Abwärme wird kaum als Energiequelle genutzt - muss das sein?
Im beschaulichen Stödtlen im Ostalbkreis steht ein großes Rechenzentrum. Wenn man jetzt die fast 2.000 Einwohner mit Fernwärmeleitungen verbinden würde, könnte man die Wohnungen und Häuser aller Einwohner mit Wärme versorgen - und hätte sogar noch Wärme übrig. Doch die Fernwärmeleitung zwischen Rechenzentrum und Dorf fehlt aktuell noch. Die Abwärme entsteht beim Betrieb des Rechenzentrums quasi nebenbei. "Da kommt ganz schnell der Schwabe in einem hoch und sagt: Ich habe ja hier eigentlich kein Abfallprodukt, sondern das ist ja eigentlich ein Wertstoff, und es wäre doch sinnvoll, diesen Rohstoff zu nutzen", sagt der IT-Unternehmer Julian Hauber, Geschäftsführer bei JH Computers, der das Rechenzentrum betreibt. Prozessoren als Wärmelieferanten Bei der Benutzung werden Prozessoren warm. Damit die Server nicht überhitzen, werden sie durch kaltes Wasser gekühlt. Das wird dadurch bis zu 60 Grad warm. Um auf das Temperaturniveau von Fernwärme zu kommen, müsste eine Wärmepumpe das Wasser zusätzlich erhitzen. Experten gehen davon aus, dass wegen der zunehmenden Nutzung von KI-Anwendungen auch der Ausbau von Rechenzentren steigen wird. Damit fällt auch mehr Abwärme an, mit der langfristig geheizt werden könnte. Direkt nach Abnehmern suchen "Der Stromverbrauch von Rechenzentren und Serverinfrastruktur in Deutschland ist erheblich und lag im Jahr 2024 bei rund 20 Terawattstunden pro Jahr", erklärt Patrick Hoffmann von der Energieagentur BW. "Diese Energie fällt fast vollständig in Form von Abwärme an und entspricht in etwa dem Wärmebedarf von rund zwei Millionen Haushalten." Wichtig sei es daher, beim Neubau von Rechenzentren darauf zu achten, dass man direkt geeignete Abnehmer für die Abwärme habe. Wenn das konsequent umgesetzt würde, könnten Rechenzentren einen Beitrag zu einer klimafreundlichen Wärmeversorgung leisten. Wo entsteht überall Abwärme? Abwärme ist Wärmeenergie, die bei bestimmten Prozessen entsteht. Einfaches Beispiel ist das Netzteil des Handys: Eigentlich soll das nur das Handy aufladen, aber das Netzteil wird dabei warm - es entsteht Abwärme. Im großen Stil entsteht Abwärme bei großen Servercomputern, aber auch bei der Industrieproduktion. Weitere außergewöhnliche Wärmequellen sind zum Beispiel Abwasser und Kläranlagen. Das Abwasser ist im Winter oft wärmer als die Umgebungstemperatur, und diesen Temperaturunterschied kann man nutzen. Geringe Bereitschaft für Investitionen Um mehr Abwärme sinnvoll zu verwenden, ist deutschlandweit eine bessere Infrastruktur nötig. Dafür setzen sich unter anderem die Organisatorinnen und Organisatoren der Bundesabwärmetagung ein, die kürzlich in Stuttgart stattfand. Ihr Thema: Wie lässt sich vorhandenes Potenzial nutzen, statt die Abwärme einfach an die Umwelt abzugeben. Doch die aktuelle Bundesregierung hat das Tempo beim Ausbau Erneuerbarer Energieträger wie Abwärme verlangsamt. Dies sorgt für fehlende Planungssicherheit. Eine weitere Herausforderung ist die Finanzierung: Für die Erzeuger ist die Abwärme nur ein Nebenprodukt, daher ist die Investitionsbereitschaft oftmals nicht hoch genug. Außerdem besteht der Markt aus vielen unterschiedlichen Unternehmen. Größere Investitionen sind daher meist nur mit kommunaler Unterstützung und im Verbund verschiedener Akteure möglich. Anwohner haben großes Interesse Auch das Rechenzentrum in Stödtlen ist auf der Suche nach einem passenden Partner für die Finanzierung. Die noch fehlenden vier Kilometer Rohrleitungen würden etwa vier Millionen Euro kosten, ein Teil der Kosten werden durch den Bund gefördert. Das Interesse der Bevölkerung ist hoch: Laut Rechenzentrumsbetreiber Hauber sind bereits mit über 50 Prozent der Einwohner vorab Verträge abgeschlossen worden. Wenn die Fernwärmeleitung kommt, profitieren sie von der Abwärme aus dem Rechenzentrum direkt. Sie alle hoffen jetzt auf einen passenden Finanzierungspartner.