Angriff Russlands zurückschlagen: Was die Pläne des NATO-Oberbefehlshabers bedeuten
Die NATO kommuniziert oft und gerne, aber bei einem Thema ist sie verschwiegen: wenn es um ihre eigenen Verteidigungspläne geht. Deshalb war der Auftritt ihres Oberbefehlshabers für Europa beim Warschauer Sicherheitsforum am Montag ein seltenes Ereignis. In einem dichten Vortrag, 15 Minuten lang, legte General Alexus Grynkewich dar, wie das Bündnis einen Angriff Russlands zurückschlagen will.
Er nannte es seine „Theorie des Sieges“, eine „Vision“, wie die NATO kämpfen solle. Daran habe man schon seit Längerem gearbeitet. Seit drei Monaten liege die endgültige Version in geheimer Form vor, sie sei mit den 32 Bündnispartnern abgestimmt. Und nun also gewährte er erstmals einen öffentlichen Blick in diese Überlegungen.
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Den ungewöhnlichen Schritt begründete der US-General, der seit Mitte 2025 im Amt ist, mit dem Sicherheitsumfeld. „Angesichts der zahlreichen Sabotage- und Brandstiftungsakte sind die Bevölkerungen in unserem Bündnis meiner Ansicht nach etwas nervös“, sagte er. „Und ich möchte den eine Milliarde Bürgern unseres Bündnisses versichern, dass wir die Lage im Griff haben.“
Gleichzeitig wollte er aber auch eine Botschaft an das Land richten, das er selbst nicht einmal beim Namen, sondern durchgehend „unseren Gegner“ nannte. Russland soll bei all seinen hybriden Angriffen wissen, dass die Allianz gut vorbereitet ist. „Im Fall eines Angriffs sind wir bereit, noch heute Nacht zu kämpfen“, so Grynkewich. („We are ready to fight tonight.“)
Was der Oberbefehlshaber für Europa, kurz SACEUR genannt, dann präsentierte, ist jedoch nicht die Antwort auf Sabotageakte des Kremls. Stattdessen geht es um einen Angriff russischer Truppen auf NATO-Territorium. Ausdrücklich erwähnte er ein sogenanntes Fait-Accompli-Szenario, das Strategen seit Jahren beschäftigt, mit Blick auf das stark exponierte Baltikum. Gemeint ist ein überraschender Überfall, bei dem russische Kräfte versuchen, Gebiete zu erobern und so vollendete Tatsachen zu schaffen, bevor die Allianz darauf reagieren kann.
„Das Bündnis würde kaum überrascht werden“
Würde die Allianz einen solchen Angriff überhaupt bemerken? Grynkewich verwies auf die technologische Überlegenheit bei der Aufklärung, was zu einem „tiefgreifenden Verständnis des strategischen und operativen Umfelds“ führe. „Das bedeutet, dass das Bündnis kaum überrascht werden kann“, sagte er. „Wir werden erkennen, ob ein Angriff bevorsteht, was uns Zeit gibt, die Lage schnell einzuschätzen und unsere Streitkräfte entsprechend zu positionieren.“
Dies ist eine Kernaufgabe des SACEUR. Die Mitgliedstaaten haben ihn mit umfassenden Vollmachten ausgestattet, um noch vor der Aktivierung eines Bündnisfalles Truppen und Gerät in Stellung zu bringen. Damit Moskau von einem Angriff abgeschreckt wird oder, falls dies nicht gelingt, damit der Angriff so schnell wie möglich aufgehalten werden kann. Auf Englisch: block.
Wenn Russland weitere Kräfte nachzieht, greift die zweite Stufe der Verteidigung, die Abwehr. Auf Englisch: blunt. „Sollte der Angriff anhalten, werden wir ihn abwehren und den Vormarsch des Feindes verhindern“, so Grynkewich. „Und falls erforderlich, werden wir die feindlichen Streitkräfte und das operative Kampfsystem zerstören, das gegen uns aufgestellt ist.“ Das ist Stufe drei, auf Englisch: break. So gelangt der General zu einer Trias, die seine „Theorie des Sieges“ zusammenfasst: block, blunt and break. Insgesamt beschrieb er den Ansatz als „Denial-Verteidigung“. Russland soll daran gehindert werden, NATO-Gebiet zu erobern.
