Anja Kruse: „Jeder tätowierte Hiwi bei RTL ist ein Star. Ich bin ein Profi und war ein Quotenhit“
Audioplayer wird geladen Anzeige Sie möchte ungestört reden. Deshalb bittet Anja Kruse in das Separee eines Cafés. Wenn es möglich sei, suche sie ihre Ruhe, sagt die Schauspielerin, die in einem Landhaus am Stadtrand von Salzburg wohnt. Aufregend war ihr Leben schon zur Genüge. Geprägt nicht zuletzt durch ihre tragenden Rollen in quotenstarken Fernsehserien. Über 20 Millionen Menschen schalteten in den 1980er-Jahren „Die Schwarzwaldklinik“ ein, in der sie als leukämiekrankes Kindermädchen Claudia die große Liebe von Dr. Udo Brinkmann (Sascha Hehn) spielte. Ihre längste Rolle verkörperte sie in 38 Folgen der Erfolgsserie „Forsthaus Falkenau“, in der sie als Tierärztin bei einem Reitunfall ums Leben kommt. Heute steht die Schauspielerin öfter auf Theaterbühnen als vor Filmkameras. Darüber hinaus entwickelt sie Live-Programme, die Lesungen, Musik und Gesang verbinden und von ihren persönlichen Lebenserfahrungen geprägt sind. Gefeiert wurde sie zuletzt 2022 für ihre Rolle in der von Hollywood-Komponist Harold Faltermeyer produzierten Bühnen-Komödie „Brauchen Sie ’ne Quittung?“. Am 5. August wird sie 70. Aber Probleme mit dem Älterwerden oder gar Angst vor dem Tod habe sie als praktizierende Buddhistin nicht, sagt sie leise und unaufgeregt. Anzeige WELT: Wann haben Sie das letzte Mal gefochten? Anja Kruse: Oh, das ist schon einige Zeit her. Das genaue Jahr kann ich Ihnen gar nicht sagen. Jedenfalls war es im Theater an der Kö in Düsseldorf. Wir spielten eine Filmszene nach mit Mantel und Degen. Ich hatte einen Heidenspaß. Fechten gehörte in meiner Schauspielschule zur Grundausbildung, es war mir auf den Leib geschneidert. Anzeige WELT: Welche Waffengattung mögen Sie besonders? Lesen Sie auch Artikeltyp :AdvertorialWissen für Sparer Kruse: Mit Säbel oder Florett habe ich nie gefochten. Der Degen als schwerste und längste der drei Waffengattungen eignet sich fürs Bühnenfechten auch am besten, weil es immer um sehr große, ausladende Bewegungen geht. Es hat ja nichts mit Sportfechten zu tun. Das habe ich mir angeschaut und dachte: Wie langweilig ist das denn! Mit kleinen Bewegungen nur aus dem Handgelenk setzen die Sportler ihre Treffer. Das finde ich fad. Ich war auch schon immer ein Mantel-Degen-Film-Fan. Es muss schon ein wenig zugehen wie bei „Romeo und Julia“ oder bei „Cyrano de Bergerac“ ... WELT: … jener französischen Tragikomödie, in welcher der Dichter Cyrano de Bergerac im Paris des 17. Jahrhunderts seinen Degen genauso meisterhaft wie seine Worte einsetzt. Kruse: Man möchte die großen Schwünge sehen, richtig Action erleben, ja, es sollte richtig draufgehauen werden (lacht). Lesen Sie auch Weltplus ArtikelMonica Bellucci WELT: Was fasziniert Sie an solchen Action-Szenen mit Degen? Kruse: Wenn es gut choreografiert ist, geht mein Herz auf. Dann fließt Adrenalin. WELT: Das ist aber auch nicht ganz ungefährlich. Haben Sie sich bei Ihren Fechteinlagen je verletzt? Kruse: Wenn wir bis nachts um zwei geprobt haben, ließ irgendwann die Konzentration nach, sodass man schon mal einen Degen abbekam, was sich anfühlte wie ein Peitschenhieb auf dem Rücken. Ganz ohne Striemen ging es nicht ab. Ich hab’s überlebt (lacht). Tatsache ist aber auch, dass das Fechten mir einiges fürs Leben mitgegeben hat. WELT: Was konkret? Kruse: Ich bekam ein ganz anderes Körperbewusstsein, insbesondere