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Anhalt: Die AfD will deutsche Ärzte – doch zu welchem Preis?

Nation

Fragt man Salah Layka, was ihm die Menschen in seiner Region täglich entgegenbringen, wird er für einen Moment still. Er räuspert sich, hält inne, überlegt. Schließlich sagt er in beinahe entschuldigendem Ton: „Dankbarkeit.“

Als der Neurochirurg vor rund zwei Jahren in den Harz kam, fand er eine Versorgungswüste vor. Seine Disziplin, erzählt er heute, habe es schlicht nicht gegeben. Operationen an der Wirbelsäule, gar das Entfernen eines Tumors im Kopf? Im Süden Sachsen-Anhalts schlicht nicht möglich.

War ein solcher Eingriff doch nötig, mussten die betroffenen Patientinnen und Patienten aus der Region mit ihren 700.000 Bewohnern mindestens 70 Kilometer fahren. So weit entfernt lag die nächste qualifizierte Klinik.

Inzwischen ist das anders. Layka baute aus dem Stand eine neue Abteilung für Neurochirurgie auf, führte seither nach eigenen Angaben gut 1000 Operationen durch und behandelte 4000 Patienten. Heute ist er als Leiter für drei Standorte zuständig: Quedlinburg, Wernigerode und Blankenburg.

Das sei eine spürbare Verbesserung für die Menschen in der Region, sagt Layka: „Neurochirurgische Probleme sind häufig, und die Patienten freuen sich, dass sie jetzt wohnortnah versorgt werden können.“

Jeder vierte Arzt ohne deutschen Pass

Doch geht es nach der AfD, soll dies in Zukunft nicht mehr so einfach möglich sein. In ihrem Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt fordert die Partei, die in den Umfragen klar vorn liegt, „alles dafür zu tun, künftig nicht mehr auf ausländische Ärzte angewiesen zu sein“.

Die Argumentation der AfD ist simpel: Ärzte aus dem Ausland seien, so heißt es im Programm, „wegen der Sprachbarriere und kultureller Differenzen oft kaum geeignet, unsere Bürger richtig zu behandeln“. Deshalb müssten sie schnellstmöglich durch deutsche Kollegen ersetzt werden. „Medizinstudenten statt Importärzte“, lautet die Losung der AfD.

Damit ist auch Layka gemeint. Der Mediziner stammt aus Latakia, einer Hafenstadt in Syrien. Kurz vor Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2011 kam er nach Deutschland, um eine Facharztausbildung zu machen – und dann, so zumindest der Plan, zurück in die Heimat zu gehen. Doch es kam anders. Nach Stationen in Kiel, Bremen und Braunschweig landete er schließlich im Harz.

Spricht man ihn auf die Pläne der AfD an, reagiert er spürbar irritiert. „Niemand wird es schaffen, die medizinische Versorgung in Deutschland ohne ausländische Ärzte aufrechtzuerhalten“, sagt er. „Wenn die ausländischen Ärzte, die jetzt hier arbeiten, weggehen würden, würde die Versorgung zusammenbrechen.“

Tatsächlich ist Sachsen-Anhalt in hohem Maße abhängig von der Arbeit ausländischer Ärztinnen und Ärzte. Laut jüngsten Zahlen der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, die der „Mediendienst Integration“ erfragt hat, hatten zuletzt rund 27 Prozent der Mediziner in den Krankenhäusern des Landes keinen deutschen Pass – also mehr als jeder Vierte.

Nimmt man jene Ärzte hinzu, die in Praxen, Behörden oder Bereichen arbeiten, liegt der Anteil mit fast 19 Prozent zwar etwas niedriger – doch immer noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt von rund 16 Prozent.

Rein numerisch arbeiten dabei die meisten ausländischen Ärzte in Großstädten wie Magdeburg oder Halle. Besonders abhängig von ihnen sind jedoch die ländlichen, ohnehin oft unterversorgten Regionen. Im Altmarkkreis, der zu den am dünnsten besiedelten Kreisen Deutschlands gehört, liegt der Anteil von Ärzten ohne deutschen Pass bei 29 Prozent. In Dessau-Roßlau sogar bei über 34 Prozent. Und im Harz, wo Salah Layka arbeitet, bei 28 Prozent.

