„Alleinregierung, 45 Prozent plus x“: Ulrich Siegmund verlangt die ganze Macht
Es ist heiß an diesem Dienstagmorgen vor dem Neustadt-Centrum Halle, die Sonne brennt. Etwa hundert Menschen warten schon eine Weile an dem blauen AfD-Sonnenschirm. „So, jetzt machen wir mal eine schöne Schlange“, ruft ein AfD-Mann. Die Menschen reihen sich auf. 10.10 Uhr: Schnellen Schrittes trifft Ulrich Siegmund ein. Er strahlt, er winkt. „Wollt Ihr alle zur CDU oder zu uns?“, ruft Siegmund der Menge zu. Gelächter. „Hallo, guten Morgen. Ich war gerade bei den Linken. Die schlafen noch“, witzelt Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat über einen Linken-Wahlkampfstand mit wenig Andrang in der Nähe. „Guten Morgen! Alle gut drauf?“, ruft Siegmund. „Ja!“ „Ja!“ „Jo!“ Es herrscht eine Begeisterung, wie es das Einkaufszentrum in Halles Plattenbauviertel sonst eher selten erleben dürfte. T-Shirts mit Anspielung auf SA-Parole Jung und Alt sind da, das „Team Höcke“. Auf T-Shirts ist zu lesen: „Siegmund!“, „Lasst uns Geschichte schreiben!“ oder „Alle für Deutschland“ – eine Anspielung auf die gerichtlich verbotene SA-Parole „Alles für Deutschland“. „Halle wird blau, liebe Freunde. Wir machen das gemeinsam“, ruft Siegmund. Gut gelaunt, freundlich, fast bescheiden gibt er sich: „Herzlich willkommen, ich bin Ulrich Siegmund.“ Er werde jetzt drei Stunden lang hier sein, „bin für Gespräche bereit, alles, was ihr mir mit auf den Weg geben wollt“. Man werde es nun so halten, „wie wir immer Politik machen“, also „Seite an Seite. Aus dem Volk, für das Volk.“ Die Prozession beginnt. Nach und nach treten ein, zwei, manchmal drei Menschen aus der Schlange an den gut geschützten Siegmund heran. Ein AfD-Mann nimmt die Smartphones entgegen, um ein Foto zu schießen, ein anderer nimmt Rucksäcke und Taschen in Obhut. Fester Handschlag, Small Talk – „wunderbar“, „alles Gute“, „jut“ –, Fotos. Siegmund breitet seine Arme aus und strahlt, manchmal noch ein Autogramm mit Widmung. Abschied, dann sind die Nächsten dran. 42 Prozent können womöglich für eine absolute Mehrheit genügen Ulrich Siegmund, 35, ist populär, anders als Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) oder dessen Vize Armin Willingmann (SPD). An diesem Dienstagvormittag wird er Hunderte Hände schütteln, am Nachmittag, an der, ja, Ulrichskirche, in Halles Altstadt abermals. In Umfragen liegt die AfD bei 41 oder 42 Prozent. Bei der Landtagswahl am 6. September könnte es zur absoluten Mehrheit der Mandate reichen. Erst recht mit einem noch besseren Abschneiden – und dem Scheitern von SPD, Grünen und FDP an der Fünf-Prozent-Hürde. Damit würde die AfD eine absolute Mehrheit der Sitze im Magdeburger Landtag erzielen. Jüngst aber taxierte das Meinungsforschungsinstitut Insa das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) in einer Umfrage für die „Bild“-Zeitung bei fünf Prozent. Während das BSW, zumal Parteigründerin Sahra Wagenknecht, die AfD schon seit Monaten umgarnt, gar gemeinsame Wahlkampfauftritte vorschlug, weist die AfD diese Avancen zurück. Ungeachtet der politischen Schnittmengen etwa in der Migrations-, Energie- und Bildungspolitik, bei der Nähe zum Kreml und der Distanz zum Westen. Während Siegmund freundlich und geduldig Hände schüttelt, kann man im Gespräch mit Fans in der Schlange nur erahnen, wie hoch die Erwartungen an ihn sind. Gewiss, viele Siegmund-Fans wollen nicht reden, ein junger Mann mit FC-Bayern-Shirt teilt mit: „Du bist ÖRR! Mach Dich weg!“ Andere aber teilen offen ihre Hoffnungen, die sie an Siegmund knüpfen. „Mir gefällt speziell, dass er für Volksabstimmungen ist“, sagt eine Dame, die ihren Namen nicht nennen mag. „Mein Mann arbeitet, aber das reicht nicht aus. Ich würde arbeiten, aber habe Angst, dann Kinderzuschlag und Wohngeld zu verlieren“, sagt Melissa Bräutigam, Hausfrau und Mutter von sechs kleinen Kindern. „Die Kriminalität ist ein Problem“, sie habe ihre Kinder deshalb zum Kampfsport angemeldet. Außerdem werde alles teurer, zumal das Wohnen. „Wir zahlen für eine Sechs-Raum-Wohnung 900 Euro Miete, müssen jeden Cent umdrehen“, sagt sie. Sie lobt Siegmunds Instagram-Videos, ist sicher: Er könne etwas ändern. „Aber er kann nur was ändern, wenn er gewählt wird.“ Alexander Raue war am Dienstagmorgen als einer der Ersten vor dem Einkaufszentrum. Eigenhändig wuchtete er den Wahlkampfstand und die Plakate aus dem Auto. Raue, 53, Diplom-Ingenieur, sitzt im Stadtrat von Halle, will nun in den Landtag, ist Direktkandidat im Wahlkreis 35 Halle I. „Alles ist möglich!“, steht in großen Lettern auf seinem Wahlkampf-Flugblatt. Raue kennt die extrem hohen Erwartungen an Siegmund. „Alle Menschen wollen Ulli Siegmund sehen“, sagt er: „Er ist eine Symbolfigur, er macht den Menschen Hoffnung.“ Seit der Bundestagswahl sei Halle „eine blaue Stadt“. In seinem Wahlkreis sei „die spürbare Überfremdung, die schleichende Islamisierung“ das wichtigste Thema. Milliarden Euro gingen an ausländische Bürgergeld-Empfänger, sagt Raue. Eine seiner Kernforderungen im Landtagswahlkampf: „Deutschland muss sich unabhängiger vom Ausland machen. Die Regierung zahlt den USA Milliarden Euro, sichert tausenden amerikanischen Rüstungsingenieuren und ihren Familien das Auskommen, statt es deutschen Familien zu geben.“ Höchste Erwartungen an Siegmund Siegmund muss also, folgt man seinen Fans, Volksabstimmungen einführen, Mieten, Inflation und Kriminalität begrenzen, Sozialleistungen an Ausländer stoppen und sich von den USA emanzipieren. Eine anspruchsvolle Agenda für die Arbeit für ein Land mit nur zwei Millionen Einwohnern, das bei der Wirtschaftskraft pro Kopf auf dem letzten Platz aller Bundesländer liegt. Kann das BSW, sofern es in den Landtag einzieht, Siegmund bei seinem Weg an die Macht stützen? Die Wagenknecht-Partei wirbt für wechselnde Mehrheiten im Landtag. Wie aber würde man sich bei der geheimen Wahl des Ministerpräsidenten verhalten? Regierungschef Schulze absägen, das ist ein BSW-Ziel. Kandidat Raue ist skeptisch. „Die AfD muss über 43 Prozent kommen, dann können wir alleine regieren. Ohne die absolute Mehrheit wird alles kompliziert“, sagt er dem Tagesspiegel: „Auf das BSW können wir uns nicht verlassen.“