DAX -0,99 % 26.078,14 Pkt 11:45:02 MDAX -1,60 % 31.839,94 Pkt 11:45:02 Euro Stoxx 50 -0,01 % 6.467,55 Pkt 11:45:00 Dow Jones -0,72 % 53.343,40 Pkt 22:40:06 S&P 500 -1,21 % 7.691,76 Pkt 22:38:24 Nasdaq -1,64 % 26.289,71 Pkt 23:15:59 Nikkei -3,16 % 65.326,42 Pkt 08:45:03 Gold +1,13 % 4.415,30 USD 11:50:01 Silber -1,10 % 63,24 USD 11:49:59 Brent +0,77 % 91,72 USD 11:49:58 WTI -0,25 % 84,73 USD 11:49:56 Bitcoin -0,48 % 64.371,57 USD 11:59:19 EUR/USD +0,23 % 1,16100 USD 11:59:56 EUR/GBP +0,14 % 0,85600 GBP 12:00:02 EUR/CHF +0,15 % 0,94030 CHF 12:00:01 EUR/JPY +0,06 % 184,641 JPY 12:00:02

AfD-Bürgermeister fährt elektrisch und will Windräder bauen

Technologie

Er fährt ein Elektro-Auto und will in seiner Gemeinde Windräder aufstellen. Hannes Loth, Deutschlands erster hauptamtlicher Bürgermeister der in Teilen rechtsextremen Partei Alternative für Deutschland (AfD), fördert den Ausbau erneuerbarer Energien – auch wenn dies dem Programm seiner Partei widerspricht. Der Landwirt sitzt seit 2023 im Rathaus von Raguhn-Seßnitz und hat große Pläne. Er will in der Gemeinde mit rund 8600 Einwohnern im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt eine Batteriespeicheranlage mit Umspannwerk und sechs neue Windkrafträder errichten lassen. Tilo Hörtzsch, der für die konservative CDU im Gemeinderat von Raguhn-Seßnitz sitzt, bestätigt die Pläne. „Herr Loth ist nicht einer, der mit seiner Ideologie um die Ecke kommt“, meint der Inhaber eines Elektrounternehmens in der Gemeinde gegenüber der DW. „Wir brauchen solche Schlüsseltechnologien in Sachsen-Anhalt, das ist wichtig.“ Angst vor der Rolle rückwärts Angesichts der steigenden Umfragewerte für die AfD für die bevorstehenden Landtagswahlen am 6. September in Sachsen-Anhalt befürchtet er allerdings einen politischen Kurswechsel. „Ich sehe die Gefahr, dass wir wieder einen Schritt rückwärts machen“, so Hörtzsch. Die Sorge ist nicht unberechtigt. In ihrem Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt macht sich die AfD für fossile Energien stark. Und laut der jüngsten Wahlumfragen liegt die Partei mit ihrem Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in dem Bundesland bei rund 41 Prozent Zustimmung. Der amtierende CDU-Ministerpräsident Sven Schulze, der ebenfalls kandidiert, kommt laut infratest dimap auf rund 26 Prozent. ANZEIGE ANZEIGE Sachsen-Anhalt gehört in Deutschland zu den Vorreitern der Energiewende. Aufgrund der stark ausgebauten Kapazitäten von Wind- und Solarenergie lag laut Umweltbundesamt der Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch 2025 bei 57 Prozent. Zum Vergleich: In ganz Deutschland lag der Anteil 2025 bei 55 Prozent. Windenergie und politischer Gegenwind Es ist paradox: Ausgerechnet in den ostdeutschen Bundesländern Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, die zu den Vorreitern beim Ausbau erneuerbarer Energien gehören, hat die AfD politisch an Zustimmung gewonnen. Für den Demoskopen Roland Abold, Geschäftsführer von infratest dimap, spielen wirtschaftliche Fragen, wie der „Energiemix in Sachsen-Anhalt bei einer Wahlentscheidung von Parteianhängern der AfD eine geringere Rolle“. „Die wichtigsten politischen Probleme in Sachsen-Anhalt sind aus Sicht der Wahlberechtigten gemäß unserer letzten Befragung aus dem Mai 2026 die Themen 'Flüchtlinge und Asylpolitik' sowie Bildung und Wirtschaft“, erklärt er