AfD-Parteitag in Erfurt: Alice Weidel und Tino Chrupalla als AfD-Chefs wiedergewählt
Die Alternative für Deutschland (AfD) trifft sich an diesem Wochenende zum Bundesparteitag in Erfurt. Sie will sich auf die Landtagswahlen im Herbst vorbereiten, bei denen sie in mehreren Bundesländern stärkste Kraft werden könnte. Linke, Grüne, Gewerkschaften und antifaschistische Organisationen haben große Proteste angekündigt. Die Polizei erwartet bis zu 50.000 Demonstrierende, auch Sitzblockaden und andere Störungen dürften stattfinden. Der Parteitag der vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuften Partei ist auch wegen des Datums umstritten: Er findet auf den Tag genau 100 Jahre nach dem ersten Reichsparteitag der NSDAP nach ihrem Parteiverbot statt. Alle Texte zum AfD-Bundesparteitag finden Sie auf unserer Themenseite. Tilman Steffen Hektische Suche in der Tagungshalle nach Störquelle Durch die Tagungshalle schallt in regelmäßigen Abständen ein deutlich hörbares Trompetenmotiv aus Krieg der Sterne, das in ein Flötenmotiv übergeht. Unbekannte haben offenbar Schallquellen im oberen Bereich der Halle platziert, die die Musik abspielen, automatisch oder ferngesteuert. Ein Suchtrupp von Technikern zieht durch die Halle und sucht die Wände, Böden und Decken nach der Ursache ab. Am Rande des Parteitags wird bereits scherzhaft gewarnt, wenn das nicht aufhöre, bekomme die AfD Probleme mit der Gema. Beschäftigte suchen in der Halle nach der Störquelle. Tilman Steffen Sarah Kohler Tritschler und Möller zu Stellvertretern gewählt Nach den Bundesparteivorsitzenden hat die AfD auch ihre stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Der stellvertretende Vorsitzende der AfD-Fraktion im Landtag Nordrhein-Westfalen, Sven Tritschler, wurde von Alice Weidel vorgeschlagen und setzte sich mit knapper Mehrheit gegen Kay Gottschalk aus NRW durch. Er war früher auch Bundesvorsitzender der Jungen Alternative für Deutschland. Der Thüringer Bundestagsabgeordnete Stefan Möller wurde von Höcke vorgeschlagen und mit gut 76 Prozent Zustimmung gewählt, es gab keinen Gegenkandidaten. Er ersetzt den bisherigen thüringischen Parteivizevorsitzenden Stephan Brandner im Vorstand. Sarah Kohler 31.000 Protestierende vor allem vor dem Messegelände Polizeiangaben zufolge sind 31.000 Protestierende in Erfurt unterwegs. Die genehmigte Höchstzahl von 15.000 Teilnehmenden bei der DGB-Kundgebung auf dem Messeparkplatz Ost könnte bald erreicht sein, Blockaden auf der Autobahn würden größtenteils von den Teilnehmenden selbst aufgelöst. Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und der Geschäftsführer der Kampagnenorganisation Campact, Christoph Bautz, stufen den Protest gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt als »Festival der wehrhaften Demokratie« ein. Der Parteitag habe »nicht geräuschlos stattfinden« können, zahlreichen Aktionen wie Großdemo und Sitzblockaden hätten deutlich gemacht, dass die AfD keine normale Partei sei. Caspar Leder Reporterteam von Apollo News offenbar attackiert Apollo News berichtet, dass ein Reporterteam des Portals von Demonstranten am Rande einer der Gegendemonstrationen attackiert worden sei. Der Chefredakteur von Apollo News schrieb auf X, einem der Mitarbeiter sei dabei gegen den Hinterkopf getreten worden. Die Polizei konnte den konkreten Vorfall zunächst nicht bestätigen. Der Polizei zufolge wurden zuvor zwei