was Körperhaltung und koordinierte Bewegungen betrifft. Man lernt auch noch viel genauer, auf Mitmenschen zu achten, sowie schneller und richtiger in Situationen zu reagieren, in denen eine Aktion oder Reaktion erfolgt, die nicht wie gedacht abläuft, egal, ob auf einer Bühne, vor einer Kamera oder im Privatleben. Darin bin ich richtig gut. Ein klein wenig liegt das aber auch in meiner Mentalität als Ruhrpott-Prototyp. (lacht). WELT: Sie sind in Essen geboren und aufgewachsen. Was macht einen Ruhrpott-Prototypen denn aus? Kruse: Die Mädels von dort lassen sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Die stehen mit beiden Beinen fest im Leben. Sie verkörpern eine gute Mischung aus einer gewissen Rotzfrechheit und herzlicher Empathie. Jedes Mal, wenn ich wieder dort bin, fühle ich mich unter meinesgleichen. WELT: Wie äußert sich Ihre Rotzfrechheit? Kruse: Indem ich zur passenden Gelegenheit einen lockeren, flockigen Spruch raushaue, allerdings ohne jemanden damit verletzen zu wollen. Ich bin aber auch alles andere als angepasst. Klar, manchmal muss man sich an gewisse Gegebenheiten anpassen, aber dann knirsche ich nachts mit den Zähnen, anstatt mir anders Luft zu verschaffen. Als Kind habe ich gelernt: Wer brüllt, hat meistens schon verloren. Wenn mir im Privaten jemand blöd kommt, gehe ich dem aus dem Weg, eine Konfrontation ist mir zu anstrengend. Allerdings, wenn mir beruflich einer so richtig auf den Schlips tritt, kann ich auch aus der Haut fahren, kann ich auch subtil fies sein. WELT: Nennen Sie doch mal ein Beispiel. Kruse: Mir platzte mal der Kragen, als ich in einer italienischen Produktion mit einem unsäglichen Darsteller spielen musste. Ich schaute in dumpfbackige, leere Augen irgendeines Schönlings, der meinen Sohn spielte und seinen Text abliefern musste. Freundlich habe ich ihm gesagt, dass ich ihn nicht für den Gegenschuss brauche, also für unseren Dialog, bei dem die Kamera abwechselnd die sprechende und die zuhörende Person zeigt. Daraufhin blies er sich unheimlich auf, was ihm aber nichts nutzte. Das Drehteam hatte ich auf meiner Seite. Ich bat den Kameramann, anstelle des seltsamen Typen ein Möbelstück hinzustellen, auf das ich lieber schaue als in ein leeres Gesicht, was mir die Konzentration raubt. Lesen Sie auch Weltplus ArtikelBuddhismus in Taiwan WELT: Zuletzt sprachen Sie auch oft Klartext, wenn es um Altersdiskriminierung und den Jugendwahn im Filmgeschäft geht. Als noch „schlimmer“ bezeichnen Sie nur noch „die Influencer, die ausgebildeten Schauspielern die Rollen wegnehmen“. Macht es heute, mit nun fast 70, überhaupt noch Spaß, vor der Kamera zu stehen? Kruse: (überlegt lange) Wenn die Rolle passt, sehr gerne. Ich würde auch nicht nein sagen, wieder Teil einer Serie zu sein. Allerdings dürfte sie nicht über Jahre gehen. Dafür liebe ich zu sehr meine Freiheit. Und ich will auch nicht ungerecht sein. Sicherlich gibt es unter Influencern auch mal ein Naturtalent, eine Perle, obwohl ich noch keine kennengelernt habe. Selbst wenn es eine Ausnahme geben sollte, könnte ich mit der nicht spielen. Eine große Reichweite in sozialen Netzwerken ersetzt nun einmal keine schauspielerische Ausbildung. WELT: In der deutschen Fernsehbranche waren Sie in den 80er-Jahren einer der größten Stars. Was macht das mit Ihrem Selbstwertgefühl, wenn heute Influencer Schauspieler überstrahlen? Kruse: Bitte lassen Sie das mit dem Star. Das