Als in der Antarktis noch der Wald brannte
Stand: 13.09.2026 11:20 Uhr
Die Kreidezeit war eine der wärmsten Phasen der Erdgeschichte, mit vier- bis sechsmal so viel Kohlendioxid in der Luft wie heute. Ein Bohrkern aus der Westantarktis zeigt, wie ein Ökosystem unter solchen Bedingungen funktionierte – und dass es über 90 Millionen Jahre Kohlenstoff in der Erde speicherte.
von MDR WISSEN / RR
Es ist warm und feucht. Vier Monate im Jahr geht die Sonne nicht auf. Vier andere Monate scheint sie dafür durchgängig. Zwischen Araukarien und Steineiben – beide zählen zu den Koniferen – wachsen Baumfarne, der Boden ist sumpfig. Die Jahresmitteltemperatur liegt bei zwölf Grad – zwei Grad über dem heutigen deutschen Durchschnitt. Auf Trockenzeiten folgen monsunartige Regen. Und immer wieder brennt es. Dieser Schauplatz liegt nur etwa 900 Kilometer vom Südpol entfernt. Vor 90 Millionen Jahren war das tatsächlich so.
Heute liegt dort ein Kilometer dickes Eis, die Durchschnittstemperatur beträgt etwa minus 30 Grad, und der ehemalige Waldboden steckt unter dem Grund des Amundsenmeeres, 946 Meter unter der Wasseroberfläche. Von dort holte ihn 2017 das Forschungsschiff Polarstern mit einem Meeresbodenbohrgerät herauf: drei Meter Sediment aus dem Oberkreide-Zeitalter, durchzogen von einem dichten Wurzelnetz.
Dass in diesem Kern ein antarktischer Regenwald steckt, wurde bereits 2020 bekannt. Nun hat dasselbe Team unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts nachgelegt. "Wir haben den Kern nochmal mit einem anderen Methodenspektrum ganz genau unter die Lupe genommen und haben darin klare Beweise für regelmäßige Waldbrände gefunden", sagt der Meeresgeologe Johann Klages. Die Ergebnisse stehen im Fachmagazin Communications Earth & Environment.
Ein Bohrkern im Computertomografen
Um an diese Beweise zu kommen, ging der Kern unter anderem ins Klinikum Bremen-Mitte. In einem Computertomografen, der sonst Patienten durchleuchtet, wurde das Sediment Schicht für Schicht abgetastet – so ließ sich das Wurzelnetz sichtbar machen, ohne den Kern zu zerstören.
Danach übernahmen die Speziallabore. Ein Team aus Deutschland und Großbritannien hat Pollen und Sporen ausgezählt, organische Moleküle vermessen und die Kohle unter dem Auflichtmikroskop untersucht – letzteres an der TU Bergakademie Freiberg, wo man sich seit Generationen mit Braunkohle beschäftigt.
Spuren im Gestein
Der wichtigste Fund sind winzige Holzkohlepartikel, die sich durch den gesamten Kern ziehen und nach oben hin immer häufiger werden. Dazu kommen Rußmoleküle, wie sie bei unvollständiger Verbrennung entstehen. Wie heiß es brannte, verrät ein optischer Trick: Verkohltes Material spiegelt Licht umso stärker, je höher die Temperatur war. Gemessen wurden 370 bis 400 Grad – immer noch zu wenig für Kronenbrände, aber typisch für Feuer, die am Boden entlangkriechen.
Was brannte, lässt sich ebenfalls sagen: Weichholz, und zwar von Steineibengewächsen, die ein Drittel bis zwei Drittel des Pollen- und Sporeneintrags stellten. Ihre nächsten heutigen Verwandten wachsen in Tasmanien und Neuseeland.
Und was die Feuer entzündete, schließt die Studie aus dem, was nicht passt: Vulkanausbrüche erzeugen andernorts Brandtemperaturen bis 900 Grad, der nächste bekannte Vulkanismus lag außerdem 400 Kilometer entfernt. Bleiben Blitze als Auslöser, wie sie auch in heutigen borealen Nadelwäldern die häufigste natürliche Zündquelle sind. Weil der Monsunregen im dunklen Winter fiel, dürfte die Brandsaison der vier Monate lange taghelle Sommer gewesen sein.
Wie das Feuer ein Moor baute
Die überraschendste Pointe steckt in der Frage, was die Feuer anrichteten, nämlich nicht nur Zerstörung. Im oberen Teil des Sedimentkerns verändert sich alles gleichzeitig: Die Holzkohle nimmt um das Zehnfache zu, die Rußspuren um das Vierzigfache – und die Sporen von Torfmoos schießen von unter 250 auf über 25.000 je Gramm Sediment. Ein chemischer Anzeiger weist auf einen pH-Wert von 4,3 hin, sauer wie in einem regenwassergespeisten Hochmoor. Aus dem Sumpfwald war nach den Feuern ein Moor geworden.
"Dabei spielten offensichtlich Waldbrände, die immer häufiger wurden, eine entscheidende Rolle", sagt Co-Erstautor Ulrich Salzmann von der Northumbria University in Newcastle, England. "Sie hielten die Vegetation offen und ermöglichten die Entstehung eines Torfmoores, in dem es dann immer wieder bodennahe Schwelbrände gab, wie wir sie auch in jüngster Zeit in deutschen Moorgebieten häufiger hatten." Das Feuer war hier also kein Zerstörer, sondern die Bedingung dafür, dass sich über Jahrtausende Kohlenstoff im Torf sammeln konnte.
Rekordhalter in Deutschland abgelöst
Damit ist es das älteste bekannte Torfmoos-Moor, aus dem Kohle wurde. Den bisherigen Rekord hielt die Schöninger Braunkohle im Helmstedter Revier an der Grenze von Niedersachsen zu Sachsen-Anhalt. Sie ist etwa 55 Millionen Jahre alt – der antarktische Befund schlägt sie um 35 Millionen Jahre.
Moore speichern weltweit enorme Mengen Kohlenstoff, und sie brennen wieder häufiger. "In einem warmen Klima verlanden Sumpfgebiete schneller und Brände, welche die Waldbildung verhindern, sind häufiger", sagt Co-Erstautor Thorsten Bauersachs von der RWTH Aachen. Ob daraus wieder Moore werden oder ob der gespeicherte Kohlenstoff in die Luft geht, ist die offene Frage. In der Antarktis stand am Anfang das Feuer – und am Ende eine fünf Zentimeter dünne Kohleschicht, die den Kohlenstoff 90 Millionen Jahre lang festgehalten hat.