Journalisten durch Flaschenwürfe aus einer Versammlung heraus verletzt. Ein Journalist wurde demnach mit einem Krankenwagen zur weiteren Behandlung weggebracht. Zum Medium machte die Polizei keine Angaben. Tilman Steffen Alice Weidel mit deutlich stärkerem Wahlergebnis wiedergewählt Auch AfD-Bundeschefin Alice Weidel ist wiedergewählt. Sie erhielt in der Abstimmung über den Zweiten Bundessprecher 81 Prozent der Stimmen und damit deutlich mehr als ihr gerade mit 70 Prozent wiedergewählter Co-Chef Tino Chrupalla. 19 Prozent stimmten gegen Weidel. Zur Vorstandswahl vor zwei Jahren hatte sie geringfügig schlechter abgeschnitten als Chrupalla, was das gegenseitige Verhältnis der beiden dem Vernehmen nach deutlich belastete. In ihrer Rede erntete sie den meisten Applaus für ihre Passagen zur Migrationspolitik: Wie schon oft ausgeführt, kündigte sie an, die AfD werde straffällige Migranten abschieben. Geflüchtete werde man nur noch Sachleistungen gewähren. »Dann gehen die meisten nach Hause, wenn sie vom deutschen Staat kein Geld mehr bekommen«, sagte sie. Tilman Steffen Tino Chrupalla mit 70 Prozent als AfD-Chef wiedergewählt Tino Chrupalla ist als AfD-Chef wiedergewählt. Für den Co-Vorsitzenden von Alice Weidel stimmten 70 Prozent der Delegierten, 30 Prozent stimmten mit Nein. Das ist deutlich weniger als zur vergangenen Wahl 2024, bei der Chrupalla 83 Prozent und damit sogar etwas mehr als seine Co-Chefin erreicht hatte. In seiner Bewerbungsrede inszenierte sich Chrupalla als bodenständiger Politiker, der den Kontakt zur Partei durch intensive Basisarbeit pflege. Sarah Kohler Polizei meldet weiter 25.000 Protestierende, erste Blockade beendet Nach Angaben der Polizei beteiligen sich aktuell insgesamt bis zu 25.000 Personen an Demonstrationen und Blockaden gegen den AfD-Parteitag in Erfurt. Vereinzelt sei es zu Auseinandersetzungen gekommen, dabei hätten Polizisten auch Pfefferspray eingesetzt. Zwei Journalisten seien durch Flaschenwürfe verletzt worden, die Ermittlungen liefen. Laut Polizei haben die Protestierenden erste Blockaden auf der A 71 selbst beendet, mehrere Tausend Menschen befänden sich jedoch weiterhin auf der Autobahn. Verkehrsbehinderungen hielten an. Sarah Kohler Bodo Ramelow nimmt an Protesten teil Thüringens Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat bei Protesten gegen den AfD-Parteitag die Weltoffenheit Erfurts unterstrichen. »Diese Stadt steht für Freiheit, diese Stadt steht für Vielfalt, diese Stadt steht für ein gemeinsames buntes Leben«, sagte er bei einer Protestveranstaltung in der Nähe des Parteitags. Die Sitzblockade am Gothaer Platz stehe in einer längeren Tradition in Thüringens Landeshauptstadt: Bereits 1993 hätten Arbeiter sitzend auf dem Gothaer Platz gegen ein Baugebiet protestiert. Es habe Tradition, »dass man auch auf dem Gothaer Platz mal rumsitzt«, sagte Ramelow. Mehr als Tausend Menschen besetzen am Morgen nach Polizeiangaben aus Protest gegen den AfD-Parteitag den zentralen Gothaer Platz. Sarah Kohler DGB-Chefin Fahimi nennt Erfurt »Ort des Widerstands« DGB-Chefin Yasmin Fahimi unterstützt den Protest. »Wir machen heute deutlich, dass Erfurt nicht ein Ort irgendeines Parteitags ist, sondern Erfurt ist heute ein Ort des Widerstands«, sagte Fahimi bei einer Protestveranstaltung in der Nähe des AfD-Parteitags. Ein Verfahren zum Verbot der Partei müsse jetzt aus den Ländern heraus auf den