Agit Kabayel: Das ist Deutschlands erster Heavyweight-Champ seit 93 Jahren
Erster deutscher Champion seit Max Schmeling Vom Türsteher zum Schwergewichts-Weltmeister Von David Digili Aktualisiert am 01.08.2026 - 14:13 UhrLesedauer: 8 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Deutschland hat eine große Geschichte im Boxsport. Agit Kabayel schreibt sie weiter. Sein Weg nach oben war dabei mit einigen Rückschlägen verbunden. Er will seine Story weiterschreiben – aber gegen wen? Das ist die Frage, die Agit Kabayel aktuell umtreibt. Denn der 33-Jährige ist Box-Weltmeister im Schwergewicht. Als erster Deutscher seit Max Schmeling vor 93 Jahren. Eine Möglichkeit ist seit wenigen Wochen nämlich weggefallen. "Option eins ist Oleksandr Usyk, Option zwei ist Oleksandr Usyk, Option drei ist Oleksandr Usyk", sagte Kabayel noch im Januar bei DAZN über seinen nächsten Gegner, den aktuell besten Boxer der Welt, ungeschlagen, der ultimative Endgegner des Sports. Nach seinem Sieg über den Polen Damian Knyba Anfang des Jahres galt Kabayel eigentlich als kommender Kontrahent für den Ukrainer, der Kampf sollte eine Pflichtverteidigung für Usyk sein. Dann aber legte dieser im Juni überraschend seine Weltmeistertitel der Verbände WBC, WBA und IBF nieder – und der WBC ernannte den Deutschen zum neuen Champion im Schwergewicht. Plötzlich war Agit Kabayel also an der Spitze des Weltboxens. "Jetzt bist du endlich der Gejagte. Endlich wollen die Leute etwas von dir", sagte er dazu bei DAZN. 27 Kämpfe, 27 Siege – doch erst jetzt werden die Boxwelt und vor allem die deutsche Öffentlichkeit so richtig aufmerksam auf den 1,91 Meter großen Bochumer. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die fast schon mehr nach Filmdrehbuch klingt denn nach geradliniger Sportlerlaufbahn. Ein Unfall kostet ihn eine Fingerkuppe Kabayel wird 1992 als Sohn von Einwanderern aus der Türkei in Leverkusen geboren, seine Familie stammt aus dem kurdischstämmigen Teil des Landes. Er wächst in Bochum-Wattenscheid auf, wo die Eltern einen Döner-Imbiss betreiben. Die Verhältnisse sind bescheiden. "In der Imbiss-Bude hatten wir einen Raum, in dem wir geschlafen haben", erzählt er der "Bild"-Zeitung einmal. "Da war ich ungefähr fünf Jahre alt. Das ging so zwei Jahre. Wir hatten keine Wohnung. Als ich dann zur Schule gekommen bin, sind wir in eine Zweizimmerwohnung gezogen, in der wir alle gemeinsam in einem Zimmer geschlafen haben." Trotz alledem: "Arm sein, das ist relativ. Arm ist man, wenn man nichts zu essen hat, wenn man nicht weiß, ob morgen was auf den Teller kommt. Ich bin in nicht guten Verhältnissen aufgewachsen, das schon. Aber wir konnten uns immer aussuchen, was es zu essen gibt." Im Alter von fünf Jahren passiert ihm ein schweres Unglück: Bei einem Unfall verliert er die Kuppe seines linken Zeigefingers. "Ich bin nach hinten in den Laden an die Hackfleischmaschine gegangen", erinnert er sich beim Schweizer Portal "20Minuten". "Die war immer mal wieder verstopft. Ich wollte sie dann freimachen, so wie meine Eltern es immer getan haben. Aber ich hatte vergessen, sie auszustellen, und dann war die Fingerkuppe auch schon abgetrennt." Trotz größter Bemühungen – Mutter Hatice rennt mit ihm auf dem Arm in das zwei Kilometer entfernte Krankenhaus – kann die Fingerkuppe nicht gerettet werden. "Im Boxhandschuh hat man keine einzelnen Finger. Ob mir ein halber Finger fehlt, spielt deshalb keine große Rolle", sagt er heute dazu. Seine jungen Jahre beschreibt er der "Bild"-Zeitung als "Ruhrpott-Jugend, Multikulti. Ich