Andrea Kiewel: "Soll ich mich nackig ausziehen?"
Am Sonntagmittag wollte Andrea Kiewel den "ZDF-Fernsehgarten" zum Rocken bringen. Dank der musikalischen Gäste schaffte sie das auch, beim Rahmenprogramm hingegen wurde es kurios. Wirklich überraschend war hingegen Kiewels Koketterie, sich ausziehen zu wollen. Gleich zweimal. Eine Kritik von Christian Vock Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informiere dich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht. Es gibt Sätze, die hört man nur in Filmen und im Fernsehen, in der Realität würde kein Mensch so sprechen. "Das werden Sie noch bereuen!", "Damit kommen Sie nicht durch!" oder "Hände dort, wo ich sie sehen kann!", sind solche Sätze. Der jüngste Sonntagmittag bewies allerdings, dass man solche Sätze tatsächlich auch im echten Leben hören kann. Zumindest, wenn man den "ZDF-Fernsehgarten" zum echten Leben zählt. "40 Jahre ‚Fernsehgarten‘ oder wie es heute heißt: Rock im Garten!", begrüßt der Off-Sprecher am Sonntagmittag nämlich die Zuschauer auf dem Mainzer Lerchenberg und behauptet dann: "Jetzt wird aufgedreht und abgerockt." So, so, aufgedreht und abgerockt – wie man sich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eben die Sprache von Rock-Fans vorstellt. Und mit einem weiteren Satz, der jeder Realität entbehrt, bittet der Off-Sprecher die Moderatorin des Ganzen auf die Bühne: "Sie ist die Härteste. Ihre Headbangerin vom Lerchenberg: Andrea Kiewel." Als dann Andrea Kiewel, "die Härteste", im schwarzen Sommer-Outfit aus einem Reisebus steigt, die Zunge rausstreckt und die Finger zur Metal-Pommesgabel formt, offenbar, weil sie glaubt, dass jeder Rock-Fan das so macht, schwört auch sie das Publikum auf das Motto ein und verspricht einen "absolut rockigen Mainzer Lerchenberg". Dann geht Kiewel das Programm durch: "krasses" Metal-Yoga, einen Hindernislauf, den "Punkrocker der Köche", Ralf Zacherl, und "die vermutlich einzige Roboterband der Welt". Die Punker von heute: Melone und Garnelen Rockig daran ist eigentlich erst einmal nur, dass es ein wirklich wildes Rahmenprogramm-Sammelsurium ist, aber immerhin hat die Redaktion mit ihren Gästen dafür gesorgt, dass es zumindest musikalisch noch etwas rockig wird: DORO, Nazareth, Bülent Ceylan, Kissin’ Dynamite, Xandria, Brother Firetribe, Angus McSix, Evil Jared × Krogi und HOKKA stehen auf der Bühne und überrepräsentieren das Metal-Genre im "Rock-Motto". Wird das Ganze dadurch auch zu einem Rock-"Fernsehgarten"? Ja und nein. Denn trotz der vielen E-Gitarren, auftoupierten Haare und Leder-Klamotten auf der Bühne, wird hier nicht "aufgedreht und abgerockt", sondern eher "Rock-Garten" gespielt. Da steht dann der angebliche "Punkrocker der Köche", Ralf Zacherl, der, wie er erzählt, zuerst Schreiner oder Polizist werden wollte, im "Fernsehgarten" und grillt Wassermelone und Riesengarnelen auf dem heißen Stein – ganz so, wie es Punker eben so machen. Magdalena Brzeska zeigt mit zwei Schülerinnen rhythmische Sportgymnastik zu "Nothing Else Matters", Trainerin Alexandra stellt die Hindernislauf-Sportart OCR vor, eine andere Frau zeigt zusammen mit Kiewel "Metal-Yoga", meint damit aber offenbar einfach nur Yoga, bei dem ein paar Mal die Hand zur "Pommesgabel" geformt wird, ein Model liegt bei 30 Grad Außentemperatur in einer Wanne mit Matsch und preist Moorbaden an und ein Mann lässt seine "Band" aus Robotern, die er aus Schrott