagt Borchert. Er fragte eine gehbehinderte Frau, ob er ihr helfen könne, aber es hatte sich schon jemand anders gefunden. Kurz darauf gingen die Lichter aus und die Notbeleuchtung an. Etwa ab dem 25. Stockwerk kamen ihnen Feuerwehrleute in schwerer Montur entgegen. „Ich verstand in dem Moment nur nicht, warum“, erzählt Borchert. Ihr Turm stand ja nicht in Flammen, dachte er.

Erst glücklich im Freien begriff er, welchem Inferno er entkommen war. Auch der Südturm brannte, seine Büroetage aber war noch intakt. Es regnete Unmengen von Papierschnipseln. Borchert lief weiter und blickte kurz darauf in erschrockene Gesichter, die wie versteinert hinter ihn starrten. „Ich drehte mich um und sah, wie unser Turm in sich zusammenfiel, quasi implodierte“, erzählt Borchert. Das Büro, in dem er jahrelang gearbeitet hatte, existierte nicht mehr. Der Südturm stürzte früher ein, obwohl er später getroffen wurde, weil der Einschlag des Flugzeugs tiefer erfolgte als beim Nordturm und so über dem Brandherd mehr Druck auf der Konstruktion lastete. Borchert war nur etwa 15 Minuten zuvor aus dem Gebäude gekommen.

Irgendwie schaffte er es, seine Frau Susan per Telefon zu informieren und sich bis in die 89. Straße zu schleppen, zu seinem Freund Bob. Auf dem Weg schickte er noch in einer Kirche ein Dankgebet gen Himmel. Erst am nächsten Tag konnte er Manhattan verlassen und zu seiner Familie nach Montclair fahren. Überhaupt seien die Tage danach besonders schlimm gewesen. Über gegenseitige Anrufe versuchte die Belegschaft seiner Firma zu eruieren, wer überlebt hatte und wer nicht. Ununterbrochen habe das Telefon geklingelt, erinnert sich Borchert. So viele Beerdigungen und Gedenkfeiern habe er besucht, dass er irgendwann nur noch heulend dort saß und gesagt habe, er könne zu keiner mehr gehen.

Im Jahr 2006 ging die Familie zurück nach Deutschland, nach Düsseldorf. Borchert sagt, dass er das Trauma dieses Tages auch dank seiner Frau und seiner Familie gut verarbeitet habe. „Besser als der Durchschnitt, denke ich“, erzählt er, „ich bin da wohl robuster.“ Geblieben sei ihm eine Sensibilität für plötzliche laute Geräusche. Und wenn Borchert ein Hotelzimmer bucht, checkt er die Notausgänge und achtet darauf, dass es niemals oberhalb des neunten Stockwerks liegt – bis dorthin reichen die Drehleitern der Feuerwehren. Loslassen werden ihn die Ereignisse des 11. September also wohl nie.

Auch, weil Borchert, wie er sagt, von diesem Moment an wusste, was wirklich wichtig ist. In einer Mail, die er am Nachmittag des 11. September an seinen deutschen Kollegen Gilbert schrieb, heißt es: „Ich kann nur hoffen und beten, dass möglichst viele Kollegen gleich zu Beginn den Abstieg begonnen und damit auch überlebt haben. (…) Ich kann es immer noch nicht fassen, dass die Twin Towers, mein Büro, nicht mehr existieren und halte immer noch nach den Rauchschwaden Ausschau, die bis hier in die 89. Straße zu sehen sind. Es ist wie ein nochmal geschenktes Leben.“

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