bin auf dem Bolzplatz groß geworden. Es waren gemischte Zeiten. Freunde von mir sind Ärzte oder Anwälte geworden. Freunde sind aber auch für acht Jahre in den Knast gewandert." Und sagt deutlich: "Mit einem Fuß kannst du ins Gold treten, mit dem anderen in die Scheiße." "Ich könnte ihn um 3 Uhr nachts anrufen, er geht ran" So offen, wie Kabayel über sein Leben spricht, würde er sicher selbst freimütig bekunden: Ihm ist beides passiert. Als Teenager entdeckt ihn Sükrü Aksu, ein Boxtrainer aus dem nicht weit entfernten Wuppertal. Aksu lädt den übergewichtigen Teenager in sein Fitnessstudio ein. Die beiden arbeiten noch heute eng zusammen. "Sükrü hat schon eine zweite Vaterrolle in meinem Leben übernommen. Ich verbringe wirklich sehr viel Zeit mit ihm", sagt Kabayel in einer Dokumentation des Streamingdienstes DAZN. "Wenn ich ihn beschreiben müsste – also zu 100 Prozent loyal und immer ein Ohr offen. Egal, was für Probleme du hast, du kannst zu ihm gehen." Aksu sei "ein sehr, sehr ehrlicher Mensch, der hält kein Blatt vorm Mund, aber in dem Moment musst du es dann schlucken. Aber er ist immer da, egal welche Uhrzeit. Ich könnte ihn um 3 Uhr nachts anrufen, er geht ran, ich weiß das." Loading... Loading... Loading... Das Lob gibt Aksu zurück: "Ich habe viele wirklich gute Leute trainiert, die wirklich Talent hatten, die auch ganz oben waren, aber den Durchbruch nicht geschafft haben, weil sie keine Disziplin, keinen Ehrgeiz hatten", so der heute 59-Jährige. "Das bringt der Junge mit, der ist ein Arbeiter. Agit arbeitet viel an sich." Er selbst sagt weiter: "Ich habe da weitergemacht, wo alle anderen aufhören" – der Wille, seiner Familie und sich selbst ein besseres Leben zu ermöglichen, manifestiert sich zu dieser Zeit. Er arbeitet in jungen Jahren dazu als Türsteher, macht eine Ausbildung zum Gleisbauer – harte Arbeit, die er allerdings nie aufnimmt. Kabayel sieht früh seine Zukunft im Boxen. Doch er macht es sich zeitweise auch selbst schwer – und seiner Familie. "Scheiße gebaut" Denn mit 19 Jahren ereignet sich ein Vorfall, dessen Folgen Kabayel tief prägen werden. Er steht plötzlich vor Gericht, war zuvor in eine Schlägerei verwickelt. "Ich war sehr, sehr jung gewesen. Man hat halt Scheiße gebaut", blickt er heute zurück. "Nach einem Diskothekbesuch war mein älterer Bruder in eine Situation verwickelt und da ist man halt reingeraten. Es gab eine Anzeige, ich wurde dann verklagt und wurde auch gerichtlich belangt." Zuerst steht ein Strafmaß von drei Jahren im Raum, eine zur Bewährung ausgesprochene Haftstrafe von neun Monaten wird später widerrufen. Knappe zwei Jahre später muss er sechs Monate absitzen. "Meine Einstellung zu allem hat sich einfach komplett geändert", sagt Kabayel heute. "Du dachtest einfach, du bist der Coolste, du bist der Stärkste, dir kann niemand was." Diese Einschätzung sei aber komplett falsch, denn: "Es gibt doch ein Gesetz und du musst dich an Gesetze halten." In den ersten zwei Haftwochen habe es Situationen gegeben, "in denen auch mal die Tränen geflossen sind und man sich fragt: Was mache ich hier? Was habe ich getan? Was tue ich der Familie an?" Mehr noch: "Meine Mutter ist in der Zeit sehr, sehr krank geworden. Diese Sache hat sie extrem mitgenommen." Nicht nur deshalb habe er sich vorgenommen, sich auf das Positive zu fokussieren, und sich selbst vorgenommen: "Wenn du hier rauskommst, wirst du ein anderer Mensch und wirst dich nie wieder in irgendwelche Situationen begeben, wo du Scheiße bauen wirst." Sparringspartner von Tyson Fury Schon kurze Zeit nach seiner Haftentlassung nimmt die Boxkarriere weiter Fahrt auf. Kabayel geht nicht wie die meisten anderen Boxer den Weg über den Amateurbereich, er steigt direkt bei den Profis ein. Im Ring gibt es Sieg um Sieg – trotzdem bekennt er einmal: "Mit den ersten zehn Kämpfen habe ich keinen Cent verdient. Ich habe von der Hand in den Mund gelebt." Er sei "als Profiboxer durch die Gegend gelaufen, aber die Leute wussten nicht, dass ich finanziell am Ende war. Ich habe Kämpfe umsonst bestritten." 