Weg gebracht werden. Der aus Erfurt stammende Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) lobte bei der Kundgebung den Zusammenhalt der Demonstranten. Die AfD sei kein Ostphänomen. »Das ist ein Thema, das ganz Deutschland bedroht. Und deshalb ist es gut, dass wir hier heute zusammenstehen«, sagte er. Die DGB-Chefin nahm an den Protesten teil. Martin Schutt/dpa Sarah Kohler AfD will an Regierung in Sachsen-Anhalt Thüringens AfD-Chef Björn Höcke rechnet offenbar fest mit einem Sieg von Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bei der Landtagswahl Anfang September. »Ich bin mir sicher, du bist der nächste Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt«, rief Höcke Siegmund zu und erntete großen Applaus. »Wir sind auf der Siegesstraße der Geschichte unterwegs.« Die Brandmauer habe die AfD erst groß gemacht. Höcke plädierte für Veränderungen. Ein großartiges Deutschland sei ein Land, in dem die öffentlichen Plätze sauber und gepflegt seien. »Schauen Sie auf den Zustand der Autobahntoiletten eines Landes und Sie erkennen den Zustand der Gesellschaft«, sagte er. Es gehe aber auch darum, »Deutschland wieder mit sich selbst zu befreunden«. »Wir wollen Deutschland wieder großartig machen«, rief er, möglicherweise in Anspielung auf Donald Trumps Wahlkampfslogan. Weidel, Gauland und Chrupalla auf dem Parteitag: Die AfD feiert ihre Erfolge. REUTERS/Karina Hessland Sarah Kohler AfD-Parteitag stimmt nicht über Unvereinbarkeitsliste ab Eine Gruppe von Delegierten um den rechtsextremen Thüringer Landesparteichef Björn Höcke hat ihren Antrag auf Überarbeitung der sogenannten Unvereinbarkeitsliste der AfD zurückgezogen. Damit sollte der Bundesvorstand beauftragt werden, »die Unvereinbarkeitsliste (UVL) binnen eines Jahres zu überarbeiten«. Die Liste regelt bislang, welchen extremistischen Organisationen Parteimitglieder nicht angehören dürfen, etwa der rechtsextremen Identitären Bewegung. Höcke setzt sich dafür ein, dass sich die Partei stärker für Mitglieder aus dem radikalen Milieu öffnet. Die Parteispitze hatte eine Debatte über rechtsextreme Splittergruppen jedoch verhindern wollen. Alice Weidel sagte, der neu gewählte Bundesvorstand werde sich des Themas sofort annehmen und »innerhalb eines Jahres selbstverpflichtend die Unvereinbarkeitsliste überarbeiten, mit einem klaren Kriterienkatalog«. Caspar Leder Abgeordneter der Linken bezeichnet Protest als »Riesenerfolg« In Erfurt hat mein Kollege Jakob Milzner mit Luke Hoß, einem Bundestagsabgeordneten für die Partei Die Linke, gesprochen. Auf die Frage danach, wie er sich fühle und wie es sei, vor Ort zu sein, sprach Hoß von einem »Riesenerfolg«. Die Menschen in Erfurt hätten ihn und die mit ihm ankommenden Demonstranten willkommen geheißen. »Wir wurden begrüßt von Leuten, die an den Fenstern standen«, sagte er. Die Menschen hätten gewinkt, die Daumen gezeigt und bei Demosprüchen mitgerufen. Er sprach von einem »Strahl der Hoffnung«, der von Erfurt ausginge. Die Menge der Menschen, die sich gegen die AfD wendete und deren Sichtbarkeit in der Berichterstattung, bezeichnete er als erfolgreich. Er sprach von einer wirklich breiten Zivilgesellschaft aus Erfurt, die vor Ort zusammengekommen sei. Es finden mehrere Demonstrationen gegen den Parteitag statt. REUTERS/Christian Mang Tilman Steffen Weidel feiert die AfD als neue Volkspartei Die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel