Angst im Management: BMW, Mercedes und Siemens streichen Führungsstellen
Als vergangene Woche das Intranetportal freigeschaltet wurde, auf dem sich BMW-Mitarbeiter über Abfindungsangebote informieren konnten, brach die Seite rasch wegen Überlastung zusammen. Der Andrang war so groß, dass der Münchner Autohersteller die Informationsbörse vorerst geschlossen hat. Denn das Geld wird im Windhundverfahren verteilt: Wer früh dran ist, kann sogar von einer Turboprämie profitieren, wer zu spät kommt, hat womöglich Pech gehabt.
Ein ähnliches Programm läuft beim Konkurrenten Mercedes. Dort sollen bis zu 500.000 Euro je Abfindungswilligem möglich sein. Doch die Autoindustrie ist beileibe kein Sonderfall. Auch in anderen Branchen versuchen Arbeitgeber, die Fluktuation mit saftigen Anreizen zu erhöhen. Und es sind nicht nur Bandarbeiter und Mechatroniker, die über einen vorzeitigen Abschied nachdenken. Gerade unter Führungskräften reift die Überlegung, lieber mit einer ordentlichen Abfindung einen Neustart zu wagen oder in den Ruhestand zu gleiten, anstatt auf die Kündigung zu warten. Künstliche Intelligenz, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, zu hohe Kosten – der Druck ist schließlich enorm. Unter vielen Managern geht die Angst um.
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Jetzt rächt sich die Chefinflation der guten Jahre
Mancher fühlt sich ein Vierteljahrhundert zurückversetzt. Zur Jahrtausendwende platzte die Dotcom-Blase an den Aktienmärkten. Die große Sause am Neuen Markt hatte die strukturellen Missstände der deutschen Wirtschaft zuvor überdeckt. In den Konzernen schlug die Stunde von Finanzvorständen und Controllern. Betroffen von der Restrukturierungswelle waren viele Manager und Angestellte, die bis dahin nie damit gerechnet hatten, ihren Job zu verlieren. Nicht nur in Frankfurter Bankentürmen endete damals manche Karriere abrupt.
An den grundlegenden Strukturen änderte sich aber wenig. Im Gegenteil, während der satten Jahre ungezügelter Globalisierung wurden in den Unternehmen in trauter Eintracht mit Betriebsräten Wohltaten vereinbart, Führungsposten verteilt und ganze Managementebenen geschaffen. Herausgekommen sind gewaltige Apparate, die vor allem damit beschäftigt sind, sich selbst zu verwalten.
Allein der Siemens-Konzern hatte bis vor Kurzem mehr als 150 Geschäftsführer von Tochterunternehmen. Erst kürzlich beendete eine Strukturreform diese Chefinflation. Die Produktion wurde oftmals längst ins Ausland verlagert. Beispiel Volkswagen: Die Gewinne, die in der Wolfsburger Zentrale lange Zeit verteilt wurden, fuhren zum Großteil die Marken Porsche und Audi sowie das China-Geschäft ein. Doch dieses Deutschland-Modell erodiert im Eiltempo, weshalb in der Heimat sehr genau hingeschaut wird, welches Personal in Zukunft noch gebraucht wird.
Der Algorithmus übernimmt
Der zweite Treiber des Umbruchs ist die Künstliche Intelligenz, die ihr großes Potential auf dem Gebiet der Wissensarbeit entfaltet. Unglücklicherweise betrifft das viele Tätigkeiten, auf die sich die Arbeitskräfte entwickelter Volkswirtschaften in den vergangenen Jahrzehnten spezialisiert haben. Einen Wasserrohrbruch kann ChatGPT nicht beheben – Angebote schreiben, Präsentationen erstellen oder Kostenkalkulationen aufstellen dafür immer besser.
Die Entwicklung gewinnt noch an Dynamik: Nach der Frühphase, in der KI-Modelle in bestehende Prozesse integriert wurden, setzen Unternehmen nun Prozesse auf Basis der KI völlig neu auf und hoffen auf signifikante Produktivitätszuwächse. Für Führungskräfte bedeutet dies nicht nur, dass etablierte Hierarchien bedroht sind. Viele Tätigkeiten übernimmt künftig schlichtweg der Algorithmus.
Gerade in Deutschland geht es jetzt darum, Unternehmen konsequenter an den Bedürfnissen der Kunden auszurichten, dabei Entscheidungen und Umsetzung zu beschleunigen. Geschwindigkeit muss kein Privileg von Start-ups sein. In Leverkusen läuft derzeit das spannendste Managementprojekt der Republik.
Seit Bill Anderson 2023 an die Spitze des Pharma- und Agrarkonzerns Bayer gerückt ist, bleibt dort kaum ein Stein auf dem anderen. Der Amerikaner nahm ganze Managementschichten aus dem Organigramm. Rund 1000 Führungskräfte dürften seitdem auf freiwilliger Basis das Unternehmen verlassen haben. Noch ist das Experiment nicht abgeschlossen. Aber die konsequente Umsetzung und Ausrichtung auf mehr Verantwortung in den Teams ohne quälend lange Umwege über die Reporting-Leiter scheinen bei den Beschäftigten neue Motivation zu schaffen – weil sie das Gefühl zurückerlangen, wieder etwas bewirken zu können. Diesen Mut möchte man gern auch anderswo sehen. Mehr Bayer wagen!