ist so ein inflationärer Begriff. Jeder tätowierte Hiwi bei RTL ist ein Star. Ich bin ein Profi und war ein Quotenhit. Ich bin, was ich bin, und weiß, was ich kann. Wenn ich abends auf der Bühne stehe, bekomme ich riesigen Applaus vom Publikum und Wertschätzung vonseiten des Theaters und der Kollegen. Was will ich mehr? Mein Selbstwertgefühl hat sich nie an meiner Popularität festgemacht, sondern einzig und allein an dem, was ich in meinem Beruf abliefere. Das können Sie mir als Arroganz auslegen, aber ich weiß auch sehr wohl, dass ich noch Luft nach oben habe. Ich bin sehr selbstkritisch mit mir. WELT: Im Herbst sind Sie wieder in Köln im Theater am Dom zu sehen. In der Realsatire über die Deutsche Bahn „Schlaflos in Hamm“ spielen Sie die Hauptrolle. Was ist Ihnen wichtiger – Theater oder Film? Kruse: Theater. Ich bin ein Theaterkind. Ich habe nie etwas anderes gewollt. Das mit dem Fernsehen und den Kinofilmen ergab sich zufällig. Ich bin dankbar für die großen Chancen, die sich mir geboten haben, für die vielen Türen, die sich dadurch öffneten, für die wunderschönen Rollen, die ich spielen durfte. Meine Heimat aber ist das Theater. Dort entwickelt man sich weiter und lernt immer etwas Neues. WELT: Wie lange wollen Sie noch auf der Bühne oder vor der Kamera stehen? Kruse: Ich habe nicht vor aufzuhören. Ich kenne einen Satz, der heißt: Bis ich umfalle. Der klingt drastisch, ist doch aber schön. WELT: Ernsthaft? Sie würden auf der Bühne sterben wollen? Kruse: Diese Situation möchte ich den Zuschauern nicht zumuten. Ich halte es da nicht mit Molière. WELT: Der legendäre französische Autor und Schauspieler aus dem 17. Jahrhundert. Während der Aufführung seines Stückes „Der eingebildete Kranke“ hatte er einen schweren Blutsturz, spielte unter großen Schmerzen zu Ende, brach danach zusammen und verstarb später in seiner Wohnung. Kruse: Wenn es um Tod und Sterben geht, würde ich am liebsten verschwinden, ohne dass darum ein riesiges Theater gemacht wird. Auch bei Geburtstagen mag ich kein Bohei. Zu meinem 70. haben mich Freunde nach England zum berühmten Glyndebourne-Opernfestival eingeladen. In der Pause wird auf der Wiese ein Champagner-Picknick serviert. Das finde ich cool. Lesen Sie auch WELT: Sind Sie als fast 70-Jährige glücklich? Kruse: Sehr sogar. Durch den Buddhismus habe ich gelernt, mich nicht über Äußerlichkeiten, über die Erfüllung von Wünschen, über das Materielle zu definieren. Seit ich den Buddhismus praktiziere, ihn zur Grundlage meines Lebens gemacht habe, bin ich wesentlich gelassener und viel ausgeglichener, weil ich mich im Kontext aller Menschen und des Universums sehe, in dem wir alle unseren Platz haben, gleichwertig und ohne Statussymbole. Wenn man Mitgefühl, Verantwortung und das Prinzip von Ursache und Wirkung in seinem Leben verankert, bekommt alles eine neue Dimension. Ich habe Fremdschuldzuweisungen abgebaut, die der Mensch sehr gern macht. Und ich komme viel besser mit Schwierigkeiten zurecht, denn mir wurde bewusst, dass sie für die Entwicklung unerlässlich sind und es stets Hoffnung gibt, alles zu ändern, und zwar aus eigener Kraft. WELT: Das klingt, als würde Ihnen der Buddhismus eine besondere Widerstandskraft geben. Wie hilft er Ihnen, wenn Ihre Kräfte nachlassen oder jemand stirbt, der Ihnen sehr nahestand? Kruse: Dann akzeptiere ich das, weil es dann so sein soll. Als Buddhistin glaube ich an die Reinkarnation. Wer