DAX +1,62 % 25.590,77 Pkt 18:00:00 MDAX +2,07 % 30.495,47 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,79 % 6.164,69 Pkt 18:00:00 Dow Jones +0,31 % 52.377,57 Pkt 21:48:23 S&P 500 +1,30 % 7.722,60 Pkt 21:48:15 Nasdaq +2,01 % 26.477,81 Pkt 22:15:59 Nikkei +1,08 % 63.954,19 Pkt 07:30:01 Gold -0,80 % 4.041,90 USD 07:41:19 Silber -0,80 % 53,86 USD 07:41:19 Brent -2,27 % 111,30 USD 07:41:11 WTI +1,76 % 101,66 USD 07:41:19 Bitcoin -0,05 % 80.761,70 USD 07:51:15 EUR/USD -0,48 % 1,11200 USD 07:50:45 EUR/GBP -0,02 % 0,83710 GBP 07:51:21 EUR/CHF -0,14 % 0,92350 CHF 07:51:21 EUR/JPY -0,29 % 175,509 JPY 07:51:21

Alleinerziehende Linda wandert mit Sohn (10) nach Kenia aus: „Wollte nicht einfach nur funktionieren“

Wissenschaft

„Ich muss es nur mehr probieren. Ich muss noch besser funktionieren.“ Mit diesem Gedanken versucht Linda nach der Geburt ihres Sohnes monatelang durchzuhalten. Ihr Baby schreit viel und schläft kaum, irgendwann findet die junge Mutter selbst dann keine Ruhe mehr, wenn ihr jemand das Kind abnimmt. „Das ganze System war völlig im Ausnahmezustand“, sagt sie im Gespräch mit FOCUS Online.

Die Situation spitzt sich so weit zu, dass Linda nicht mehr weiß, ob sie „den Kinderwagen nicht bald in die Elbe schieben und hinterherspringen“ soll. Auf eine schwere postpartale Depression folgen ein monatelanger Klinikaufenthalt – und schließlich die Entscheidung, ihr bisheriges Leben grundlegend zu verändern. Heute lebt Linda mit ihrem Sohn tausende Kilometer entfernt von ihrem damaligen Alltag: in Kenia, nahe dem Indischen Ozean.

Vor der Geburt lebt Linda auf der Überholspur

Bevor ihr Sohn 2015 zur Welt kommt, führt Linda ein Leben, das sie selbst als „wild“ beschreibt. Sie arbeitet viel, studiert nebenbei und macht Karriere: „Ich war ein richtiger Workaholic“. Auf arbeitsreiche Wochen folgt am Wochenende der Ausgleich beim Feiern.

Freiheit ist Linda wichtig. Auch als sie schwanger wird, glaubt sie zunächst, ihre Eigenständigkeit weitgehend behalten zu können. Doch ihr Sohn kommt als Schreibaby zur Welt, weint stundenlang unterbrochen. Gleichzeitig trennt sie sich vom Vater des Kindes. Damit ist sie von Beginn an weitgehend allein für ihr Baby verantwortlich.

ANZEIGE

ANZEIGE

„Ich konnte nicht schlafen, weil er nicht geschlafen hat“, erzählt Linda. Wenn ihr Sohn doch einschläft, müsse sie ihn häufig in der Trage bewegen. Trotzdem versucht sie immer weiterzumachen: „Ich hatte dieses Muster: Ich muss es nur mehr probieren. Ich muss nur mehr durchziehen.“

Heute spricht Linda bewusst über ihre Gedanken

Mit den Monaten schwinden Lindas Kräfte. Sie nimmt stark ab, entwickelt nach eigener Aussage eine schwere Schlafstörung und beschreibt ihre damalige Wahrnehmung so: „Meine Welt wurde immer dunkler.“

Zunächst sucht sie Unterstützung bei Beratungsstellen und dem sozialpsychiatrischen Dienst. Doch irgendwann erreicht Linda einen Punkt, an dem sie fürchtet, sich und ihrem Kind etwas anzutun. Bei einem Spaziergang sagt sie sich, sie könne „für den nächsten Tag“ nicht mehr garantieren. Dann kommen auch die Gedanken mit der Elbe.

Hilfe bei Suizid-Gedanken

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns in diesem Fall entschieden, über das Thema Suizid zu berichten. Sollten Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Hilfe finden Sie bei kostenlosen Hotlines wie 0800-1110111 oder 0800 3344533.

Heute spricht Linda bewusst offen über diese Zeit. Sie habe später festgestellt, dass auch andere Mütter Momente extremer Überforderung kennen, über die nur selten gesprochen werde. Für sie selbst ist damals jedoch klar: So kann es nicht weitergehen – sie braucht professionelle Hilfe.

Eine Psychologin erkennt sofort, wie ernst die Lage ist

Nach etwa sieben oder acht Monaten wendet sich Linda schließlich an eine Psychologin und bekommt kurzfristig einen Termin. „Ich habe eigentlich die ganze Zeit nur geheult“, erinnert sie sich. Die Psychologin erkennt nach Lindas Schilderung den Ernst der Situation und drängt auf eine Behandlung. „Ich, die immer selbstständig war, hatte plötzlich so einen Flyer von der Mutter-Kind-Klinik in der Hand“, erinnert sich Linda.

Dort wird bei ihr nach eigenen Angaben eine schwere postpartale Depression diagnostiziert. Linda wird zunächst für eine Woche aufgenommen und medikamentös behandelt. Weil sie weiterhin dringend Unterstützung benötigt, bleibt sie schließlich rund vier Monate in der Tagesklinik. Anschließend folgt unter anderem eine ambulante Psychotherapie.

Was ist eine postpartale Depression?