Eine strategische Niederlage Russlands ist kein Ziel der NATO
Der SACEUR gründete seine Zuversicht, dass dies gelingen werde, auf die Überlegenheit des Bündnisses in allen Kriegsdomänen. So würden die Landstreitkräfte angreifende Truppen an den Kontaktlinien „festnageln“, sie „vernichten“ und die Bewegungsfreiheit auf dem Gefechtsfeld erlangen. Unterstützt würden sie von Kräften zur See, in der Luft, im Weltraum und im Cyberraum, die rasch die Überlegenheit in ihren Domänen erobern. Damit bezog er sich auf das „Gefecht der verbundenen Waffen“, wie es im NATO-Jargon heißt. Der Ukrainekrieg hat gezeigt, dass russische Truppen zu einer solchen Vernetzung nicht in der Lage sind.
Grynkewich beschrieb auch, wie weit die Allianz in ihrer Verteidigung gehen würde. Sollte der Gegner nicht von seinem Angriff ablassen und Reserven einsetzen, würde die Allianz seine gesamte Kriegsmaschinerie zerschlagen. Das würde dann auch Angriffe auf Kommandostellungen, Waffendepots und Logistikrouten in Russland einschließen. Dazu will die NATO ihre „hochmoderne und äußerst wirksame Präzisionsmunition mit einer überwältigenden Masse kostengünstiger und skalierbarer Systeme“ kombinieren, was er als Lehre aus dem Ukrainekrieg beschreibt.
Grynkewich legte aber auch dar, wo die Grenze dieser Strategie liegt. Es reiche ihr, den gegnerischen Streitkräften eine taktische und operative Niederlage zuzufügen. „Wir streben keine strategische Niederlage unseres Gegners an.“ Eine solche Niederlage würde die politische Ordnung zugunsten der Allianz verändern, etwa indem sie russisches Territorium erobert oder auch jene Teile der Armee zerstört, die nicht am Krieg beteiligt sind. Die NATO habe weder „einen Grund noch einen Anreiz zur Eskalation“. „Die Last der Eskalation würde voll und ganz auf dem Angreifer lasten. Er und er allein würde das gesamte moralische, politische und strategische Gewicht der Entscheidung tragen, ob er dies tun will“, sagte er.
Verzicht auf Eskalation als Botschaft an den Kreml
Hier geht es darum, ob und wann ein konventioneller Krieg zum Einsatz von Atomwaffen führt. Grynkewich machte klar, dass das Bündnis von sich aus keine solche Eskalation anstrebt. Im Kalten Krieg hatte es sich diese Option mit ihrer Strategie der „flexiblen Erwiderung“ ausdrücklich vorbehalten. Der Verzicht darauf ist eine wichtige Konzession, soll aber ein Signal an Moskau senden: Es geht dem Bündnis nur um die eigene Verteidigung, nicht um einen Angriff auf Russland. Zugleich signalisiert es, dass es „jedem Schritt des Gegners auf der Eskalationsleiter etwas Entsprechendes entgegensetzen könne“. Die NATO bleibt also auch zu einer nuklearen Vergeltung bereit.
Was ist der Stellenwert dieser „Theorie des Sieges“? Bei der NATO wird das so erläutert: Sie ändere nichts an den Verteidigungsplänen, die schon nach dem Überfall auf die Ukraine angepasst wurden. Sie mache aber die Dringlichkeit deutlich, mit der die Verbündeten militärische Fähigkeiten aufbauen müssten. Und sie sende das Signal, dass die USA dem Bündnis weiterhin jene Fähigkeiten stellen würden, die ihre Partner mittelfristig nicht ersetzen könnten, von der Aufklärung bis zu Präzisionsschlägen.
Insofern enthält die Rede von Warschau also auch eine Botschaft an die Europäer in der Allianz. Schließlich arbeitet Grynkewich, der zugleich die US-Streitkräfte in Europa kommandiert, derzeit auch an der Revision ihrer Aufstellung, die bis Anfang Dezember abgeschlossen sein soll.