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Agile Robots: Wie ein Start-up aus München für humanoide Roboter den Vormarsch der chinesischen Anbieter stoppen will

Technologie

Agile Robots: „Der technologische Durchbruch ist im Grunde um die Ecke“

Das Münchner Start-up Agile Robots will mit seinen humanoiden Robotern den Vormarsch der chinesischen Anbieter stoppen – und gewährt erstmals Einblick in die Produktion.

Gründer und CEO von Agile Robots, Zhaopeng Chen, neben seinem Humanoid-Modell. Foto: REUTERS

Zhaopeng Chen und sein humanoider Roboter, sie begegnen einander auf Augenhöhe. Die 1,74 Meter hohe Maschine überragt Chen um einige Zentimeter, steht allerdings auf einem kleinen Podest. Ansonsten aber könnten beide kaum unterschiedlicher aussehen: Chen trägt Jeans, weißes T‑Shirt und Lederjacke – die an Nvidia-CEO Jensen Huang orientierte Uniform der Tech-CEOs. Der Roboter „Agile One“ dagegen hat eine weiß-graue Metalloberfläche, blau leuchtende Augen und überdimensionierte mechanische Hände. Chen greift den Arm des Roboters, als wäre er sein Freund. „Das ist im Grunde das Modell, das wir an die Industrie geben“, sagt der Robotik-CEO.

Und dort, so der Plan von Chens Unternehmen Agile Robots, soll er die Welt verändern. Menschliche Arbeiten übernehmen, zuverlässiger und effizienter erledigen – und dabei zugleich Jobs in Forschung und Produktion in Deutschland sichern.

Um zu zeigen, wie weit die Technologie ist, hat das sonst eher verschlossene Start-up Anfang September in seine Münchner Forschungs- und Entwicklungszentrale eingeladen. Dort testen und trainieren Mitarbeiter dutzende Prototypen – vom klassischen Roboterarm bis zum Humanoiden. Eine halbe Stunde außerhalb von München hat Agile kürzlich mit der Serienfertigung Humanoider begonnen.

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Chen kam als Doktorand von China nach Deutschland, 2018 gründete er das Unternehmen gemeinsam mit anderen Robotikforschern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Mittlerweile hat sein Unternehmen 3500 Mitarbeiter. 2000 davon sind nur in der Forschung und Entwicklung tätig, die Mehrheit davon in Deutschland. In mehreren Finanzierungsrunden sammelte Agile Robots bislang 1,5 Milliarden Euro ein. In diesem Jahr will Chen den Umsatz von 300 auf 600 Millionen Euro verdoppeln. Humanoide dürften daran bisher einen Bruchteil ausmachen – aber dieser Anteil steige rasant, betont der Chef.

Humanoide: Was steckt hinter dem Hype?

So schnell wie Agile operiert, ist auch der Markt: Laut der Unternehmensberatung McKinsey könnte der Markt für Humanoide von 100 Millionen US-Dollar im Jahr 2025 auf 8 bis 28 Milliarden Dollar bis 2030 wachsen. Zehn Jahre später, 2040, wären bereits 160 bis 370 Milliarden Dollar möglich. Humanoide könnten fehlende Fachkräfte in der Industrie und im Dienstleistungssektor ersetzen. Überall dort, wo Aufgaben auch nur im kleinsten Maße variieren, sind sie gegenüber klassischen Industrierobotern im Vorteil.

Ein Mitarbeiter sammelt Bewegungsdaten des Humanoiden „Agile One“. Foto: Leopold Fiala for Agile Robots SE

Doch noch ist ihr Einsatz weitestgehend Fiktion. Auch McKinsey betont, dass ihre Prognose mit großer Unsicherheit behaftet ist. Aktuell kann kein Marktbeobachter genau sagen, ob, zu welchem Grad und wann genau sich die Versprechen der Unternehmen auszahlen werden. Einige Beobachter bleiben skeptisch: „Wir haben erst wenige humanoide Roboter gesehen, die wirklich etwas Sinnvolles machen“, sagt etwa Tamim Asfour, Professor für humanoide Robotik am Karlsruher Institut für Technology.