gegenüber der DW. Rechtsextremismusforscher Johannes Kieß von der Universität Leipzig hat eine weitere Erklärung: „Bei der Energiepolitik zeigt sich, dass die AfD nicht wegen konstruktiver und innovativer Politikvorschläge gewählt wird“, erklärt er. Vielmehr basiere ihr Erfolg auf Emotionen, die in Form von Ressentiments gegen die Politik (da oben) und die Anderen (da unten) mobilisiert würden. Kohle statt Windenergie Anders sieht es bei Vertretern der Wirtschaft aus. Dort sind Fachkräftemangel und hohe Energiepreise die wichtigsten Themen. Während die Landesregierung aus CDU und Sozialdemokraten auf den Ausbau erneuerbaren Energien setzt, um unabhängiger von fossilen Energieträgern und den Preisschwankungen zu werden, setzt die AfD auf fossile Energien. In ihrem Regierungsprogramm kündigt sie unter anderem an, „den Kohleausstieg zu stoppen, den Wiedereinstieg in die Kernenergie einzuleiten und die energiepolitischen Russlandsanktionen zu beenden.“ Außerdem will sie ein Windradmoratorium verhängen und fordert ein Aufnahmestopp für Nicht-EU-Ausländer. „Massive Verschlechterungen für die Wirtschaft“ Firmenchefs einheimischer Konzerne sowie Ökonomen warnen deshalb vor einer Regierungsbeteiligung der Partei. Für Daniel Hannemann, Vorstandschef des Wittenberger Batteriespeicher-Herstellers Tesvoltaus Wittenberg, ist die Migrationspolitik „wirtschaftsschädlich“. Gegenüber der Zeitung Volksstimme erklärte er kürzlich, dass ein „Klima der Abschottung“die Personalsuche und die Pflege internationaler Geschäftsbeziehungen erschwere. Noch schwerer wiegen aus seiner Sicht die energiepolitischen Vorhaben: „Wer den Ausbau von Windkraft bremst, die gesetzliche Förderung von erneuerbaren Energien infrage stellt oder klimapolitische Verpflichtungen zurückdrehen will, schadet direkt Unternehmen wie Tesvolt“, so Hannemann. Für Rechtsextremismusforscher Johannes Kieß ist das AfD-Programm nicht nur „unrealistisch“. Es hätte für die Wirtschaft und Energiesicherheit Sachsen-Anhalts massive Verschlechterungen zu Folge, erklärt er in einer Stellungnahme für die DW. „Ich dachte, es wäre Spaß“ Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze rechnete bei einer Sitzung Ende Juni im Landtag mit seinem Herausforderer Ulrich Siegmund ab. In dem Wahlprogramm der AfD stünden viele Punkte, die auf Landesebene gar nicht entschieden werden könnten, so Schulze. Und er benennt einige Beispiele: „Die CO₂-Steuer und Subventionen für E-Autos streichen, Austritt aus dem Pariser Klimaschutzabkommen, oder Wiedereinführung der Kernenergie: Wenn Sie das über den Bundesrat regeln wollen, brauchen sie 35 Stimmen. Sachsen-Anhalt hat vier.“ AfD-Bürgermeister Hannes Loth versucht derweil, die Erlaubnis für die Errichtung von Windrädern in seiner Kommune von der Landesregierung zu bekommen, bevor es zu spät sein könnte. Denn in Sachsen-Anhalt bekommen Gemeinden für genehmigte Anlagen 0,3 Cent pro Kilowattstunde als Förderung. Loths Antrag landete auf dem Tisch von Ministerpräsident Schulze. „Ich dachte erst, es wäre ein Spaß“, so Schulze während der Landtagssitzung. „Aber das Schreiben, in dem mich Herr Loth darum bittet, dass ich mich dafür einsetze, dass er sechs neue Windräder in seinem Wald bauen kann, existiert wirklich, ich habe es hier vor mir liegen.“ Von Astrid Prange de Oliveira

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