beginnt ihre Auftaktrede hier in der Parteitagshalle in staatstragendem Ton, sie bilanziert die Arbeit ihrer Partei – darunter Mitgliederzahlen, Wahlergebnisse. Sie zeigt eine Folie mit Wählerwanderung aus dem Wahlkampf 2025: Die AfD hat demnach 1,8 Millionen Nichtwähler hinzugewonnen, eine Million von der Union herübergezogen. »Wir sind die Taktgeber im Bund«, konstatiert Weidel. Selbst »im linken Berlin« sei die Partei Umfragesieger. Sie versucht, mit einer Pointe zu punkten: Die AfD in Berlin werde den Regierenden Bürgermeister der CDU zur Wahl im September »zurück auf den Tennisplatz« schicken – dahin, wo sich Wegner hinbegeben hatte, nachdem Extremisten in Berlin einen Anschlag auf die Stromversorgung verübt hatten. Wo sie bei früheren Parteitagen laut von den »Windrädern der Schande« sprach oder von »Remigration«, löste sie den Jubel der Delegierten diesmal mit den Worten aus, die AfD wolle das Land »in Schwarz-Rot-Gold tauchen«. Auch Weidel zeigt einen Film voller Jubelbilder aus vorangegangenen Wahlkämpfen, darunter den Videoauftritt von Elon Musk im Januar 2025. »Wir sind die neue Volkspartei«, sagt sie mehrmals. Die Partei hat mittlerweile fast 80.000 Mitglieder und ist in den meisten Bevölkerungsschichten verankert. Weidel während ihrer Rede hier in Erfurt. Tilman Steffen/DIE ZEIT Sarah Kohler Leiter der Gedenkstätte Buchenwald wirft AfD nationalistisches Gedankengut vor Anlässlich des AfD-Parteitags hat Jens-Christian Wagner, der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, an den Reichsparteitag der NSDAP vor genau 100 Jahren in Weimar erinnert. »Zeitpunkt und Ortswahl sind ganz sicherlich kein Zufall«, sagte Wagner bei einer Protestveranstaltung in Erfurt. Mit der Entscheidung, den Parteitag in Erfurt zu veranstalten, sende die AfD ein »ganz deutliches Signal«. Die AfD sei zumindest noch nicht die »NSDAP 2.0«. »Aber ihre Bezugnahme auf völkisches, autoritär-nationalistisches Gedankengut der Zwanziger- und Dreißigerjahre wird immer deutlicher und ihr Versuch, die Verbrechen der Nazis kleinzureden und umzudeuten«, sagte Wagner. Tilman Steffen Höcke will Nation auf die Couch legen Björn Höcke ist Chef des gastgebenden Thüringer Landesverbandes. In einer Begrüßungsrede referiert er viel bekannte AfD-Rhetorik, jedoch in dem von ihm bekannten bedeutungsschweren Duktus. Das steht ein wenig im Widerspruch dazu, dass er in der Halle hier in Erfurt teils schlecht zu verstehen war. Er sprach überwiegend leise, erst zum Schluss hob er die Stimme, die Delegierten schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen. Unter anderem erklärte er bildsprachlich die AfD zum Psychologen Deutschlands – die AfD müsse einen Teil der Nation »auf die Couch legen«, um von der AfD beklagte Missstände zu beseitigen. Höcke hatte schon vor dem Parteitag Signale gesetzt: Er unterstützte einen Antrag, der die sogenannte Unvereinbarkeitsliste der Partei modifizieren wollte. Die Liste führt Organisationen wie die rechtsextremistische, mittlerweile verbotene HDJ auf, die mit einer AfD-Mitgliedschaft unvereinbar sein sollen. Höcke sprach sich dafür aus, zumindest ein Verfallsdatum einzuführen, sodass etwa frühere HDJ-Mitglieder in die Partei eintreten könnten. Am Ende erfolglos: Nachdem sich Bundeschefin Alice Weidel am Rednerpult für eine Vertagung des Vorhabens ausgesprochen hatte, zogen die Antragsteller es zurück. Nach oben