Alpendorf akut von Sturzflut bedroht
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Blüht in den Alpen das Nepal-Szenario? Alpendorf von Sturzflut bedroht – Felssturz-Gefahr auch im Allgäu
Von: Maximilian Kettenbach
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Die tödliche Nepal-Sturzflut ist eine Warnung für die Alpenländer. Welche Dörfer akut bedroht sind und wie groß das Problem im Allgäu ist.
Nepal/Tibet – Die verheerende Sturzflut im Himalaya, ausgelöst durch einen Gletscherabbruch und Bergsturz am 7.245 Meter hohen Langtang Lirung, hat mittlerweile mehr als 1.000 Menschenleben gefordert – allein in Nepal wurden 987 Todesfälle bestätigt, hinzu kommen mindestens 16 Tote in Tibet. Mehr als 4.000 Menschen werden weiterhin vermisst. Auch in den Alpen ist ein solches Szenario längst keine Theorie mehr – mehrere Regionen haben bereits reale Vorfälle erlebt, und Experten warnen inzwischen unmissverständlich vor Wiederholungen. Betroffen sind vor allem Regionen ab 2.500 bis 3.000 Höhenmetern.
Am 28. Mai 2025 wurde etwa das Walliser Dorf Blatten im Lötschental (Schweiz) zu rund 90 Prozent zerstört. Rund zehn Millionen Tonnen Fels vom Kleinen Nesthorn stürzten auf den Birchgletscher, der unter der Last kollabierte. Die 300 Bewohner waren zuvor evakuiert worden, ein Schafhalter kam ums Leben.
Gletscherabbruch von Blatten von der Dynamik vergleichbar mit Nepal
Genau dieses Ereignis zieht der Geomorphologe Jan Blöthe von der Universität Freiburg nun als direkten Vergleichsmaßstab heran: „Ähnliche Ereignisse können auch in den Alpen vorkommen“, sagt er – der Gletscherabbruch von Blatten sei von der Dynamik her sogar mit der Katastrophe in Nepal vergleichbar gewesen. Allerdings sagt er auch: „Erste Abschätzungen des Ereignisses in Nepal deuten auf ein etwa zehnmal größeres Volumen hin als bei dem Ereignis in Blatten vor einem Jahr.“
Was Blatten hinter sich hat, steht anderorts möglicherweise noch bevor. „Grundsätzlich können wir eine solche Kaskade in keinem Gebirge ausschließen, das Gletscher und Permafrost hat“, warnt Holger Frey vom wissenschaftlichen Expertennetzwerk GAPHAZ (Scientific Consultative Group on Glacial and Periglacial Hazards in High Mountains) bei der Frankfurter Rundschau (auch von Ippen.Media). Bedeutet: Auch zahlreiche Alpendörfer und mit diesen rund eine Million Menschen alleine in Frankreich, Italien, der Schweiz und Österreich sind von Gletschersee-Ausbrüchen bedroht. Auf diese Zahl kam eine Studie im Jahr 2023.
Alpen-Dorf in der Schweiz in diesen Tagen gefährdet
In diesen Tagen besonders gefährdet ist Randa im Mattertal. Seit Ende Juni 2026 überwacht die Gemeinde verstärkt den Gletscher Weisshorn (4505 m). Am 24./25. August 2026 kam es zu mindestens drei Abbrüchen, die Überwachung wurde auf Stufe 3 erhöht, das Gefahrengebiet gesperrt. Experten schätzen das theoretisch gefährdete Eispaket auf mehrere Hunderttausend Kubikmeter. Darüber berichtet der Schweizer Tagesanzeiger.
Der Schweizer Tourismusort Grindelwald gilt ebenfalls als Risikogebiet: Dort bedrohte 2008/2009 der gewaltig angewachsene Gletschersee am Unteren Grindelwaldgletscher das Dorf so stark, dass eigens ein künstlicher Abflussstollen gebaut werden musste, um eine Flutkatastrophe zu verhindern.
Frankreich hat bereits 2010 den Gletschersee unter dem Tête-Rousse-Gletscher am Mont Blanc, oberhalb des Skiorts Saint-Gervais-les-Bains, abgepumpt. Damals hatten sich dort rund 65.000 Kubikmeter Wasser in einer verborgenen Höhle im Gletscher angesammelt, ohne natürlichen Abfluss. Gefährlicher als klar sichtbare Gletscherseen sind oftmals die Wasseransammlungen im Inneren der Gletscher. Die Dorfbewohner Saint-Gervais-les-Bains‘ fürchteten, dass die Massen sonst eines Tages in ihr Tal stürzen und es binnen 15 Minuten fluten, wie 1892 schon einmal.
Selbst die Bayerischen Alpen sind nicht gefeit: Am Hochvogel im Allgäu überwachen Geologen mit Sensorik einen drohenden Felssturz. Die angrenzenden Gemeinden sind Hindelang im Allgäu und Hinterhornbach in Tirol. Beide wären jedoch wohl auch bei 400.000 Kubikmetern noch nicht bedroht – mutmaßlich.
Der „Klebstoff der Berge“ schmilzt
Das große Problem: Der „Klebstoff der Berge“ schmilzt. Das Auftauen von alpinem Permafrost erhöht die Felssturzgefahr, weil gefrorenes Eis in Gesteinsklüften wie ein natürlicher Klebstoff wirkt – dessen Festigkeit nimmt bei Erwärmung jedoch drastisch ab. Ernüchternd: Großflächige Warnungen sind kaum möglich. „Nur detaillierte und lokal an Verdachtsflächen durchgeführte Messungen bieten derzeit praktikable Vorhersagen“, sagt Blöthe.
Wie wahrscheinlich ist ein Szenario dieses Ausmaßes am Ende wirklich in den Alpen? Jan Beutel von der Universität Innsbruck ergänzt eine wichtige Nuance in der Diskussion: Die Täler im Himalaya seien länger und tiefer als in den Alpen. Genau diese Geländeform habe die verheerende Wucht der Sturzflut in Nepal begünstigt, weil sich die Wassermassen in dem schmalen, steilen Tal weit stärker auftürmten, als sie es in breiteren Alpentälern täten, so der Experte. Eine echte Entwarnung ist das für die rund eine Million in den betroffenen Gebieten nicht. (Quellen: DPA, Frankfurter Rundschau, eigene Recherche, t-online, Spiegel) (mke)