Als die Toten Hosen ihren zweiten Song spielen, entdeckt Campino einen Fan und stoppt das Konzert
Das mit 70.000 Zuschauern ausverkaufte Berliner Olympiastadion bebt – auf der Bühne in dem Stadion, wo Hertha sonst spielt, stehen am Sonnabend die „Toten Hosen“. Ihre Tour „Trink Aus! Wir Müssen Gehen“ soll ihre Abschiedstour sein. Aber darüber denkt kaum einer der Fans nach, vielmehr sind sie gekommen, um ihre Stars zu feiern und Spaß zu haben. Konzert gefühlvoll für einen Moment unterbrochen Sänger Andreas „Campino“ Frese und seine Mitstreiter lassen sich auch nicht lange bitten, sondern legen sofort mit „Opel-Gang“ los. Dies ist zugleich der Titelsong ihres Debütalbums aus dem Jahr 1983. Die Fans feierten ihre Helden, unter anderem durch Crowdsurfing. Hier „surfen“ Fans über auf dem Bauch oder Rücken über die feiernden Fans hinweg hin zur Bühne. Dort werden sie von Ordnern wieder ins Publikum geführt. In dem Zusammenhang kommt es gleich beim zweiten Song zu einer rührenden Szene. Zwar ist der Innenraum in zwei Bereiche unterteilt, dennoch wird eine junge Frau durch die feiernden Fans zu stark gedrückt. Auch diese ziehen die Ordner aus dem Publikum. Campinos Blick fällt auf die Jugendliche, die weinend kraftlos von zwei Ordnern gehalten da direkt vor der Bühne steht. Für einen Moment unterbricht der Tote-Hosen-Sänger sein Konzert und streichelt seinem Fan tröstend über den Kopf. Dann bringen die Ordner die Jugendliche aus dem Grabenbereich. Auch nach 44 Jahren Bandgeschichte haben die Musiker eine breite Fangemeinschaft. Ergraute Fans der ersten Jahre der Bandgeschichte feiern ausgelassen mit Jugendlichen im Olympiastadion. Wildfremde Leute umarmen sich, tanzen ungehemmt miteinander. Gerade bei dem Punk-Pogo-Tanz geht so manchen schnell die Luft aus. Vor allem dann, als die Musiker auf der Bühne einen Hit nach dem anderen anstimmen. Als auf „Wünsch dir was“ dann „Hier kommt Alex“ folgt, entsteht ein Moment, in dem das Olympiastadion besonders tobt. Hit folgte auf Hit „Die Toten Hosen“ haben Rockgeschichte geschrieben. Das zeigen sie auch auf der Bühne. So feiern die Fans die Band nicht nur „Paradies“ und „Steh auf, wenn du am Boden bist“. Zu den Hosen-Hits gehören auch Partysongs wie „Zehn kleine Jägermeister“, die das Publikum lautstark mitsingt. Campino erzählt zwischen den Songs kleine Anekdoten, so auch die von ihrem ersten Auftritt in Berlin. Der war 1982, kurz nachdem sich die Band um Campino, Andreas Meurer, Andreas von Holst und Michael Breitkopf gegründet hatte, wo sie im SO 36 ihr erstes Berlinkonzert spielten. Nur der Schlagzeuger Vom Ritchie gehört nicht zu den Gründungsmitgliedern, die da im Olympiastadion auf der Bühne stehen. Bei dem zweieinhalb Stunden langen Konzert merkt man aber auch, dass den Musikern so ein langer Auftritt viel Kraft kostet. So ist es dann immer wieder nahezu erholsam, ruhige Stücke wie „Tage wie diese“ zu spielen. Durch die Gastauftritte des „Herr Lehmann“-Autors und Element of Crime-Frontmanns Sven Regener und dem Die Ärzte-Sänger Farin Urlaub tanken die Musiker für einen Moment etwas Kraft. Nach über 30 Songs und drei Zugaben ist dann Schluss. Am Ende gab es ein paar Tränen Wobei man aus Sicht eines Fans den letzten Song hätte lieber nicht spielen sollen. Das war „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros. Daniel, ein in Berlin aufgewachsener Düsseldorfer, hatte bis dahin ordentlich mitgetanzt. Plötzlich steht er da und Tränen fließen aus seinen Augen. Seine Freundin nimmt ihn behutsam in den Arm. „Das war eines der Lieblingslieder meiner Mutter“, sagt Daniel. „Als sie sieben Jahre alt war, starb ihr Vater. Vor neun Jahren, da war ich 20, ist dann sie gestorben.“ Dennoch finden beide das Konzert herausragend. Dass die „Toten Hosen“ eine Abschiedstournee machen, können sie nicht glauben. Vielmehr hoffen sie, wie viele andere tausend Fans an diesem Abend auch, auf ein Wiedersehen. Nur eines haben viele vermisst, den Song „Bommerlunder“. Das Singen dieses Hits übernehmen dann viele Fans selbst, als sie vergnügt zum S-Bahnhof laufen.