Eine postpartale Depression kann nach der Geburt eines Kindes auftreten. Studien zufolge entwickelt etwa jede achte Frau innerhalb des ersten Jahres eine depressive Erkrankung. Typisch sind etwa anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Ängste und Schlafstörungen. Anders als der sogenannte „Babyblues“ halten die Beschwerden länger an und sollten ärztlich oder psychotherapeutisch abgeklärt werden.

Eine postpartale Depression ist behandelbar, etwa mit Psychotherapie und – je nach Schweregrad – Medikamenten. Bei Gedanken, sich selbst oder dem Kind etwas anzutun, ist schnelle professionelle Hilfe notwendig.

„Ich muss mich komplett neu erfinden“

Nach der Klinik geht es für Linda zunächst darum, wieder Stabilität zu gewinnen. Sie arbeitet in Teilzeit, stockt ihr Einkommen mit staatlicher Unterstützung auf und setzt ihre Behandlung fort. „Bloß kein Risiko eingehen, bloß nicht wieder nur ansatzweise in diese Situation kommen“, beschreibt sie ihre damalige Haltung. Gleichzeitig wird ihr klar, dass sie nicht einfach in ihr altes Leben zurückkehren will: „Ich musste mich quasi komplett neu erfinden.“

Mit der Zeit kehrt auch ein alter Wunsch zurück. Schon vor der Geburt ihres Sohnes hatte Linda mehrere Monate in Burundi verbracht und davon geträumt, eines Tages wieder in Afrika zu leben. Als sie sich stabiler fühlt und ihr Sohn älter wird, spürt sie wieder den „Lebenshunger“, der während ihrer Depression verschwunden war. „Ich wollte nicht einfach nur funktionieren“, blickt sie zurück.

Mit 500 Euro und einem One-Way-Ticket nach Sansibar

Mit Ende 30 entscheidet Linda schließlich: „Wenn ich das jetzt nicht mache, dann werde ich es wahrscheinlich nie machen.“ Mit nur 500 Euro auf dem Konto kann sie zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht einmal die Flugtickets bezahlen. Trotzdem gibt sie sich sechs Monate, um die Auswanderung vorzubereiten und sich mit ihrer Selbstständigkeit eine finanzielle Grundlage zu schaffen.

Am 28. Mai 2023 steigen Mutter und Sohn schließlich mit vier Koffern und einem One-Way-Ticket ins Flugzeug nach Sansibar. Für Linda fühlt es sich an, „als stürzt man sich jetzt einmal von der Klippe“. Ihrem Sohn kündigt sie den Umzug zunächst als „ein Jahr Abenteuerreise“ an – mit der Möglichkeit, zurückzukehren, wenn es ihnen nicht gefällt.

Ihr Sohn findet schneller seinen Platz als erwartet

Besonders beschäftigt Linda, wie ihr Sohn mit dem neuen Leben zurechtkommt. Am ersten Tag bringt sie ihn zu einer englischsprachigen Schule, obwohl er die Sprache kaum beherrscht. Er habe Angst gehabt, erzählt sie, sich aber auf die Situation eingelassen. Nach etwa einem halben Jahr sei sein Englisch bereits sehr gut gewesen, heute spreche er fließend.

Auch das Alleinerziehendsein empfindet Linda in ihrem neuen Umfeld überraschenderweise nicht als zusätzliche Belastung. Bezahlbare Unterstützung bei der Kinderbetreuung, Kontakte zu anderen ausgewanderten Müttern und ihre flexible Selbstständigkeit hätten ihr den Alltag teilweise sogar erleichtert. Vor allem habe sie bereits vor der Auswanderung darauf geachtet, sich ein Leben aufzubauen, in dem sie nicht wieder permanent unter Zeit- und Leistungsdruck gerät.

In Kenia finden sie schließlich ihr neues Zuhause

Nach zwei Jahren auf Sansibar wollen Linda und ihr Sohn noch einmal weiter. Mehrere Monate reisen sie durch verschiedene Länder, darunter Malaysia, Indonesien und Mauritius, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie bleiben möchten. Schließlich landen sie in Kenia – und merken schnell, dass sie dort angekommen sind.

Auf die Frage, was an ihrem heutigen Leben besser sei, muss Linda nicht lange überlegen: „Ich würde tatsächlich fast sagen: alles.“ Dabei betont sie, dass sie Deutschland nicht ablehne. Es sei nur irgendwann nicht mehr der richtige Ort für sie gewesen. „Mein Radius war im Grunde ziemlich klein für das Riesenleben, das ich eigentlich geschenkt bekommen habe.“

„Leben sind absolut veränderbar“

Wenn Linda heute an die Frau zurückdenkt, die mit ihrem Baby in der Mutter-Kind-Klinik saß, liegen zwischen beiden Leben Welten. Auf die Frage, was sie ihrem damaligen Ich heute sagen würde, antwortet sie zunächst ganz schlicht: „Es wird alles gut.“ Geglaubt hätte sie diesen Satz damals wohl nicht. „Ich habe wirklich gedacht, mein Leben ist zu Ende.“ Heute möchte Linda vor allem anderen Frauen Mut machen, die eigenen Wünsche nicht vorschnell aufzugeben. Als selbstständige Online-Coachin teilt sie auf Instagram Einblicke in ihr Leben in Kenia. Nicht jeder müsse dafür sein Leben auf den Kopf stellen – entscheidend sei, die eigenen Möglichkeiten nicht vorschnell zu begrenzen.

„Wir haben wirklich die Möglichkeit bekommen, uns in unserem Leben komplett neu zu erfinden“, sagt Linda. Ihre wichtigste Erkenntnis: „Leben sind absolut veränderbar.“

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren