Absurde Manipulation: Schwenkt hier „Putins Riesensoldat“ eine russische Flagge?
Fakt ist: Die russischen Geländegewinne in der Ukraine waren in diesem Sommer deutlich geringer als vor einem Jahr, wie das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) analysierte. Diese Fakten passen aber nicht in das Bild, das der russische Präsident Wladimir Putin der Welt – und insbesondere Donald Trump – vermitteln möchte. In diesem Putin’schen Wunschbild ist ein Sieg der Invasionsmacht in der Ukraine unvermeidlich. Die Botschaft: Kyjiw und seine Verbündeten täten gut daran, russischen Forderungen bei etwaigen weiteren Verhandlungen zuzustimmen.
Schon mehrfach berichtete das ISW in diesem Zusammenhang über gefälschte oder überzogene russische Erfolgsmeldungen. Sie werden offenbar in der Militärkette von unten nach oben gemeldet, damit Putins Eindruck eines siegreichen, inzwischen mehr als vier Jahre langen Feldzugs bestätigt wird.
Etwas hat sich dabei verändert: Dank der im Internet frei verfügbaren Werkzeuge der Künstlichen Intelligenz können vermeintliche Beweisfotos so einfach geschaffen werden, wie noch nie. Dazu muss man nicht mehr tun, als eine KI mit Bildmaterial und ein paar Anweisungen zu füttern.
„Putins Riesensoldat“: eine absurde Manipulation
Das ISW registrierte zwischen Juni und August mindestens 35 russische Videos, die im Verdacht einer KI-Manipulation stehen. Das Perfide daran: Grundlage scheinen echte Aufnahmen zu sein. So wie im Fall eines bereits Ende Juli verbreiteten Videos, das Bäume am Rande des ukrainischen Dorfes Bilyi Kolodyaz im Nordosten der Ukraine zeigt. Dazwischen schwenkt ein Soldat die russische Fahne. Dieses Gebiet wurde erobert, lautet die Botschaft.
Die Bäume und das Gelände sind offenbar echt. Auf Google Earth ist der Ort wiederzufinden. Auf den ersten Blick mag auch der schwenkende Soldat echt aussehen – auf den zweiten jedoch nicht.
Ein Größenvergleich zeigt, dass die Proportionen des Mannes nicht stimmen:
Der Mann wäre ein Riese – und zwar einer mit übernatürlichen Fähigkeiten. Denn gegen Ende des Videos verschwinden er und die Fahne plötzlich.
Zurück zu den Fakten: Das Dorf Bilyi Kolodyaz wurde bisher nicht von Russland erobert, wie aus der Kriegskarte „Deep State“ hervorgeht. Dahinter steht eine dem ukrainischen Militär nahestehende Gruppe.
Zum 31. August waren laut ISW die meisten der Orte, die in KI-Videos vorkommen, noch unter ukrainischer Kontrolle. Die Invasion läuft schleppend.
Das Video mit der Fahne und dem „Riesensoldaten“ wurde von einem russischen Militärblogger gepostet. Verantwortlich für die vermeintliche Eroberung sei unter anderem das 127. Regiment der russischen Armee. Einem Bericht zufolge wurden dort nach Veröffentlichung des Videos zwei Kommandeure entlassen. Gehen die KI-Videos selbst den Russen zu weit?
KI als wachsendes Problem
Noch handle es sich bei den Fälschungen jedenfalls nicht um ein weitverbreitetes Phänomen im russischen Militär, schätzt das ISW die Lage ein. Allerdings gehen die Experten davon aus, dass die Zahl dieser Fakes wachsen wird.
Fatal dürfte sich dabei die immer besser werdende Technik auswirken. Amerikanische Firmen wie OpenAI und chinesische Konkurrenten wie ByteDance konkurrieren darum, immer leistungsfähigere Anwendungen zu schaffen. Sie dürften es schwieriger machen, die Manipulationen zu erkennen. „Putins Riesensoldat“ war offenbar nur der Anfang.