Aldi, Lidl & Co.: Deshalb verzichten Discounter auf das nervige Gedudel der Konkurrenz
Was ist eigentlich aus den guten alten Ansagen im Einzelhandel geworden, in der Art: „22 bitte 45“? Man konnte sich so schön seinen eigenen Reim darauf machen, wofür die Zahlenkombinationen stehen: Ein Code 22 in Sektor 45: „Oma am Spirituosenregal klaut.“ Zum Beispiel. Oder: „Kunde betatscht Obst“. Diese Form der Kommunikation ist angesichts der voranschreitenden Digitalisierung aller Lebensbereiche untergegangen und hat zu einem Kulturwandel am Filialleiter-Mikrofon geführt. Das bedeutet aber nicht, dass die Lautsprecher über Tiefkühltruhen und Käsetheken für immer schweigen. Im Gegenteil: Das Beschallungswesen entwickelt sich rasant weiter. Der alltägliche Einkauf gerät zu einem groß angelegten Angriff auf den auditorischen Kortex. Auf den Bereich der Großhirnrinde also, in dem die Geräuschkulisse den ersten Zwischenstopp einlegt. Beschallung im Supermarkt: Nichts ist Zufall Zwischenstopps hat auch die Berieselung in Supermärkten zum Ziel. Aufgeteilt in verschiedene Beschallungszonen, wird der Kunde individuell nach seinen Bedürfnissen klangmäßig abgefüllt. Idealerweise mit einem Geräusch, das atmosphärisch zur Produktpalette passt, auf die er gerade zusteuert. Das ist kein Firlefanz, den sich die Beschallungsindustrie aus den Fingern oder vielmehr aus den Ohren saugt. Beim phonetischen Psychoterror wird nichts dem Zufall überlassen, alles ist wissenschaftlich geprüft. So zeigte eine große Studie aus dem vergangenen Jahr, dass Musik den Umsatz im Einzelhandel um bis zu acht Prozent steigern kann. Die Betonung liegt auf: kann. Denn es kommt darauf an, wann die Kundschaft beschallt wird. Wochentags beim Quickie nach der Arbeit ist der Effekt größer als beim akribisch geplanten Einkauf vor dem Wochenende. Doch nicht wegen solcher Erwägungen verzichten Discounter wie Aldi oder Lidl auf einen breit ausgerollten Schallteppich. Vielmehr sehen sie es nicht ein, für das mutmaßlich gewinnbringende Gedudel Lizenzgebühren zu entrichten. Bei allen anderen Supermärkten wird so lange beschallt, bis im Gehirn aller Anwesenden das in Personalunion für Sprache und Musik zuständige Broca-Areal die Botschaft funkt: „Es reicht jetzt!“ Um diesen Moment so lange wie möglich hinauszuzögern, setzen fast sechzig Prozent der Geschäfte auf Popmusik, nudeln die Charts vergangener Jahre rauf und runter. Popmusik ist darauf ausgelegt, sich leicht im Gehörgang festzusetzen. Die ständige Wiederholung führt jedoch auch bei diesem Genre dazu, dass es irgendwann als penetrant und belastend wahrgenommen wird. Zumal in den Charts simple, monotone Viervierteltakte dominieren. Außerdem handeln Songtexte heutzutage häufiger von Stress und negativen Emotionen als noch in den Siebzigerjahren. All diese Erkenntnisse könnte eine billige KI frei erfunden haben, doch sie wurden von echten Menschen bis ins kleinste Detail erforscht. Es geht schließlich um sehr viel Geld. KI erkennt die aktuelle Stimmung im Laden Apropos: Von Künstlicher Intelligenz verkorkstes, dem Original in nichts nachstehendes Gedudel schert sich nicht um Lizenzen, was sie wiederum für Aldi, Lidl & Co. interessant machen dürfte. Im Idealfall erkennt die KI mittels Sensoren und Kameras die aktuelle Frequenz und Stimmung im Laden und passt Lautstärke und Stilrichtung in Echtzeit an. Toll! Fehlt nur noch, dass maschinelle Geistesriesen etwaige Gebühren für die Nerverei direkt vom Girokonto der Kunden abbuchen. Das nervigste Geräusch in einem klanglich wie kundenmäßig überfüllten Supermarkt kommt allerdings ganz woanders her: von den Kassen am Ausgang, dieses Piep-Piep-Piep der Scanner. Das schönste Geräusch dagegen spricht eine Person aus Fleisch und Blut in ein Mikrofon: „Eine zweite Kasse, bitte!“ Und dann nichts wie raus. Lesen Sie mehr zum Thema