Angst vor möglicher Werksschließung überschattet Produktionsstart des neuen GLA in Rastatt
Der kompakte Geländewagen sollte der Star des Tages werden bei Mercedes-Benz in Rastatt. Doch den offiziellen Start der Serienproduktion des neuen GLA begleitet die Verunsicherung der Beschäftigten, wie am Rande des Termins auf dem Werksgelände deutlich wird.
Berichte über mögliche Mercedes-Werksschließung
Berichte über die Drohung einer Werksschließung in Deutschland gingen dem Event voraus. Damit verknüpft ist die Forderung der Unternehmensführung, die Beschäftigten sollten künftig 40 statt wie bisher 35 Stunden pro Woche arbeiten – ohne Lohnausgleich.
Den GLA feiern? „Ja, das ist wichtig“, sagt ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte. „Aber ehrlicherweise gehen mir gerade andere Sachen durch den Kopf.“ Die Drohung? „Ja. Die muss man ernst nehmen.“
„Viele können das nicht verstehen“, meint eine Mitarbeiterin, die ebenfalls nicht mit ihrem Namen zitiert werden möchte. Man arbeite unter Volllast, im Drei-Schicht-Betrieb, man werde gelobt. Doch das sei alles offenbar nicht genug.
Lob für die Belegschaft in Rastatt
Standortleiter Marco Zwick lobt tatsächlich auch zu Beginn der GLA-Feier wieder den „enormen Einsatz“ und die „große Leidenschaft“. Er sei stolz auf die Leistung in Rastatt. „Hier kennt man sich und arbeitet zusammen, das liebe ich an diesem Standort: das Teamwork“, schwärmt Zwick.
„Ein exzellentes Team, der Dank gilt den 7.000 Kolleginnen und Kollegen, dass sie Modelle auf die Straße bringen, die ihresgleichen suchen“, stimmt Produktionschef Michael Schiebe ein. Er prognostiziert, der GLA werde zum „volumenstärksten Fahrzeug in diesem Werk“.
Wechselbad der Gefühle
Für die Beschäftigten, die im Sommer von der „Produktivitätsoffensive“ des Mercedes-Chefs Ola Källenius und seiner Forderung nach einer 40-Stunden-Woche erfahren haben, ist dieser Tag jedoch auch ein Wechselbad der Gefühle.
Was in Rastatt besonders aufstößt: Im Sommer hat Mercedes-Benz vorgestellt, wie die Produktionskapazitäten bei Mercedes-Benz im ungarischen Kecskemét nahezu verdoppelt wurden. Und eine weitere Zahl lässt Mercedes-Benz gerne wissen: Die sogenannten Faktorkosten lägen in Ungarn rund 70 Prozent unter dem deutschen Niveau: Es geht um Personalkosten, aber auch Ausgaben etwa für Energie oder Logistik.
Man spielt mit der Angst der Beschäftigten.
Sok Yong Lee
IG Metall Gaggenau
Das mögliche Volumen in Ungarn entspreche der Produktionskapazität der deutschen Werke in Rastatt, Bremen und Sindelfingen. „Man spielt mit der Angst der Beschäftigten“, sagt Sok-Yong Lee von der IG Metall Gaggenau.
Das Werk festige mit dem GLA seine Rolle als Kompetenzzentrum für die Produktion von Fahrzeugen des Kompaktsegments, heißt es seitens der Unternehmensführung: „Mit dem Produktionsstart des neuen GLA und den Investitionen in Rastatt stärken wir die Rolle des Standorts im globalen Produktionsnetzwerk von Mercedes-Benz“, sagt Produktionsvorstand Michael Schiebe.
Aktuell wird der neue GLA in der Montagehalle 4.0 gebaut. Zudem investiert Mercedes-Benz nach eigenen Angaben einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag in den Umbau der benachbarten Montagehalle 4.1, in der die Produktion des Modells ab 2027 erfolgen soll.
Digital assistierter Umbau
Für diesen Umbau nutzt Mercedes-Benz abermals den sogenannten digitalen Zwilling: Mithilfe „hochpräziser digitaler Simulationstechniken“ könne die neue Produktionslinie „konfiguriert und optimiert werden, wodurch erhebliche Potenziale bei Bauzeit und Kosten realisiert werden“, so das Unternehmen. Dieses Vorgehen führte demnach bereits beim Umbau der Halle 4.0 im Jahr 2023 zu einer „Rekordzeit“.
„Mit dem GLA läuft in Rastatt ein weiteres Modell einer komplett neuen Fahrzeuggeneration vom Band“, sagt Marco Zwick, Standortverantwortlicher in Rastatt. „Dass die Transformation unseres Werks und der Produktionsanlauf so reibungslos gelingen, ist der Verdienst unseres Teams.“
Entscheidung zur A-Klasse noch offen
Um Platz für die Produktion der neuen Modelle zu schaffen, wurde die bisherige Produktion der A-Klasse bereits nach Ungarn verlagert. Das erste Modell lief in Rastatt 1997 vom Band.
Wo das angekündigte Nachfolgemodell für die A-Klasse ab 2028 angesiedelt werden soll, ist noch nicht entschieden – die Gespräche zwischen Unternehmensführung und Gesamtbetriebsrat dauern an. Standortleiter Zwick sagte, er erwarte „zeitnah“ eine Entscheidung.