Dabei ist die Technik nicht neu. An Humanoiden und mobilen Robotern forscht die Wissenschaft seit Jahrzehnten. Chen selbst hat vor 17 Jahren über die künstliche Hand promoviert. Jetzt aber, erklärt er in seiner Zentrale in München, stehe ein „Kipppunkt“ bevor: „Der technologische Durchbruch ist im Grunde um die Ecke.“ Möglich mache das die rasante Entwicklung von KI-Modellen, die den Robotern die entscheidende Intelligenz verleihe.

Seit Anfang des Jahres baut Agile Robots diese im kleinen Ort Fürstenfeldbruck, etwa eine halbe Stunde Autofahrt von der Münchner Zentrale entfernt. In der Halle arbeiten sowohl Roboter als auch Menschenhände an der Fertigstellung der Humanoiden. Zehn Stück am Tag bauen sie aktuell. Mehr Manufaktur als Fabrik. Aber man könnte bis zu 10.000 im Jahr machen. Nächstes Jahr wolle man die Kapazitätsauslastung von 20 auf 100 Prozent hochfahren, erklärt der operative Geschäftsführer Rory Sexton. Der Ire war Ende der 80er Jahre in Deutschland bei Siemens beschäftigt, ging dann nach Asien, um jetzt, pünktlich zum KI-Boom, wieder zurückzukommen.

Produktion in Fürstenfeldbruck: Hier fertigen Roboter Roboter. Foto: Leopold Fiala for Agile Robots SE

In der modernen Halle stehen zwei Reihen von Industrierobotern hinter Gittern. Sie kümmern sich um die Produktion der Arme und der Gelenke. In einer dritten Käfigreihe testet Agile die Roboterarme vor der Auslieferung. Am Fenster sitzt ein Dutzend Mitarbeiter an Tischen. In filigraner Handarbeit bauen sie die Elektronik für die Roboter. In der nächsten Reihe schrauben Kollegen den Torso zusammen, ein Stück weiter montieren Mitarbeiter den Humanoiden Schritt für Schritt: zuerst die Beine oder die Plattform, dann den Torso, später Kopf und Arme.

Unitree: tanzender Roboter für 20.000 Euro

Anschließend kommen die Humanoiden in eine von etwa 15 quadratischen Boxen mit jeweils rund zehn Quadratmetern Fläche. Dort werden ein letztes Mal Sicherheit und Präzision aller Bewegungen geprüft. Haben sie diesen Test bestanden, wandern sie an die andere Hallenwand. Dort stehen die Roboter sorgfältig aufgereiht nebeneinander, wie Soldaten, bereit für den Einsatz.

Ein Mitarbeiter schraubt einen Humanoiden zusammen. Foto: Leopold Fiala for Agile Robots SE

Es sind verschiedene Modelle: ein klassischer Humanoider – Modell „Agile One“ –, ein kleiner Humanoider in Kindergröße, ein mobiler Humanoider mit rollender Plattform statt Füßen und ein Paar Roboterarme der hauseigenen Marke Franka. Bis auf Agile One ist noch keines der Modelle offiziell auf dem Markt, sagt Sexton. Den Preis verrät er nicht.

Die Wettbewerber sind da offener: Der chinesische Roboterhersteller Unitree wirbt damit, dass seine, in Werbevideos oft tanzenden, Modelle schon zu Preisen wie 20.000 US-Dollar erwerbbar sind. Eine echte Benchmark aber ist das nicht: Die Anforderungen der verarbeitenden Industrie können diese Roboter nicht erfüllen. Die Vollkosten für einen Humanoiden belaufen sich aufgrund der aktuell noch geringen Stückzahlen laut Schätzungen von McKinsey auf über 200.000 US-Dollar.

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Agile verkauft und verleiht seine Roboter an produzierende Unternehmen in Europa und Asien. In China und Indien gehört Foxconn, Produzent der iPhones von Apple, schon länger zu den Kunden von Agile Robots. Über weitere Abnehmer schweigt sich der Konzern aus.

Klar ist: Es gibt mindestens eine Handvoll von technologisch ähnlich starken Wettbewerbern, mit denen sich Agile dabei messen muss. Zu den führenden Entwicklern von Humanoiden gehören weltweit die US-Konzerne Tesla und Figure AI, die chinesischen Hersteller Unitree, AgiBot und Agility Robotics sowie der deutsche Konkurrent Neura.

