Alarm über dem Atlantik: Zwei Passagierjets auf Kollisionskurs
TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen Madrid – Es ist ein Vorfall, der in der modernen Luftfahrt äußerst selten vorkommt: Zwei Verkehrsflugzeuge fliegen auf derselben Luftstraße, in entgegengesetzter Richtung – und exakt auf derselben Flughöhe. Die automatischen Kollisionswarnsysteme an Bord verhindern eine mögliche Kollision. Genau das geschah am 10. Juli über dem Atlantik westlich der Kanarischen Inseln. Wie aus Unterlagen der spanischen Untersuchungsbehörde CIAIAC hervorgeht, waren ein Airbus A321XLR der Iberia auf dem Weg von Recife (Brasilien) nach Madrid (Spanien) sowie eine Boeing 787-9 von Air Europa auf dem Flug von Madrid nach São Paulo (Brasilien) beteiligt. Beide Maschinen befanden sich in rund 11.000 Metern Höhe (Flugfläche 360) auf der Luftstraße N857, einer viel genutzten Route zwischen Europa und Südamerika. Die Iberia-Maschine mit der Registrierung EC-OLE war nordostwärts unterwegs, die Boeing 787-9 mit der Registrierung EC-NBM flog in Richtung Brasilien. Damit bewegten sich die Flugzeuge auf derselben Strecke direkt aufeinander zu. Um 1.23 Uhr UTC schlugen die bordeigenen Kollisionswarnsysteme, das sogenannte TCAS (Traffic Collision Avoidance System), Alarm. Diese Systeme überwachen unabhängig von der Flugsicherung den umgebenden Luftverkehr und berechnen fortlaufend, ob sich Flugzeuge gefährlich nahekommen könnten. Die Iberia-Crew erhielt die Anweisung zu sinken, die Piloten von Air Europa sollten steigen. Beide Besatzungen reagierten sofort. Der Airbus sank um rund 500 Fuß (etwa 150 Meter), die Boeing stieg um rund 400 Fuß (etwa 120 Meter). Kurz darauf meldeten die Systeme, dass keine Kollisionsgefahr mehr bestehe. Beide Flugzeuge setzten ihre Flüge fort und landeten planmäßig in Madrid beziehungsweise São Paulo. Keiner der 454 Passagiere und 18 Besatzungsmitglieder an Bord der Jets wurde verletzt. Behörden ermitteln Wie dicht die Flugzeuge tatsächlich aneinander vorbeiflogen, ist jetzt Gegenstand der Ermittlungen. Mehrere Fachmedien berichten, dass sich die beiden Maschinen auf weniger als zwei nautische Meilen angenähert haben sollen. Das entspricht rund 3,7 Kilometern. Besonders bemerkenswert wäre dieser Wert deshalb, weil sich die Flugzeuge nicht parallel bewegten, sondern aufeinander zuflogen. Zusammen erreichten die beiden Jets eine Geschwindigkeit von schätzungsweise 1700 bis 1850 km/h. Bei einem Abstand von 3,7 Kilometern entspräche das rechnerisch nur wenigen Sekunden Flugzeit. Ob diese Angaben tatsächlich den geringsten Abstand beschreiben, müssen die laufenden Untersuchungen allerdings erst bestätigen. Die Ermittler müssen außerdem klären, wie zwei Verkehrsflugzeuge überhaupt gleichzeitig auf derselben Luftstraße und derselben Flughöhe unterwegs sein konnten. Dafür werden unter anderem Funkaufzeichnungen, Flugpläne, Freigaben der Flugsicherung, Radardaten und die Aufzeichnungen der Bordcomputer ausgewertet.