Aggressives Fahrverhalten: "Spannungen müssen sich irgendwie abbauen"
Stand: 19.08.2026 18:21 Uhr Hupen, dicht auffahren und grobe Gesten: Aggressives Verhalten im Straßenverkehr hat laut einer Studie in den vergangenen Jahren zugenommen. Warum gerade im Auto Wut aufkommt, erklärt ein Verkehrspsychologe. Seit zehn Jahren gibt es laut dem Gesamtverband der Versicherer (UDV) einen Trend zu aggressivem Verhalten im Straßenverkehr. Nahezu alle erhobenen Werte der Langzeitstudie hätten sich im Vergleich zur letzten Erhebung aus 2023 erneut verschlechtert, teilte der UDV jüngst mit. Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss aus Hannover erklärt im Interview, warum gerade im Auto Wut aufkommt und gibt einen Tipp, wie diese gar nicht erst aufkommt. Herr Voss, wann haben Sie sich zum letzten Mal im Straßenverkehr so richtig aufgeregt? Karl-Friedrich Voss: Das ist schon sehr, sehr lange her. Das liegt auch im Wesentlichen daran, dass ich mich daran gewöhnt habe, dass es belastende Situationen im Straßenverkehr gibt. Ich kann damit umgehen. Woran liegt es, dass so viele Menschen das anders machen als Sie und aggressiv am Steuer sind? Voss: Naja, es ist allgemein bekannt, dass wenn etwas eintritt, was man nicht erwartet hat, oder wenn eine Erwartung besteht und die nicht erfüllt wird, dann gibt es Spannungen im Kopf und diese Spannungen müssen sich irgendwie abbauen. Und da die eigene Person ja meistens verschont bleiben soll, wird man sich also nicht selber fragen, was man dazu beitragen kann, sondern das gegen irgendwelche anderen Leute richten, die sich im Straßenverkehr befinden. Der Ton ist in der gesamten Gesellschaft rauer geworden, das sehen wir Tag für Tag im Internet und in den sozialen Medien. Ist die Lage auf den Straßen aus Ihrer Sicht ein Teil dieses grundsätzlichen Phänomens? Voss: In gewisser Weise ja, weil man sich im Auto sozusagen in einer geschützten Umgebung befindet und sich da mit seinen Äußerungen zunächst in einem sanktionsfreien Raum befindet. Erst dann, wenn sich das Ganze auf andere Leute auswirkt, kann es eben auch problematisch werden. Bohmte im Landkreis Osnabrück verzichtet seit 20 Jahren auf Schilder und Ampeln und verzeichnet seitdem deutlich weniger Unfälle. Das lässt auch darauf schließen, dass die Situation in Bohmte auf den Straßen ein bisschen entspannter ist. Ist das ein Vorbild für Sie? Voss: Das ist sehr wohl ein gutes Vorbild, weil das auch unter Beteiligung aller Betroffenen sozusagen zustande gekommen ist und es erforderlich macht, dass man sich immer mit dem Straßenverkehr beschäftigt und sich nicht auf irgendwelche Regelungen verlässt, die man sozusagen nicht mehr überblickt. Ist dieser "Schilderwald" am Straßenrand aus Ihrer Sicht ein Grund dafür, dass es diese sehr aggressive Atmosphäre auf den Straßen gibt? Voss: Das nicht unbedingt, aber jedes Schild ist kein Beitrag dazu, sich besonders darum zu bemühen, ein Einvernehmen zu entwickeln, sondern jedes Schild schafft ja auch Rechtsansprüche und nicht nur Verbote. Und das erzeugt also immer wieder Spannung, die dann den einen oder anderen dazu bringt, dass er sich dann eben ungünstig gegenüber anderen verhält. Der Staat sorgt mit seinen Regeln dafür, wie wir uns auf der Straße bewegen sollten. Was kann denn der Gesetzgeber aus Ihrer Sicht machen, um die Lage ein bisschen zu beruhigen? Voss: Zunächst gibt es kein Gesetz, wonach alle Straßen mit Verkehrsschildern voll gestellt werden müssen. Es gibt Kommunen wie zum Beispiel Mühlheim an der Ruhr, die schon vor vielen Jahren die Hälfte ihrer Schilder abgebaut haben, ohne dass es deswegen Probleme gegeben hat. Viele Verkehrsschilder sind nur dazu da, dass sie Rechtssicherheit schaffen, aber nicht Verkehrssicherheit. Deswegen muss man das immer wieder überprüfen - wie es auch in Hessen auf Autobahnen zum Beispiel gemacht wird, aber eigentlich nur da. Deswegen geht es immer wieder darum, dass man das Ganze als eine Sache betrachtet, die sich in Bewegung befindet und die immer wieder der aktuellen Entwicklung angepasst werden sollte. Am Ende ist natürlich auch jeder selbst dafür verantwortlich, dass es friedlich auf den Straßen zugeht. Was kann jeder Einzelne machen, um selbst ruhig zu bleiben und andere nicht anzustacheln? Voss: Da wäre zunächst das vorausschauende Fahren, dass man also frühzeitig über Entwicklungen im Straßenverkehr informiert ist und sich auch auf eine entsprechende Reaktion einstellen kann. Das ist ganz wesentlich, weil viele Leute oft überrascht werden von dem, was ihnen unmittelbar begegnet, und das ist meistens zu spät. Gut ist es, wenn man weiß, dass jemand zum Beispiel auf den linken Fahrstreifen wechselt, und das ist gar keine Überraschung mehr, weil man das schon vorher gesehen hat. Wenn man aber sozusagen erst aufwacht in dem Moment, wo der andere diesen Wechsel schon vollzogen hat, dann ist das natürlich ein Grund, sich darüber zu ärgern und möglicherweise auch entsprechend zu reagieren. Also frühzeitiges Entdecken von Hindernissen oder sonstigen Ärgernissen im Straßenverkehr ist auf alle Fälle hilfreich, um sich dem anzupassen. Wie sinnvoll ist es, andere zu "erziehen"? Also wenn man zum Beispiel stur am Tempolimit klebt, wenn hinter einem ein Verkehrsteilnehmer drängelt. Voss: Das ist eine Sache, die überhaupt nicht weiterführt und die dann oft eher neue Probleme schafft. Denn wir haben ein Rechtsfahrgebot und wenn einer seine pädagogischen Ambitionen verwendet, um ein neues Problem dabei zu schaffen, nämlich indem der Wechsel auf den richtigen Fahrstreifen eben nicht oder nicht rechtzeitig stattfindet, dann ist das eben auch keine Maßnahme zur Verbesserung. Das Interview führte Bertil Starke.