Alligatoahs Berlin-Konzert gleich einer Wurzelbehandlung
Bei den einzigen beiden Konzerten in diesem Jahr sind die Fans von Rapper Alligatoah von Anfang an wach. Schon das Bühnenbild in der Parkbühne Wuhlheide verspricht einiges, denn Alligatoah spart nicht an Dadaismus. Hoch oben auf zwei Leinwänden wachen zwei riesige Augen über der Parkbühne, in denen sich die Emotionen der Songs spiegeln: Mal laufen Tränen, mal blitzt Zorn auf, dann sind die Pupillen weit aufgerissen. Dazwischen hängt eine plastische Nase, darunter klafft ein gigantischer Mund - mit Gaumen, Zahnfleisch und Styroporzähnen. Zwischen den Zahnreihen tritt Alligatoah im grünen Rüschenkostüm auf, mit einer rot-weißen Zuckerstange als Gehstock. Das Konzert solle sich anfühlen wie eine Wurzelbehandlung, ruft er der Menge zu. Es gehe back to the roots. Zwanzig Jahre Alligatoah, das heiße auch: zwanzig Jahre ohne Shitstorm. Wie ihm das habe erspart bleiben können, sei ihm ein Rätsel, erklärt der gebürtige Niedersachse. Vielleicht macht so viel Selbstironie aber auch blind für Kritik. Über sein Privatleben spreche er ungern, zwei Fakten teile er trotzdem: Er esse wahnsinnig gern Süßigkeiten und putze sich viel zu schlecht die Zähne. Deshalb das Bühnenbild mit Mund. Es tue ihm leid, dass alle nun fast zwei Stunden hineinstarren müssen, immerhin sei es nicht sein Hintern, so der 36-Jährige. Dann schließt sich der Mund, pralle Lippen zieren die Bühne. Und Alligatoah steht allein da, mit der Klampfe mitten im Rampenlicht. In einem Medley reißt er einige Songs an, nicht jede Nummer schaffe es in voller Länge in die Setlist. Zahlen, Daten und Fakten entscheiden. Darauf basierend spielt er "den schönsten Song Deutschlands", nämlich "Hart vermissen", mit schelmischem Grinsen geschrammelt auf der Akustikgitarre. Ob wohl jemand die nächste subtile Sozialkritik bemerke? "Friedrich Merz ist ein dämliches Arschloch", plärrt es aus ihm heraus. Ob er das erklären solle? Die Fans rufen nur laut nach einer Zugabe. Mit "Wo kann man das kaufen" folgt Konsumkritik, die nie ins Gefühlsduselige abrutscht - dank viel Selbstironie und brachialem Rocksound. Es gibt einem großen Moment des Wir-Gefühls. Die Szenen auf der Bühne scheinen sich schon fast zufällig aneinanderzureihen. Die Zahnfee trägt plötzlich Fanshirts im Bauchladen herbei, und weil der Abend so besonders sei, bringt Alligatoah sie persönlich in die Menge. Auf der Leinwand laufen derweil Fanvideos. Alle covern denselben Song "Willst du", mit dem Alligatoah seinen Durchbruch hatte. Bei "Musik ist keine Lösung" schwenken Handylichter im Rhythmus der Sozialkritik. Als der 36-Jährige Slipknots "Duality" covert, wird es morbide: Der Song solle einmal auf seinem Begräbnis laufen, erzählt er während die Fans unten im Moshpit feiern. Nach "Nicht wecken" verlässt Alligatoah kurz die Bühne, doch eine Zugabe will niemand verpassen. Plötzlich setzt ein stampfender Berghain-Beat ein, Zeit für die Kirmes-Techno-Hits und für ein neues Kostüm: Schirmmütze mit Goldborte, runde Sonnenbrille, dazu ein perlenbesticktes Jäckchen - halb Laufsteg, halb Zirkusdirektor. Auf der Schulter thront ein Plüschhuhn. Kindermelodien prallen auf Rave und Alligatoah lässt die Fans artig für Kappe und Huhn applaudieren. Dann kündigt er den größten Hit seiner Karriere an - doch zunächst singt ihn ein anderer. Schlagersänger Alexander Marcus im orangen Nietenanzug schnappt sich "Willst du". Gemeinsam performen die beiden anschließend "MUSIK", ihre gemeinsame Single – das Who's who der Gaga-Parade ist perfekt.