stirbt, wird irgendwo ein neues Leben beginnen. Für uns ist der Tod ein Neubeginn. Wenn ich etwas nicht unter Kontrolle habe, setze ich mich vor meinen Altar und die Schriftrolle und chante einfach. Das zentrale Mantra des Sprechgesangs nennt sich Nam Myoho Renge Kyo und bedeutet so viel wie: Ich bin Teil des Universums und erkenne die Gesetze des Universums an. WELT: Für den Buddhismus hat Sie in den 1990er-Jahren Ihr damaliger Ehemann, der Regisseur Jean-Louis Daniel, begeistert. Von ihm haben Sie sich 2008 getrennt, sind seitdem Single. Ist diese Lebensform auch mit ein Grund für das Glück, dass Sie im Alter empfinden? Kruse: An einem Mann mache ich mein Glück nicht fest. Das gehört auch nicht zu meinen Wünschen, denn es kommt immer anders als man denkt. Das Leben geht nun mal nicht immer die Wege, die in die eigene Zufriedenheit führen. Ich möchte meinen Weg finden und dabei möglichst dauerhaft glücklich sein. Wenn der Mann eines Tages dazugehören sollte, dann soll es so sein. WELT: Aber eine neue Beziehung würde auf Ihrer Lebenswunschliste nicht mehr ganz oben stehen? Kruse: Sicherlich, ich bin offen für alles. Aber ich würde nicht im Traum auf die Idee kommen, mich auf ein Speed-Dating einzulassen. Oder mich bei Parship anzumelden oder bei Tinder oder zu Single-Partys gehen - um Gottes Willen, nein! Man darf vor allem eines nicht tun, und zwar sein Lebensglück an einem anderen Menschen festmachen. So etwas geht voll in die Hose. WELT: Sie sagten mal, Ihr Glück wäre vollkommen, wenn Sie mit einem Oscar in der Hand an der Seite des Mannes, den Sie lieben, bei Sonnenschein eine einsame Skipiste herunterwedelten. Träumen Sie davon noch immer? Kruse: In diese Vorstellung habe ich alles Ultimative gepackt, was mir in den Sinn kam, und dachte, es sei witzig – ist es ja auch (lacht). Mein großer Wunsch ist es, dass die Caster bei Besetzungen danach gehen, welches Bild ein Darsteller verkörpert, wie er rüberkommt, was er schauspielerisch kann und nicht zuerst auf das Alter schauen. Die Frauen meiner Generation sehen einfach besser aus als unsere Mütter früher, weil wir uns anders ernähren, Sport treiben, eine andere Pflegeroutine haben. Und trotzdem werden wir heute oft wieder behandelt wie Frauen in den 1950er-Jahren. WELT: Wie meinen Sie das? Kruse: In den 50er-Jahren waren Frauen meines Alters richtig alt und spielten allenfalls Großmütter und Urgroßmütter. Eine Großmutter könnte ich theoretisch sein. Doch was passiert heute? 40-jährige Kolleginnen werden für Großmutter-Rollen auf alt geschminkt. Was soll der Quatsch? Es gibt genügend wunderbare und talentierte Schauspielerinnen im passenden Alter. Zur Person: Anja Kruse Am 5. August 1956 in Essen geboren, studierte Anja Kruse nach dem Abitur an der Folkwang Universität Schauspieltanz und Gesang. Bevor sie vom Fernsehen entdeckt wurde, spielte sie seit Ende der 70er-Jahre deutschlandweit auf Theaterbühnen. 1984 gelang ihr mit der Hauptrolle im ZDF-Mehrteiler „Die schöne Wilhelmine“ der Durchbruch. Sie erhielt die Goldene Kamera als beste Nachwuchsschauspielerin. Mit Serien wie „Die Schwarzwaldklinik“ oder „Forsthaus Falkenau“ setzte sie ihren Erfolg fort. Ein Jahrzehnt lebte sie in Paris, spielte seitdem auch in internationalen Filmproduktionen mit. 2013 erschien ihr Buch „Mein Weg zu Buddha“. Sie ist passionierte Skirennläuferin und Reiterin, gibt Medien- und Coachingkurse, ist geschieden und wohnt in Salzburg.