"Africapitalism": Nigerias Öl-Tycoon bietet der Welt Milliardenwette auf Afrika an
Er hat ein Zementimperium aufgebaut, eine 20 Milliarden Dollar teure Raffinerie errichtet und ein Vermögen von mehr als 30 Milliarden Dollar angehäuft. Nun möchte Aliko Dangote die internationalen Kapitalmärkte anzapfen, um seine größte Vision zu verwirklichen. Bill Gates bezeichnet Aliko Dangote als seinen Freund und langjährigen Partner im Kampf gegen Mangelernährung in Afrika. Mit U2-Sänger Bono verbindet den Nigerianer sein Engagement im Rahmen der Hilfsorganisation ONE. Cherie Blair, die Ehefrau des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair, sitzt im Verwaltungsrat seiner Zementsparte. Sein Netzwerk birgt für den Gründer und Leiter der Dangote Group nicht nur gesellschaftliches Potenzial. In erster Linie ist er ein erfolgreicher Unternehmer. In den vergangenen Jahrzehnten hat er ein Industrieimperium aufgebaut. Mit einem geschätzten Vermögen von über 30 Milliarden Dollar ist er damit zum reichsten Mann Afrikas aufgestiegen. Und in wenigen Wochen will er seine bisher größte Wette an den Start bringen: Zwei milliardenschwere Börsengänge sollen Kapital für seine Unternehmen mobilisieren und gleichzeitig internationale Investoren für ein Erfolgsmodell gewinnen, das nach seiner Vorstellung über den gesamten Kontinent ausgerollt werden muss. Zwei Börsengänge, zwei Ziele Im September will er zunächst seine Zementsparte an die Londoner Börse bringen. Rund zehn Prozent der Aktien werden externen Investoren angeboten. Dangote Cement ist bereits in Lagos gelistet, wird mit knapp 13 Milliarden Dollar bewertet und ist in elf afrikanischen Ländern aktiv. "In London geht es für uns vor allem um Geschwindigkeit und den direkten, unkomplizierten Zugang zu globalen Investoren", sagt Mariya Dangote, Executive Director der Zementsparte und Tochter des Unternehmers. Der Konzern hatte zuvor auch Dubai geprüft, sich wegen langwieriger regulatorischer Verfahren jedoch gegen das Emirat entschieden. Es geht auch um mehr als frisches Geld. "Ein erfolgreiches Listing in London hebt auch die Corporate Governance und das weltweite Vertrauen auf ein völlig neues Niveau", sagt Qudus Adebara, Research-Analyst beim Investmenthaus DLM Securities. Der Finanzplatz ist für Afrika gewissermaßen der Ritterschlag auf dem globalen Kapitalmarkt. Im Oktober folgt dann der zweite weitaus größere Börsengang von Dangotes Ölraffinerie in Lagos. Der nigerianische Tycoon will mit ihr rund fünf Milliarden Dollar einsammeln. Es wäre der größte Börsengang Afrikas. Das Geld soll unter anderem in den Ausbau der Raffinerie und in eine weitere Anlage in Kenia fließen. Es ist ausdrücklich ein panafrikanisches Projekt. Börsen in Südafrika, Kenia, Ägypten, Ghana und Ruanda haben Interesse an einer Beteiligung bekundet, heißt es. Allein aus Kenia könnten bis zu 500 Millionen Dollar kommen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters gibt es auch bei institutionellen Anlegern wie Pensionsfonds "enormes" Interesse. "Ist diese Investition unser wirtschaftlicher Weckruf?", fragt der ostafrikanische Ökonom Dennis Kabaara in einer Analyse für Kenias Leitmedium "The Standard". Die Frage, die sich dahinter verbirgt, lautet: Kann ein Modell wie das von Dangote wirklich so viel internationales Kapital mobilisieren und die industrielle Entwicklung Afrikas vorantreiben? Aus Rohöl wird Wertschöpfung Das wichtigste Argument dafür steht vor Lagos. Für rund 20 Milliarden Dollar ließ Dangote dort die größte Raffinerie Afrikas errichten. Die Kapazität liegt bei 650.000 Barrel Rohöl pro Tag. Ihre Bedeutung geht über ihre schiere Größe hinaus. Nigeria gehört zu den größten Erdölproduzenten der Welt. Die Verarbeitung des Rohöls fand jedoch bisher anderswo statt - und damit entfiel ein wichtiger Teil der Wertschöpfung. Jahrzehntelang war das Land deshalb gezwungen, seine Kraftstoffe größtenteils für viel Geld zu importieren. Dangote hat diese Logik umgedreht. Seine Raffinerie verarbeitet das Rohöl vor Ort. Dadurch kann Nigeria mehr Kraftstoffe selbst produzieren und sogar exportieren. Inzwischen beliefert die Anlage auch Europa und exportiert unter anderem Kerosin und andere Ölprodukte. Genau das ist der Kern von Dangotes Vision: Afrika soll sich nicht länger mit der Förderung von Rohstoffen begnügen, sondern selbst produzieren, verarbeiten, exportieren und verkaufen. Vom Händler zum Industriellen Dangotes Aufstieg begann im Jahr 1977 in Kano im Norden Nigerias. Der damals 20-jährige Wirtschaftsstudent startete mit einem Kredit seines Onkels und drei Lastwagen. Er handelte zunächst mit Reis, Zucker und Zement. Aus dem kleinen Handelsgeschäft wurde im Laufe der Jahrzehnte ein ganzes Industrieimperium. Heute ist die Dangote Group unter anderem in den Bereichen Zement, Zucker, Düngemittel und Öl tätig. Allein Dangote Cement verfügt über eine Produktionskapazität von 55 Millionen Tonnen pro Jahr und ist in elf afrikanischen Ländern aktiv. In Nigeria betreibt das Unternehmen vier Zementwerke und kontrolliert dabei die gesamte Produktionskette - von der Grube bis zum Sack. Das Geschäftsmodell folgt einem einfachen Prinzip: Wo Infrastruktur fehlt, baut Dangote sie selbst. Produktion, Energie, Logistik und Vertrieb sind überall eng miteinander verbunden. So kontrolliert der Konzern große Teile seiner Wertschöpfungskette und kann seine Produkte auch in Regionen mit schwacher staatlicher Infrastruktur verteilen. Dangote zündet die nächste Stufe Dangotes Konzern bezeichnet die Strategie ausdrücklich als Beitrag zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit Afrikas. Damit steht er für die Idee des "Africapitalism", nach der private Unternehmen Industrie und Infrastruktur aufbauen sollen, die der Staat allein nicht finanzieren kann, wie kein anderer. Allerdings hat er auch nicht nur Bewunderer. Kritiker werfen ihm vor, eine dominante Stellung in wichtigen Märkten aufgebaut zu haben. Das betrifft insbesondere sein Zementgeschäft. Hinzu kommen Vorwürfe, seine Nähe zur Politik sowie protektionistische Maßnahmen hätten seinen Aufstieg begünstigt. Das macht das Modell ambivalent: Einerseits investiert Dangote Milliarden in die Industrie und will Afrikas Abhängigkeit von Importen verringern. Andererseits konzentriert sich wirtschaftliche Macht in hohem Ausmaß bei einem einzelnen Unternehmer. Die Börsengänge markieren deshalb einen entscheidenden nächsten Schritt: Dangote muss zeigen, dass sich nicht nur in Nigeria, sondern in ganz Afrika mit seinem Modell erfolgreich Geschäfte machen lassen. Genau darin besteht die eigentliche Wette für die Anleger.