zusammengeschraubt hat, auf der Bühne spielen, während das Publikum zu einem Rhythmus klatscht, den es gar nicht gibt. "Ich kann einfach nur schön sein und reden" Ist das nun gut, schlecht, eine Veralberung echter Rock-Fans oder eine gelungene Mischung? Die Antwort: alles zusammen. Der regelmäßige "Fernsehgarten"-Zuschauer, der sonst zu den üblichen Malle-Songs und Schlagern im Viervierteltakt klatscht, wird dieses Spektakel vielleicht einfach als interessante Abwechslung sehen. Und die echten Fans der Bands werden froh sein, ihre Idole einmal "live" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen und nehmen das ganze Halligalli wohlwollend in Kauf. Für beide Seiten ergibt das trotzdem und gerade deshalb ein mitunter absurdes Szenario, etwa, als mit der Band Angus McSix erwachsene Menschen in Monsterkostümen auf der Bühne zum Heavy-Metal-Playback spielen, während dazu ebenfalls erwachsene Menschen mit Ananashüten auf dem Kopf im Takt wippen. Szenen, die es so wohl nur im "Fernsehgarten" gibt und so lässt sich auch Andrea Kiewel nicht lumpen und knüpft am Sonntagmittag nahtlos an den Off-Sprecher an und reiht einen Satz, den man nur selten im echten Leben hört, an den anderen. Da steht Kiewel etwa neben OCR-Trainerin Alexandra und sagt über die Herausforderung Hindernislauf für die Athleten: "Augen auf bei der Jobwahl. Ich kann einfach nur schön sein und reden […]." Schön sein und reden ist das Eine, Andrea Kiewel scheint an diesem Mittag aber einen ganz besonderen Narren an etwas Anderem gefressen haben: dem Nacktsein. Wetteinsatz Nackedeierei Da macht die Moderatorin etwa auf die nächste "Fernsehgarten"-Ausgabe aufmerksam, bei der sie in einem Quiz gegen eine Handvoll Promis antritt. Als Preis gebe es zehn Minuten frei verfügbare Sendezeit in der allerletzten Folge dieser "Fernsehgarten"-Staffel und so überlegt Kiewel schon einmal laut mit ein paar Zuschauern, wie sie selbst diese Minuten wohl nutzen soll. "Wenn ich gewinnen sollte – soll ich mich nackig ausziehen?", fragt Kiewel den Zuschauer neben ihr und als der die Frage bejaht, macht Kiewel einen Rückzieher: "Auf gar keinen Fall, ich hab Kinder." Empfehlungen der Redaktion TV-Tipps am Samstag TV-Tipps am Sonntag Anja Kruse wird 70: "Ich habe nicht vor aufzuhören" Eine Schaumparty oder eine Polonaise seien ihr zu brav, überlegt Kiewel weiter und sagt dann: "Ich will was Versautes, ich will was Gemeines, ich will was, wo alle hinterher sagen ‚Ich war dabei‘." Man wird sehen, was am Ende dabei heraus kommt, für den Moment lebt Kiewel ihren Nackedei-Spleen an anderer Stelle aus. Denn als ihre Gäste Evil Jared und Korgi einen OCR-Athleten im Hindernislauf schlagen sollen, bietet die Moderatorin den beiden an: "Wenn ihr den Parcours schafft und zwar wirklich mit jeder Station, schneller, als 2:06, spring ich am Ende der Show mit euch nackt in den Pool." "Ohne Schummeln natürlich", fügt Kiewel danach noch schnell hinzu, was ihr schlussendlich ein Nacktbad erspart. Irgendwie will man in der Regie am Ende aber doch noch eine Aktion von Kiewel sehen und so soll die Moderatorin zum Abschluss wie das "Moorbad-Model" zuvor in Klamotten in eine Wanne mit Matsch steigen. Angesichts der Temperaturen lehnt Kiewel aber ab: "Nicht für Geld und gute Worte – ich spring in den Pool." Und so endet die neueste Ausgabe des "Fernsehgarten" wie sie begonnen hat: Mit einem Satz, den man nur im Fernsehen hört.