Abzocke: Wie Vermieter über 5000 Euro aus einer Standard
Wer regelmäßig nach Wohnungsanzeigen guckt, den schockiert so schnell eigentlich nichts mehr. Diese Anzeige sticht dann aber doch ins Auge: Angeboten wird eine frisch sanierte WG mitten im Karolinenviertel von St. Pauli mit gleich sechs eher kleinen Zimmern – und das zu gerade absurden Preisen. Der Vermieter ist ein alter Bekannter. Mieterverein sprechen von illegaler Abzocke und kritisieren ein „Versagen des Rechtsstaats“.
Die Lage in unmittelbarer Nähe zur Sternschanze und St. Pauli ist auf den ersten Blick der Traum vieler Wohnungssuchender – der Preis allerdings weniger. Laut der Annonce auf der Plattform „Kleinanzeigen“ stehen bei dieser „WG-Neugründung“ sechs Zimmer zur Verfügung.
St. Pauli: Sechs WG-Zimmer werden zu hohen Mietpreisen angeboten
Zimmer 1 ist demnach zehn Quadratmeter groß und kostet 799 Euro pro Monat, Zimmer 2 mit kuscheligen neun Quadratmetern ist für den gleichen Preis zu haben. Das entspricht unglaublichen 88 Euro pro einzelnen Quadratmeter.
Zimmer 3 ist immerhin 12,5 Quadratmeter groß, kostet dafür aber auch 899 Euro im Monat. Zimmer 4 (zehn Quadratmeter) und 5 (9,5 Quadratmeter) sind wieder für 799 Euro zu mieten. Am größten – und teuersten – ist Zimmer 6. Die 16,5 Quadratmeter kosten 999 Euro pro Monat, dafür hat das Zimmer laut der Beschreibung immerhin eine „eigene Terrasse“.
Zusammengerechnet verlangt der Vermieter für die St.‑Pauli-WG also 5094 Euro warm – ein stolzer Preis für gerade mal 106,5 Quadratmeter. Die Nebenkosten werden mit jeweils 65 Euro angegeben, sodass die Kaltmiete für die gesamte Wohnung 4704 Euro beträgt. Das entspricht 44 Euro pro Quadratmeter!
WG-Miete auf St. Pauli liegt deutlich über dem Mietenspiegel
Zum Vergleich: Für ein zwischen 2021 und 2024 errichtetes Gebäude in diesem Gebiet mit einer entsprechenden Quadratmeterzahl sollte die Miete laut dem Hamburger Mietenspiegel zwischen 17 und 20 Euro pro Quadratmeter liegen.
Die Wohnung steht damit stellvertretend für einen Trend in der Immobilienbranche. Für Vermieter können WGs nämlich besonders lukrativ werden: Statt der gesamten Wohnung wird jedes Zimmer einzeln vermietet.
Ein weiteres Beispiel dafür befindet sich etwa an der Apostelkirche in Eimsbüttel: Dort wurden die 3,5-Zimmer-Wohnungen nach dem Auszug der Mieter zu WGs umgebaut, in denen jetzt vier Zimmer separat angeboten werden: Das kleinste mit gerade einmal sechs Quadratmetern kostet dort 695 Euro pro Monat!
Miet-Abzocke in Hamburg: Linke kritisiert „Versagen des Rechtsstaates“
Kolja Rosemann, Linken-Politiker und Rechtsanwalt bei „Mieter helfen Mietern“, spricht angesichts von Hamburgs hohen WG-Preise von einem „Versagen des Rechtsstaates“: „Hier wird jedem offensichtlich, dass Grenzen überschritten werden. Der Hamburger Senat zerstört mit seiner Duldung des Zustands auf dem Wohnungsmarkt das Vertrauen aller Hamburgerinnen und Hamburger in unsere Rechtsordnung.“ Die seit Langem angekündigte Taskforce für Mietwucher bezeichnet er als „Wahlkampfmanöver“.
Vier der sechs Zimmer in der Glashüttenstraße werden möbliert angeboten, auch das ist keine Überraschung. Zwar gilt die Mietpreisbremse auch für möblierte Wohnungen, in diesem Fall kann der Vermieter allerdings einen sogenannten „Möblierungszuschlag“ verlangen. Dieser muss nicht extra aufgeführt werden, sodass im Dunkeln bleibt, wie hoch die eigentliche Miete ohne Möbel ist. Ein Schlupfloch im Gesetz, das die aktuelle Bundesregierung unter SPD-Justizministerin Stefanie Hubig nach vielen Jahren schließen will.
Vermieter nutzen Not von Wohnungssuchenden aus
„Außer, es handelt sich um einen kompletten Neubau, der von der Mietpreisbremse ausgenommen ist, dürfte das unter keinen Umständen legal sein“, beurteilt Rolf Bosse, Vorsitzender des Mieterverein zu Hamburg, das Angebot. „Solange es aber niemanden gibt, der dagegen vorgeht, kommen Vermieter eben mit so etwas durch. Und angesichts der Wohnungskrise wird es leider immer genug Suchende geben, die solche Angebote aus Verzweiflung akzeptieren.“