2016 holt er sich zusätzliche Erfahrung, reist zum Sparring zu Superstar Tyson Fury nach Rotterdam. Fury hatte wenige Monate zuvor erst Wladimir Klitschko geschlagen, galt zu dieser Zeit als Maß aller Dinge im Schwergewichtsboxen. Es entwickelt sich eine lose Freundschaft zwischen den beiden, in den Folgejahren reist Kabayel wiederholt nach England, um gemeinsam zu trainieren. Empfohlener externer Inhalt Wir benötigen Ihre Einwilligung, um den von unserer Redaktion eingebundenen Facebook -Inhalt anzuzeigen. Sie können diesen (und damit auch alle weiteren Facebook -Inhalte auf t-online.de) mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder deaktivieren. Facebook-Inhalte immer anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen. "Wir haben acht Runden mit Fury Sparring gemacht und wir haben uns wirklich auf die Köpfe gehauen", erinnert sich Kabayel bei DAZN an das erste Kennenlernen. "Also der hätte das nicht erwartet, dass ich da so zäh bin." Er habe "wirklich um Leben und Tod mit ihm gekämpft und ihm auch gezeigt, ich bin ja nicht da, um irgendwie nur mein Sparringsgeld abzuholen." Jahre später trainiert er auch mit Fury-Rivale Anthony Joshua. "Kampf des Jahres" gegen Chisora In seinem 16. Kampf sichert er sich derweil im Februar 2017 den Europameistertitel der EBU im Schwergewicht, Punktsieg gegen den Belgier Herve Hubeaux. Sein nächster Gegner? Der Brite Dereck Chisora, der erste wirklich größere Name in seiner noch jungen Karriere. Chisora stand bereits Fury, Wladimir Klitschko oder David Haye gegenüber. Aber Kabayel setzt sich in Monaco nach Punkten durch, der Kampf wird später zum "EBU Fight of the Year" gewählt. Er arbeitet sich in den Ranglisten weiter nach vorn. Empfohlener externer Inhalt Wir benötigen Ihre Einwilligung, um den von unserer Redaktion eingebundenen Youtube -Inhalt anzuzeigen. Sie können diesen (und damit auch alle weiteren Youtube -Inhalte auf t-online.de) mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder deaktivieren. Youtube-Inhalte immer anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen. Die Corona-Pandemie bremst ihn ab 2020 jedoch aus, auch die Sportwelt steht schließlich lange Zeit still. Kabayel kann nur jeweils einen Kampf pro Jahr bestreiten. "Die jahrelange Arbeit, jahrelang Blut, Schweiß und Tränen da reingesteckt, und jetzt geht gar nichts mehr weiter. Du weißt gar nicht mehr, was als Nächstes auf dich zukommt", beschreibt er seine Existenzängste. "Du steigerst dich ja wirklich jedes Mal aufs Neue da rein und denkst dir einfach, finanziell bist du nicht in trockenen Tüchern, du hast dein ganzes Leben auf eine Karte gesetzt und trotzdem funktioniert es nicht." Immerhin: Ab Dezember 2023 kann Kabayel wieder aufatmen, in den folgenden zwei Jahren bestreitet er gleich drei lukrative Kämpfe in Saudi-Arabien. Erst besiegt er den bis dahin ungeschlagenen Russen Arslanbek Machmudow durch K. o. in der vierten Runde, sichert sich die Titel WBA Inter-Continental und NABF North American. Dann folgt ein weiterer Knock-out