Bär, BMW, ThyssenKrupp: Zukäufe in der ganzen Republik

Agile Robots arbeitet mit der Google-Tochter DeepMind zusammen, um das Sprachmodell Gemini in den eigenen Robotern zu etablieren. Aber um im Geschäft mit Humanoiden führend zu sein, braucht es mehr als nur eine gute KI. Es braucht die richtige Hardware – ein Bereich, in dem Deutschland viel Expertise hat. Deswegen hat Agile hier auch fleißig Know-how zugekauft: Das Unternehmen übernahm den Hersteller Franka Robotics, das aus BMW heraus gegründete Robotik-Unternehmen idealworks, die ehemalige Automationssparte von Thyssenkrupp und Bär, einen Spezialisten für fahrerlose Transportsysteme.

Doch es fehlt noch ein weiteres, entscheidendes Puzzlestück: visuelle Daten – und die Systeme, sie richtig auszuwerten und für sich zu nutzen.

Ein paar Straßen entfernt von der Zentrale, in einem alten Siemens-Gebäude, betreibt Agile Robots deshalb seine Robotikakademie. Nebenan sitzt auch der Wettbewerber Neura, dessen Gründer David Reger deutlich stärker das Rampenlicht sucht als der eher zurückhaltende Agile-Chef Chen. Der Wettbewerber aus Metzingen schloss im Juni eine Finanzierungsrunde über 1,4 Milliarden US-Dollar ab.

Robotik-Akademie von Agile Robots in München: Dutzende menschliche „Lernbegleiter“ trainieren die Robotikarme und Humanoide. Foto: Leopold Fiala for Agile Robots SE

In der Akademie werden die Roboter von Agile Robots trainiert. „Hier sind die Roboter die Schüler und die Menschen die Lehrer“, scherzt KI-Chef Karan Sharma. In der Halle arbeiten Dutzende internationale junge Mitarbeiter, viele in Zweierteams. Einige steuern Roboterarme direkt über Konsolen oder Joysticks, bauen so etwa eine Serverplatte zusammen. Teleoperieren, nennt sich der Vorgang, wenn man genau die Bewegung vorgibt. Andere arbeiten nach dem „Human-in-the-loop-Prinzip“: Sie lassen die Maschinen eigenständig montieren und greifen nur im Notfall ein. Als ein Bauteil schief hängt, korrigiert ein Mitarbeiter den Fehler mit der Zange.

Heute auf dem Stundenplan: Tupperdosen öffnen

Weiter hinten laufen besonders ungewöhnliche Trainings ab: Eine Mitarbeiterin trägt eine Kamera wie eine Stirnlampe auf dem Kopf, eine zweite ist um ihr Handgelenk gebunden. Immer wieder öffnet sie Tupperdosen, legt die Deckel ab, schließt sie wieder – und beginnt von vorn. Ihre Kollegen stapeln Schüsseln, bauen Werkzeugkästen auseinander und wieder zusammen, öffnen und schließen Weckgläser. Jede dieser Bewegungen wird aus verschiedenen Winkeln aufgezeichnet, damit die KI später lernt, wie alltägliche Handgriffe funktionieren, die Menschen nebenbei erledigen – und die für Roboter bislang alles andere als trivial sind.

Tatsächlich sind es ausgerechnet die Dinge, die Menschen einfach fallen, die für Roboter besonders schwer sind, erklärt Rory Sexton. Schnürsenkel binden. Kabel einstecken. Flexible, rutschige oder sich verheddernde Objekte gelten in der Robotik als Königsklasse. Ziel sei es, dass die Humanoiden ähnlich autonom agieren wie Menschen, sagt Chen, doch noch seien die Systeme nicht in allen Situationen so robust wie Menschen.

Er glaubt, dass es so weit kommen kann. Nächstes Jahr, so CEO Zhaopeng Chen, werde das Unternehmen bereits Tausende an Humanoiden bauen. „Sehr bald“, so seine Prognose, werde Agile Robots die Marke von einer Milliarde Euro Umsatz knacken.

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