„Agefield High: Rock the School“ im Test: So trashig war meine Schulzeit nicht
Videospiele behandeln nicht immer Mord und Totschlag. Genauso muss auch nicht immer die Welt oder gleich das ganze Universum gerettet werden. Manche Titel denken Videospiele kleiner und nehmen stattdessen den ganz normalen Alltag in den Blick. Insbesondere die Schulzeit liefert ein spannendes Setting: Jugendliche haben ihr eigenes kleines Abenteuer, mit Prüfungen und Partys, lustigen Streichen und nervigen Erwachsenen. Diese Idee hat „GTA 6“-Entwickler Rockstar bereits mit „Bully“ im Jahr 2006 umgesetzt. 20 Jahre später möchte der Indie-Entwickler Refugium Games die Lücke mit seinem Spiel „Agefield High: Rock the School“ schließen. Hat er das geschafft? Nein, auf keinen Fall, nicht mal annähernd. Der Trailer voller 2000er-Coming-of-Age-Charme mag noch vielversprechend gewesen sein, doch das fertige Spiel fällt nach wenigen Minuten bereits durch. Nichtsdestotrotz: Es versprüht einen ganz eigenen Vibe, wie die Kids heute sagen würden. Wie ein Aufsatz, der auf einer turbulenten Busfahrt geschrieben wurde Für die viel zu teuren 30 Euro kopiert „Agefield High: Rock the School“ mit Early-Access-Geschmack dasselbe Gerüst wie das damalige Rockstar-Spiel – nur in deutlich schlechter. Ein Junge betritt eine Vorstadt-Welt, um diverse Unterrichtsfächer zu absolvieren und außerschulische Missionen zu meistern, die darauf abzielen, in der alles entscheidenden Beliebtheitsskala ganz nach oben zu kommen. Die Umsetzung wirkt, als hätte Refugium Games das Spiel für Gamedesign-Studiengänge produziert, um alle Fehler aufzuzeigen, die man auf keinen Fall machen sollte. Bild 1 von 5 "Agefield High" angespielt (5 Bilder) Die Gesichtsanimationen der Figuren existieren, aber sie zeigen keine Emotionen. Die Dialoge rund um Sex und Schimpfe haken jedes Highschool-Klischee ab und plätschern langsam vor sich hin. Die Spielwelt ist frei erkundbar, liefert allerdings nichts Erkundenswertes. Das einfallslose Kampfsystem möchte, dass ich die dämliche Gegner-KI chancenlos mit Tritten in der Ecke festhalte. Der Unterricht, der lediglich aus Ausfüllformularen besteht, die unter Zeitdruck ausgefüllt werden müssen, ist so langweilig und sperrig, wie er sich anhört. Angst vor dem Sitzenbleiben habe ich keine, da „Agefield High: Rock the School“ weder Gefahren noch Niederlagen kennt. Jedes Scheitern bleibt konsequenzlos oder führt nur zu einem Neuladen. Wozu sollte ich die Schul-Security fürchten, wenn ihr nach wenigen Metern der Verfolgung bereits die Puste ausgeht? Wozu sollte ich mich an irgendwelche Uhrzeiten halten, wenn unsere Freunde auch brav bis in die Nacht im Park warten? Vieles ist in diesem Spiel vorhanden, läuft ohne großartige Bugs ab, ergibt aber unterm Strich eines nicht: Spaß. Zumindest, wenn man Spaß so definiert, wie ihn andere Spiele verstehen. Ein Sharknado zum Spielen Denn was sich nicht abstreiten lässt: „Agefield High: Rock the School“ ist trotz aller Schwächen eine interessante Spielerfahrung. Genauso lang wie die Fehlerliste ist die Liste der Momente, an denen ich laut loslachen musste. Sei es, weil die Dialoge unfreiwillig komisch ausfallen, die Missionen unverschämt einfach sind oder ich auf dem Bike Moves hinlege, die physikalisch eigentlich unmöglich sind. Wer sich mit „Agefield High: Rock the School“ einfach nur belustigen möchte, wird hier diverse Möglichkeiten finden. Zum Beispiel mit der kuriosen Mimik von Protagonist Sam, der entweder viel zu cool, schlafend oder tot herüberkommt. Egal, ob ihn Leute gerade anschreien oder ihr Herz ihm gegenüber ausschütten. Auch andere Figuren haben ihre Momente: So brüllt eine Security aus heiterem Himmel über den Flur: „Während meiner Schicht wird niemand schwanger“ – und das so unvorbereitet, so trocken, ohne jegliche Betonung, dass ich völlig schockiert stehen bleiben musste. Oder das hier: Jede Tür im Spiel quietscht beim Öffnen, egal welche und egal, ob gerade Zwischensequenzen laufen oder Personen sprechen. Gleichzeitig bemüht sich der Soundtrack, die für Jugendliche lebenswichtige Dauerbeschallung durch Rock niemals enden zu lassen, und lässt deswegen ein Lied sofort auf das andere folgen. Die Missionen sind ebenfalls schräg: Ein Unterhosen-Diebstahl führt uns in das Haus einer Mitschülerin, die Aufpasserin mimt die Mutter und sobald sie Notiz von uns nimmt, ertönt ein lautes Tüten wie bei einem Wagen im Rückwärtsgang. Warum auch immer, aber unnötig und lustig ist es allemal. Empfohlener redaktioneller Inhalt Mit Ihrer Zustimmung wird hier ein externes YouTube-Video (Google Ireland Limited) geladen. In einer anderen Mission jagt Sam einen Lehrer, der Schüler in ihren Häusern ausspioniert. Allerdings macht er das nicht aus einer sicheren und versteckten Position heraus, sondern direkt auf der Straße, am helllichten Tag, mit dem Fernglas in der Hand. Die Welt von „Agefield High: Rock the School“ tickt eben anders. Auf einer Party soll ich Substanzen in die Getränke mischen, finde aber kaum einen Weg durch die knutschenden Teenies. Nachts kommt es zu einem gewaltigen Stau auf der Straße, weil eine Person einfach stehen geblieben ist. Andernorts grillen Erwachsene Steaks, ohne Lampen, in der Dunkelheit, während klassische Musik im Hintergrund läuft. Ist das ein Bug oder ein Statement? Und wenn Sam gerade nicht mit dem Bike durch die Gegend fliegt oder senkrecht an Wänden hochfährt, ist er zu Hause, um den Rasen zu mähen oder mit seiner Gitarre das schlechteste Musik-Minispiel aller Zeiten zu absolvieren: eines, bei dem man nur scheitern kann, wenn man mit geschlossenen Ohren und Augen spielt. Refugium Games hat offensichtlich nicht viel Ahnung von Spielentwicklung, aber doch Humor. Deswegen habe ich weitergespielt, auch wenn ich eigentlich nicht wollte. Nur um zu sehen, was noch alles schief läuft. „Agefield High: Rock the School“ erschien am 12. August für Windows (Steam). Zu einem späteren, noch unbekannten Zeitpunkt soll das Spiel auch für Konsolen erscheinen. Es kostet 29,99 Euro.