Accell-Fahrrad-Gruppe mit Babboe, Ghost und Winora ist insolvent
Startseite Wirtschaft „Hätten wir niemals veröffentlichen wollen“: Große Fahrradgruppe gerät mitten in Bestellsaison in Insolvenz Von: Marcel Reich Uns auf Google folgen Ein großer Fahrradkonzern gerät mitten in der Bestellsaison in die Insolvenz. Für Händler wird nun entscheidend, welche Marken weiterliefern können. München – Mitten in der Bestellsaison für das kommende Jahr trifft deutsche Fahrradhändler eine Hiobsbotschaft: Die niederländische Accell-Gruppe hat Zahlungsunfähigkeit erklärt. Der Konzern hat in den Niederlanden Zahlungsaufschub beantragt. Für seine Tochtergesellschaften hat das Unternehmen Insolvenzverfahren eingeleitet. Zur Gruppe gehören bekannte Marken wie Ghost, Winora, Haibike, Babboe, Batavus, Raleigh und Sparta. Für deutsche Händler ist die Lage besonders brisant: Sie befinden sich gerade mitten in der Bestellphase für das Jahr 2027. Accell-Gruppe meldet Zahlungsunfähigkeit CEO Jonas Nilsson erklärte: „Dies ist eine Mitteilung, die wir niemals hätten veröffentlichen wollen.“ Trotz „umfangreicher Bemühungen“ sei es nicht möglich gewesen, eine „tragfähige Lösung zu finden, die Accell eine Fortführung des Betriebs in der bestehenden Form“ ermöglicht hätte. Der Betrieb läuft vorerst weiter. Fahrradhändler stehen vor schwierigen Entscheidungen Für Fahrradhändler, die ihr Sortiment stark auf Accell-Marken ausgerichtet haben, ist die Lage ernst. Florian Schöps, Fahrradexperte bei der Handelsberatung BBE, warnt: „Die betroffenen Händler müssen prüfen, ob sie die Ware überhaupt noch bekommen und welche Alternativen es gibt.“ Die Insolvenz trifft die Branche in einem ungünstigen Moment. Gerade jetzt legen Händler ihre Sortimente für das kommende Jahr fest. Für Verbraucher ist die Lage laut Schöps weniger dramatisch. „Die Marken der Gruppe standen vor einigen Jahren noch deutlich besser da“, sagt er. „Mengenmäßig wird das also keine allzu große Bedeutung haben, es werden dadurch nicht weniger Fahrräder in Deutschland verkauft.“ Die meisten Fahrradkunden seien schlicht nicht markentreu genug, um den Wegfall einzelner Marken stark zu spüren. Accell-Pleite schockt die Fahrradbranche Die psychologische Wirkung auf die Branche ist jedoch eine andere. „Accell gehört zu den Größten der Branche, für viele ist das ein Schock, so wie der bei BMW angekündigte Stellenabbau ein Schock für die Autoindustrie war“, sagt Schöps. In Deutschland produzierte der Konzern unter anderem im oberpfälzischen Waldsassen. Accell beschäftigt derzeit rund 1900 Mitarbeiter – in Boom-Zeiten waren es noch 3700. Corona-Boom wurde zum Problem Die Schieflage der Accell-Gruppe ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer Krise, die die gesamte Fahrradbranche seit Jahren belastet. Während der Corona-Pandemie erlebte die Industrie einen beispiellosen Boom. Die Nachfrage nach Fahrrädern – vor allem nach E-Bikes – stieg rasant. Accell und andere Hersteller erhöhten ihre Kapazitäten massiv. Nach dem Ende der Pandemie brach die Nachfrage ein. Die aufgefüllten Lager blieben voll. Rabattschlachten folgten, die die Profitabilität der Unternehmen weiter schwächten. Der europäische Fahrradmarkt erzielte 2025 laut einer Analyse des Beratungshauses EY einen Gesamtumsatz von 17,4 Milliarden Euro – ein Rückgang von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2022 hatte der Umsatz noch bei mehr als 22 Milliarden Euro gelegen. Babboe-Rückruf belastete Accell zusätzlich Einen weiteren schweren Schlag versetzte der Massenrückruf der Lastenradmarke Babboe. Die niederländische Behörde für Lebensmittel- und Verbrauchsgütersicherheit stoppte 2024 den Verkauf von Babboe-Lastenrädern. Der Grund waren Sicherheitsmängel, die in einigen Fällen zu Rahmenbrüchen führten. Schöps urteilt: „Der Babboe-Rückruf hat Accell, aber auch den gesamten Lastenradmarkt stark belastet, vor allem im DACH-Raum haben Hersteller und Händler dadurch leider Glaubwürdigkeit eingebüßt.“ Hinzu kamen die Folgen der KKR-Übernahme. Der US-Investor hatte Accell 2022 für rund 1,6 Milliarden Euro von der Börse genommen. Einen Teil des Kaufpreises lud das Konsortium dem Unternehmen als Schulden auf. Als der Corona-Boom abebbte, mussten die Eigentümer Accell wiederholt finanziell stützen. Im Februar 2026 ging die Gruppe im Rahmen einer Restrukturierung in den Besitz ihrer Gläubiger über – KKR stieg aus. Rettung durch asiatischen Investor scheitert Eine Rettung schien zunächst in Sicht. Die Tri Star Group, ein asiatischer Investor und Tochter der in Singapur ansässigen Dutech Group, sollte Accell übernehmen. Das Bundeskartellamt hatte den Deal im Juli bereits genehmigt. Dennoch kam die Übernahme nicht zustande. Beide Unternehmen haben sich bisher nicht öffentlich geäußert. Schöps vermutet: „Dutech wird die finanzielle Situation Accells nicht entgangen sein. Ich schätze, der Deal wurde nochmal tiefergehender geprüft und Dutech hat entschieden, doch lieber die Finger davon zu lassen.“ Nilsson verband die Mitteilung über die Zahlungsunfähigkeit mit Kritik an den europäischen Kartellbehörden. Er erklärte, der Fokus liege nun darauf, gemeinsam mit den vom Gericht eingesetzten Verwaltern „tragfähige Geschäftsbereiche und Arbeitsplätze zu erhalten, soweit die Umstände dies zulassen“. Wie es für die einzelnen Marken weitergeht, ist offen. Als attraktiv für potenzielle Käufer gelten laut Schöps vor allem Haibike, Ghost, Lapierre, Raleigh sowie Winora und XLC als Teilelieferant. Einige Marken könnten unter Druck geraten Für andere Marken wie Koga, Sparta, Babboe oder Batavus könnte es auf dem deutschen Markt eng werden. Schöps schließt nicht aus, dass Dutech später erneut anklopft – „um diesmal einzelne Teile der Gruppe abzugreifen“. Die Insolvenz von Accell reiht sich in eine lange Liste von Pleiten in der Branche ein. Bereits Van Moof, Prophete, YT Industries, HiBike und Simplon haben Insolvenz angemeldet. Für eine Branche, die seit Jahren mit Überbeständen, Rabattschlachten und Insolvenzen kämpft, ist der Fall Accell der nächste Warnschuss. (Quellen: Accell Group, Handelsblatt, WirtschaftsWoche, EY, Bundeskartellamt) (mare)