Alles aus Holz: Schalen, Speere und Dreibeine von Neandertalern
Organische Materialien überstehen die Jahrtausende zumeist nur schlecht. Entsprechend wenig ist über die Nutzung von Holz durch Frühmenschen bekannt. Dabei dürfte ein Großteil der alltäglichen Gebrauchsgegenstände aus Holz, Knochen und Fellen bestanden haben. Einem glücklichen Zufall ist es nun zu verdanken, dass sich in der spanischen Höhle Abric Romaní Hunderte Zeugnisse der einstigen Holznutzung erhalten haben: Im Lauf der Zeit sind die Reste von Kalkstein überzogen worden. Als sie schließlich verrotteten, blieb ein präziser Abdruck im sogenannten Travertin in Form eines Hohlraums zurück.
Wie ein Team um Palmira Saladié und Gema Chacón vom Katalanischen Institut für Menschliche Paläoökologie und Soziale Evolution in Tarragona mitteilt, konnten die Forscher im Verlauf jahrelanger Grabungskampagnen insgesamt 597 solcher Holzabdrücke sowie verkohlte Holzreste ausgraben und analysieren. Im Fachblatt »Science Advances« schreiben sie dazu, die Objekte stammten aus einem Zeitraum zwischen 62 000 und 40 000 Jahren vor heute. Damals lebten nur Neandertaler und noch keine Vertreter des modernen Menschen in Europa.
Darunter sind einige bemerkenswerte Fundstücke. So etwa vier flache rechteckige Rindenstücke, die als Tablett, Schalen oder Schöpfinstrumente benutzt worden sein könnten. Auch die Abdrücke von Speeren und Grabstöcken fanden sich.
Holz zum Verfeuern, Holz als Wohnaccessoire
Ein Großteil des Holzes scheint allerdings als Brennmaterial gedient zu haben. Überhaupt scheint der Umgang mit Feuer ganz wesentlich zum Leben in dem Felsunterstand dazugehört zu haben: In den unterschiedlichen Schichten, die die Fachleute freilegten, fanden sich immer wieder zahlreiche Feuerstellen, die nicht zufällig über die Höhle verteilt zu sein schienen. In manchen Fällen gruppierten sich etwa kleinere Feuer um ein großes zentrales Feuer. Die Ausgräber fühlten sich an klar abgegrenzte Schlafbereiche erinnert.
Außergewöhnlich ist ein Arrangement dreier hölzerner Objekte, die mit einer der Feuerstellen in Verbindung zu stehen scheinen. Das Team interpretiert sie als Überreste eines Dreibeins, das über das Feuer gestellt worden sein könnte – ganz so, wie man auch heute noch beim Camping über offenem Feuer kocht.
Dicke und recht kräftige Holzstangen, die sorgfältig von Seitenästen befreit wurden, fanden sich ebenfalls in einem »Wohnbereich«. Sie könnten nach Meinung der Forscher in der Art einer Zeltstange an die Wand gelehnt worden sein. Mit Fellen bedeckt hätten sie einen gewissen Schutz gegen Kälte geboten.
Ein rätselhaftes Objekt
Das wahrscheinlich ungewöhnlichste Objekt fand sich in Schicht P, die auf ein Alter von rund 55 000 Jahren datiert wird. Es lag dort in einem Bereich, der augenscheinlich zum Wohnen und Arbeiten diente. Auch in seiner Form erinnert es an ein großes »P«. An einen rund 15 Zentimeter langen Griff schließt sich ein fast genauso langes, paddelförmiges Oberteil an, das durch einen scharfen Knick vom Griff abgesetzt ist. Weltweit kennt die archäologische und ethnografische Forschung kein vergleichbares Objekt. Insofern lässt sich bislang kaum etwas über seine Funktion sagen.
Das knapp über 30 Zentimeter lange Werkzeug könnte zum Schlagen verwendet worden sein – wobei sich die Wissenschaftler nicht festlegen wollen, worauf damit geschlagen wurde, auf Holz oder Fell, kleine Jagdbeute oder gar andere Neandertaler. In jedem Fall scheinen sich die Neandertaler Mühe bei seiner Anfertigung gegeben zu haben. Die Geschicklichkeit beim Umgang mit Holz spiegele durchaus ihre bereits bekannte Kunstfertigkeit beim Zurichten von Steinen und Knochen wider, lautet das Fazit der Wissenschaftler.