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Angriff auf Umspannwerk in NRW: Polizei entdeckt sechs Abschussvorrichtungen

Nation

Bergheim/Turnow-Preilack/Berlin (dpa). Nach dem Angriff auf das Stromnetz in Südbrandenburg gehen die Ermittler davon aus, dass auch die Störung an einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln auf verfassungsfeindliche Sabotage zurückgeht. Unbekannte hätten Kabel über die Oberleitung gebracht und so einen Kurzschluss verursacht, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU). „Das war Absicht. Wer da rangeht, greift unser Land an.“

Die Ermittler sehen Parallelen zu dem Fall in Brandenburg, wo Unbekannte am Dienstagmorgen unweit des Umspannwerks Turnow-Preilack einen Angriff auf die Stromversorgung gestartet hatten. In der Nähe beider Orte wurden nach Angaben der Behörden Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik gefunden, die womöglich bereits vor längerer Zeit dort installiert worden waren.

„Mittlerweile sind wir relativ sicher, dass es viele Parallelen gibt“, sagte Reul am Mittwochabend im ZDF-„heute journal“. Wer hinter den Sabotageakten stecke, sei aber weiter unklar. „Es muss nun sorgfältig ermittelt werden, was ist überhaupt passiert, und dann kann man sich der Frage zuwenden, wer steckt dahinter.“

Kraftwerksblöcke in NRW zeitweise abgeschaltet

In Bergheim entdeckten Einsatzkräfte der Polizei bei einer Suchaktion in einem Maisfeld insgesamt sechs Abschussvorrichtungen. Diese waren demnach so gebaut, dass mit pyrotechnischen Gegenständen ein Draht über die Stromleitungen geführt werden konnte. In der Folge seien mehrere Kraftwerksblöcke abgeschaltet worden, die lebenswichtige Versorgung der Bevölkerung sei dadurch bedroht gewesen, sagte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Mittlerweile sind drei von fünf Kraftwerksblöcken wieder ans Netz gegangen, wie RWE Power am Mittwochabend mitteilte. Für die übrigen zwei Blöcke sei mit einer Wiederinbetriebnahme im Laufe des kommenden Wochenendes zu rechnen.

In Brandenburg hatten Unbekannte am Dienstagmorgen versucht, in der Nähe des Umspannwerks Turnow-Preilack unweit des Kraftwerks Jänschwalde die Stromversorgung zu stören. Dazu lenkten sie nach Angaben von Innenminister Jan Redmann (CDU) mit Hilfe selbstgebauter Flugkörper, die Silvesterraketen ähnelten, leitfähiges Material in Richtung Höchstspannungsleitungen.

Auswirkungen auf die allgemeine Stromversorgung gab es weder in Brandenburg noch in Nordrhein-Westfalen. Wer hinter den Vorfällen steckt, ist noch offen. „Wir prüfen zwei Richtungen: fremdstaatlich gelenkte Sabotage und Linksextremismus“, sagte Reul.

Breiter in den Blick nehmen die Ermittler nun auch den Brand in einem Umspannwerk in Reutlingen im Juni, der dazu geführt hatte, dass rund 7.600 Gebäude und etwa 40.000 Menschen zeitweise ohne Strom waren. Die Ermittler gehen von Brandstiftung aus. In der Vergangenheit gab es bundesweit eine Reihe weiterer mutmaßlicher Sabotageversuche. Die betroffenen Länder wollen sich nun stärker vernetzen.

Brandenburgs Innenminister: „Verdammtes Glück gehabt“

Innenminister Redmann sprach davon, dass man in Brandenburg „verdammtes Glück“ gehabt habe. Denn nach jetzigem Stand habe nur einer der mehr als einem Dutzend „raketenähnlichen Gegenständen“ mit Treibsatz sein Ziel erreicht. Dies blieb jedoch ohne Auswirkungen – anders als in Berlin Anfang des Jahres, wo ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke einen großflächigen Stromausfall auslöste, von dem Zehntausende Menschen betroffen waren. Hier gehen die Ermittler von linksextremistischen Tätern aus.

Redmann erklärte, die Tatausführung in Brandenburg sei aber anders als bei bisherigen Anschlägen auf die Stromversorgung, die der linksextremistischen Szene zugeordnet werden. Die Polizei ermittelt nun unter anderem wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung. Das betroffene Umspannwerk zählt dem Innenminister zufolge zu einem der relevantesten in Deutschland.

Auch interessant: Wie ist die Stromversorgung geschützt und wer greift sie an?

In Nordrhein-Westfalen wurde die Polizei am Dienstagabend gegen 20 Uhr zunächst wegen einer technischen Störung zu dem Umspannwerk in Bergheim gerufen. Durch einen Kurzschluss seien mehrere Leitungen ausgefallen, hieß es. Fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcke gingen vom Netz. Der Energieversorger Amprion versicherte: „Die allgemeine Stromversorgung war zu keinem Zeitpunkt davon betroffen und die Systemstabilität immer gewährleistet.“

Grüne fordern mehr Schutz für kritische Infrastruktur

Grünen-Politikerin Irene Mihalic warf Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) schwere Versäumnisse beim Schutz kritischer Infrastruktur vor. „Unser Land ist auf Angriffe auf kritische Infrastrukturen nur sehr unzureichend vorbereitet, und das muss sich schleunigst ändern“, sagte die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion dem „Handelsblatt“. „Wir erwarten, dass der Bundesinnenminister noch im Rahmen der aktuellen Haushaltsverhandlungen ein Gesamtkonzept für die Sicherheit in unserem Land vorstellt und beim Schutz der kritischen Infrastruktur endlich seine Hausaufgaben macht“, sagte Mihalic.

Was gehört zur kritischen Infrastruktur?

Unter der kritischen Infrastruktur versteht man all jene Bereiche, deren Beeinträchtigung oder Ausfall zu Versorgungsengpässen, Störungen der öffentlichen Sicherheit und weiteren dramatischen Folgen führen kann. Dazu gehören etwa Energie, Informationstechnik, Transport, Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanz- und Versicherungswesen, Staat und Verwaltung sowie Medien.

Nicht jedes Umspannwerk könne von Polizisten bewacht werden – stattdessen müssten diejenigen, die die Anlagen betreiben, ertüchtigt und in die Lage versetzt werden, diese besser zu schützen, betonte Reul. Das könne man „relativ schnell regeln“. Ähnlich äußerte sich die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG). Der Schutz kritischer Infrastrukturen sei nicht die originäre Aufgabe der Polizei, sondern zunächst Aufgabe der Betreiber selbst.

Verband fordert „Backup-System für Notfälle“ im Stromnetz

Der Bundesverband der Erneuerbaren Energien (BEE) sprach sich für ein „Backup-System für Notfälle“ im Stromnetz aus. Bioenergie und Wasserkraft seien beispielsweise schwarzstartfähig, sagte BEE-Präsidentin Ursula Heinen-Esser der „Rheinischen Post“. Das heißt, sie könnten etwa nach einem Stromausfall ohne externe Stromversorgung schnell wieder hochgefahren werden. „Auch Batteriespeicher können im Ernstfall kurzfristig einspringen und günstigen Strom bereitstellen.“

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