Angriffe auf Lebensmittellager: Russland hat neuen Weg, die Ukraine zu terrorisieren
Seit Anfang August greifen die Russen verstärkt die Lager der großen Supermarktketten rings um Kiew an, um die Versorgung der Hauptstadt mit Lebensmitteln zu stören. Kiew wird wohl nicht aushungern. Aber die Preise werden steigen. Die Armut ebenso. Bereits seit Mai greift die russische Armee ungefähr jede dritte Nacht Kiew und die Region um die ukrainische Hauptstadt mit ballistischen Raketen an. Russland nutzt aus, dass die Ukraine kaum noch über Flugabwehrraketen für die Patriot-Systeme verfügt. Seit zwei Wochen hat die russische Kiew-Kampagne, die sich weiterhin stark gegen die ukrainische Energieinfrastruktur richtet, ein neues Ziel. Allein am 5. August hat die russische Armee fünf große Verteilzentren der wichtigsten Supermarktketten getroffen. Für die Lebensmittelversorgung der ukrainischen Hauptstadt sind diese Unternehmen von besonderer Bedeutung. So wurde etwa das 50.000 Quadratmeter große Verteilzentrum der Supermarktkette Novus mehrfach direkt getroffen - das wichtigste logistische Zentrum von Novus in der Region Kiew. Die weiteren Zentren gehören der Fozzy Group, die mit Siplo und Fora ebenfalls zwei der wichtigsten Supermarktketten der Ukraine betreibt. Die Folgen des Beschusses sind in den Geschäften in Kiew nach wie vor spürbar. Vor allem Obst- und Gemüsekisten in den betroffenen Supermärkten bleiben leer. Die Fozzy Group hat angekündigt, sie wolle die Knappheit bis zum ukrainischen Unabhängigkeitstag am 24. August durch einen Umbau der Logistik beheben. Weil die Ukraine wegen des Munitionsmangels derzeit keine ballistischen Raketen abfangen kann, könnte es bis dahin noch weitere Treffer geben. Die Befürchtung ist, dass Russland vor dem ohnehin schweren Winter mit unvermeidlichen Strom- und Heizungsausfällen alle wichtigen Verteilzentren der Region zerstören will. Die Systematik der Angriffe ist neu Neu sind Schläge gegen die Logistikinfrastruktur von Supermärkten in diesem Krieg nicht. So hat die Kette ATB, die landesweit mehr als 1300 Geschäfte betreibt und vom Format her in Deutschland mit Lidl verglichen werden könnte, nach Informationen des Online-Mediums Ukrajinska Prawda bereits mehr als 110.000 Quadratmeter an Lagerflächen durch russische Angriffe verloren. Die daraus folgenden Verluste des Unternehmens werden auf umgerechnet knapp 300 Millionen Euro geschätzt. Neu ist allerdings die Systematik der Angriffe - mit dem offensichtlichen Ziel, die Lebensmittelversorgung der ukrainischen Hauptstadt mit ihren rund drei Millionen Einwohnern vor dem Winter so stark wie möglich zu beeinträchtigen. Schon länger ist den ukrainischen Ketten klar, dass das in Friedenszeiten betriebene Modell der großen Verteilzentren für die heutige Situation nicht mehr passt. In Kiew sorgte die Erfahrung der ersten Kriegswochen für ein Umdenken: In den Regalen der Supermärkte klafften damals große Lücken, weil die Hauptstadt damals von den Verteilzentren abgeschnitten war. In der Zwischenzeit wurden diese näher an Kiew herangebracht. Zudem werden Produkte zunehmend direkt, ohne Umweg über die Lager, in die Geschäfte gebracht, was früher fast ausschließlich mit Brot gemacht wurde. Für Lebensmittel, die Kühlung benötigen, ist das eine Herausforderung. Die Praxis zeigt jedoch, dass größere Logistikzentren notwendig bleiben, um Lieferzeiten kurz und die Kosten niedrig zu halten. 400.000 Quadratmeter Lagerfläche sind verloren gegangen Allein der Beschuss vom 5. August hat schätzungsweise 400.000 Quadratmeter an Lagerflächen gekostet. 80.000 bis 100.000 Quadratmeter entfielen auf die ohnehin knappen Kühlhäuser. Laut Ukrajinska Prawda können nur 20 bis 30 Prozent davon schnell ersetzt werden, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Leerstandsquote bei Großlagerhallen um Kiew im ersten Halbjahr von 2026 lediglich bei 2,5 Prozent lag. Bei den sogenannten Trockenlagern geht man zwar davon aus, dass 60 bis 80 Prozent der zerstörten Flächen am Ende ersetzt werden können. Bei Kühlhäusern wird das Problem jedoch automatisch dadurch erschwert, dass hier spezialisierte Infrastruktur gebraucht wird. Die Notumstrukturierung der Lieferketten führt am Ende zu deutlich höheren Kosten. Die Einführung einer dezentralisierten Logistik hat die Ausgaben von ATB etwa bereits um 75 Prozent erhöht. Die Treibstoffkosten sind ebenfalls schon um 50 Prozent gestiegen. Ähnlich ist die Situation bei der Supermarktkette Novus, welche die Differenzen aus eigenen Mitteln ausgleichen muss, was dem Unternehmen zufolge nicht unendlich so weitergehen kann. Während die Branche versucht, zurückhaltenden Optimismus nach außen zu tragen, ist klar, dass Preiserhöhungen für die Verbraucher nur eine Frage der Zeit sind. Wie hoch sie ausfallen werden, hängt direkt von den Folgen der nächsten Angriffe ab. Für die Menschen wäre dies ein weiterer finanzieller Schlag. Laut den jüngsten Einschätzungen der Weltbank hat sich die Armutsquote in der Ukraine im Vergleich zum Kriegsausbruch 2022 verdoppelt, im letzten Jahr lag sie bei 41,6 Prozent. Für rund 70 Prozent der Haushalte hat sich die finanzielle Situation seit 2022 verschlechtert. Und während es eher unwahrscheinlich ist, dass Kiew im Winter aushungert, werden bedeutende Knappheiten bei Milchprodukten, Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst und Kühlwaren kaum zu vermeiden sein.