gegen den Kubaner Frank Sánchez. "Er kann den neuen Aufschwung befeuern" Der ganz große Coup aber gelingt ihm 2025. Den erfahrenen Chinesen Zhilei Zhang schlägt er in der sechsten Runde, er wird Interimsweltmeister des WBC. In seinem bisher letzten Kampf im Januar dieses Jahres verteidigt er diesen Titel gegen den Polen Damian Knyba. Dann legte Usyk seine Titel nieder – und Kabayel stieg zum ersten deutschen Schwergewichtsweltmeister seit 93 Jahren auf. Vom Training in Wuppertal bis an den Box-Olymp: Löst ein Junge aus Wattenscheid nun den nächsten großen Box-Hype in Deutschland aus? "Das Potenzial ist riesig", sagt der langjährige deutsche Boxmanager und heutige DAZN-Experte Bernd Bönte vor Monaten dem "RND". Bönte war schon zur Hochzeit von Vitali und Wladimir Klitschko als enger Vertrauter der Brüder dabei. Er weiß, wovon er spricht. "Agit Kabayel kann den neuen Aufschwung befeuern." Und der neue Weltmeister selbst will die Rolle annehmen. Erst kürzlich sprach er sich deutlich gegen Anfeindungen wegen seiner kurdischen Herkunft aus, ihm erging es ähnlich wie dem deutschen Fußball-Nationalspieler Deniz Undav, der ebenfalls kurdische Wurzeln hat. "Das ist schon sehr, sehr traurig“, sagte er der "FAZ". "Meine Eltern sind seit 40 Jahren hier, ich seit 33 Jahren. Ich bin hier geboren, bin hier aufgewachsen. Ich fühle mich Deutsch und werde von meinem eigenen Land fertiggemacht, weil ich auch kurdische Wurzeln habe." Solche "Idioten" müssten begreifen, "auch ein Deniz Undav, ein Antonio Rüdiger, ein Agit Kabayel Deutschland repräsentieren, und das mit Stolz." Daraus spricht ein Profi, der seine Vergangenheit nicht als Bürde sieht, sondern als Lehre. "Ich sage jedes Mal, wenn du dein eigenes Kind in der Hand hältst (Kabayel ist Vater einer Tochter, Anm. d. Red.), realisierst du einfach, was für ein Idiot du warst und was für Scheiße du gebaut hast. Aber das sind Sachen, die mich mittlerweile haben reifen lassen." Und wie es nun weitergeht? Noch in diesem Jahr soll es einen weiteren Kampf geben. "Wir halten an unserer Planung fest. Agit möchte auf jeden Fall in diesem Herbst kämpfen. Bestenfalls im Stadion in Düsseldorf", sagt Manager Lasse Krüger. Das renommierte "Ring Magazine" berichtete zuletzt von einem geplanten Titelvereinigungskampf gegen WBA-Champion Murat Gassiev – damit Agit Kabayel seine Geschichte weiterschreiben kann. Verwendete Quellen dazn.com: Agit Kabayel emotional: Wie eine Zeit im Gefängnis sein Leben verändert hat radiobochum.de: Agit Kabayel zwischen Herkunft, Anspruch und Titelambitionen web.de: "... und dann kommt ein Junge aus dem Nichts, und nimmt ihm alles weg" rnd.de: Kann Agit Kabayel einen neuen Box-Hype auslösen, Bernd Bönte? dazn.com: Agit Kabayel im Interview: "Warum nicht irgendwann Undisputed Champion werden?" waz.de: Agit Kabayel über seine Herkunft: "Ich fühle mich deutsch" bild.de: Deutscher Box-Star verlor halben Finger im Fleischwolf 20min.ch: Als er 5 Jahre alt war, geschah der üble Unfall im Döner-Imbiss dazn.com: Agit Kabayel und Trainer Sükrü Aksu: Wie ein Streit das Erfolgsduo beinahe entzweite bild.de: Als Kind schlief Deutschlands bester Boxer in einem Imbiss! sueddeutsche.de: Der deutsche Boxer, den die Besten fürchten rnd.de: Aus dem Imbiss zum WM-Titel: Kabayels außergewöhnlicher Weg in den Box-Olymp dazn.com: Tyson Fury verrät: So wurden Agit Kabayel und ich Freunde ran.joyn.de: Boxen: Weltmeister Agit Kabayel plant Titelverteidigung im Herbst Quellen anzeigen Loading... 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