„Mehr als jede und jeder vierte unserer Ärztinnen und Ärzte hat eine internationale Biografie – 76 von 280“, sagt auch Dr. Matthias Voth, Geschäftsführer des Harzklinikums – also Laykas Arbeitgeber. „Ohne sie wäre die Versorgung von rund 100.000 Patientinnen und Patienten im Jahr nicht in dieser Qualität möglich.“

Und Layka sagt, dass rund die Hälfte seines Teams einen internationalen Hintergrund habe.

Warnungen vor Versorgungskrise

Beide sind sich einig: Würden die Pläne der AfD nach der Wahl umgesetzt, stünde das Land vor einer veritablen Versorgungskrise.

Entsprechend alarmiert zeigen sich auch andere Versorger und Verbände im Land. Die Ärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalts warnen etwa in einer gemeinsamen Erklärung, dass „eine flächendeckende Versorgung ohne ausländische Kolleginnen und Kollegen“ nicht mehr möglich sei. Die Folge wären längere Wartezeiten, Schließungen und Qualitätsverlust. Der AfD‑Vorstoß stehe „im klaren Widerspruch zur Realität der Versorgungssituation in Sachsen-Anhalt“.

Das Diakonissenhaus, das in Sachsen-Anhalt Dutzende Versorgungszentren betreibt und 600 Menschen beschäftigt, warnt zudem, dass in den kommenden Jahren ein Gutteil seines pflegenden und medizinischen Personals in den Ruhestand wechseln werde. Da brauche es dringend Nachwuchs – den es im Land schlicht nicht gibt.

Denn Sachsen-Anhalt schrumpft so stark wie kein anderes Bundesland. Seit der Wiedervereinigung hat das Land rund ein Viertel seiner Bevölkerung eingebüßt. Vor allem junge Frauen mit guter Ausbildung verlassen Sachsen‑Anhalt. Übrig bleiben Ältere und Männer mit geringem Bildungsgrad. Schon heute hat Sachsen-Anhalt mit im Schnitt 48,3 Jahren Deutschlands älteste Bevölkerung. Gleichzeitig fehlen laut Zensus rund 14.000 qualifizierte Arbeitskräfte.

Verstärkt wird dieser Trend durch die allgemeine demografische Entwicklung: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen vermehrt in Rente, während immer weniger Kinder geboren werden. 2025 wurden gerade einmal 12.000 Geburten verzeichnet – so wenige wie noch nie.

Den Gesundheitsbereich stellt dies vor ein kaum zu lösendes Problem: Eine immer älter werdende Gesellschaft braucht auch immer mehr Versorgung. Es gibt aber immer weniger Menschen, die das leisten können.

Sorge vor abschreckender Wirkung

Die AfD will dem mit einem Ausbau von Studienplätzen begegnen – und Absolventen, deren Studium das Land finanziert hat, dazu verpflichten, mindestens zehn Jahre in ländlichen Regionen zu praktizieren.

Sollte die AfD tatsächlich an die Regierung kommen und ihre Pläne umsetzen, würden noch Jahre vergehen, bis diese Regelung greift. Bis dahin müssten die Menschen auf rund ein Viertel der Versorgung verzichten,

Doch ob nun eine Regierung mit oder ohne AfD: Die Verunsicherung bei den Medizinern ist jetzt schon groß. Viele fragten sich, sagt Layka, ob sie noch eine Zukunft in Sachsen-Anhalt hätten, ob sie noch gewollt seien.

Gerade erst, erzählt Layka, habe ein Arzt aus seinem Team ihm mitgeteilt, dass er nach Katar gehen würde. Dort gebe es eine bessere Bezahlung und „eine freundlichere Atmosphäre“.

Layka selbst gibt sich entspannt. Ihm ist die Region ans Herz gewachsen, er fühlt sich wohl. Mit seiner Arbeit wie mit den Menschen. „Aber wenn man mich nicht mehr will, dann finde ich mit meiner Qualifikation sofort etwas anderes“, sagt er. Ob in einem anderen Bundesland oder im Ausland, er bekomme schon jetzt regelmäßig Angebote.

„Wir Ärzte würden nicht leiden“, sagt er. „Sondern die Patienten.“

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