Aktienmärkte: Die Blase wächst
Die Aktienmärkte in den USA halten sich weiter nahe ihren jüngsten Rekordständen, gestützt von einer außergewöhnlich starken Gewinnentwicklung der Unternehmen. Für viele Anleger ist das ein klares Kaufsignal: Steigende Gewinne rechtfertigen schließlich höhere Aktienkurse. Doch genau diese Sichtweise könnte laut Bravos Research zu kurz greifen. Das Analysehaus warnt vor einer Entwicklung, die auf den ersten Blick gesund aussieht, langfristig aber erhebliche Risiken birgt. Nicht eine klassische Bewertungs-Blase, sondern eine sogenannte Gewinn-Blase könnte den S&P 500 vor die nächste große Bewährungsprobe stellen. Aktienmärkte: Eine Gewinn-Blase droht Analysten erwarten derzeit, dass die Gewinne der Unternehmen im S&P 500 in den kommenden fünf Jahren um rund 25 Prozent pro Jahr wachsen. Das wäre historisch beispiellos und etwa doppelt so viel wie der langfristige Durchschnitt. Würden sich diese Prognosen erfüllen, würden sich die Unternehmensgewinne in diesem Zeitraum nahezu verdreifachen. Diese außergewöhnlich optimistischen Erwartungen erinnern laut Bravos Research an die Euphorie während der Dotcom-Blase Ende der 1990er-Jahre. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied: Damals stiegen nicht nur die Gewinnerwartungen, sondern auch die Bewertungen der Technologieunternehmen immer weiter an. Heute sind die Kurs-Gewinn-Verhältnisse vieler Tech-Konzerne trotz neuer Rekordstände zuletzt sogar gesunken. Genau deshalb sehen viele Marktteilnehmer derzeit keine Blase. Bravos Research hält diese Einschätzung jedoch für gefährlich. Das Problem seien nicht überhöhte Bewertungen, sondern überzogene Gewinnerwartungen. Statt einer klassischen Bewertungs-Blase könnte sich diesmal eine Gewinn-Blase bilden – also eine Situation, in der die Unternehmensgewinne selbst auf einem nicht nachhaltigen Niveau liegen. KI treibt den Boom Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass dieses Muster nicht neu ist. Als Beispiel nennen die Analysten die US-Hausbauunternehmen Anfang der 2000er-Jahre. Deren Aktien vervielfachten sich innerhalb weniger Jahre, obwohl die Bewertungen niedrig blieben. Möglich wurde das durch einen explosionsartigen Gewinnanstieg, ausgelöst von niedrigen Zinsen und einer lockeren Kreditvergabe. Als die US-Notenbank die Geldpolitik später deutlich straffte, brach dieser Gewinnboom abrupt zusammen. Die Gewinne kollabierten – und die Aktien verloren rund 80 Prozent ihres Wertes. Nach Ansicht von Bravos Research spielt sich heute ein ähnlicher Mechanismus im Technologiesektor ab. Für die IT-Branche erwarten Analysten im kommenden Jahr ein Gewinnwachstum von rund 42 Prozent – der höchste Wert seit mehr als 20 Jahren. Angetrieben wird dieser Boom vor allem durch die massiven KI-Investitionen der großen Hyperscaler. Allein in diesem Jahr sollen mehr als 760 Milliarden US-Dollar in Rechenzentren, Stromversorgung und KI-Infrastruktur fließen. Bis 2028 könnte dieses Volumen laut Morgan Stanley sogar auf 1,5 Billionen US-Dollar steigen. Noch läuft die Rally, aber… Ob diese Entwicklung anhält, hängt nach vor allem von den Finanzierungsbedingungen ab. Sowohl die Dotcom-Blase als auch die Immobilienblase platzten erst, als Banken ihre Kreditvergabe deutlich verschärften und Liquidität aus dem System verschwand. Genau das ist derzeit jedoch noch nicht zu beobachten. Die Kreditstandards der US-Banken bewegen sich aktuell im neutralen Bereich und haben sich zuletzt sogar leicht gelockert. Damit bleibt die Finanzierung für Unternehmen günstig und die milliardenschweren KI-Investitionen können vorerst weitergehen. Genau darin liegt derzeit auch der entscheidende Punkt: Solange Kapital reichlich verfügbar ist und die Hyperscaler ihre Investitionen fortsetzen, dürfte der Gewinnboom im Technologiesektor die Aktienmärkte weiter stützen. Erst wenn sich die Kreditbedingungen spürbar verschärfen und die Investitionen nachlassen, könnte aus der heutigen Gewinn-Euphorie tatsächlich die nächste große Blase werden. Bis dahin gilt: Die Musik spielt weiter – doch Anleger sollten genau beobachten, wann sie leiser wird. Über den RedakteurStefan Jäger Finanzjournalist und Trader Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets. Kommentare lesen und schreiben, hier klicken