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Anlage-Abzocke: Frau wollte in Krypto investieren

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Sie wollte in Krypto investieren – jetzt ist sie vorbestraft und hoch verschuldet

Von: Dominik Stallein

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Sie war Beamtin mit einem satten Geldpolster. Jetzt ist sie vorbestraft und pleite. Eine Frau aus der Region wurde Opfer einer krassen Anlage-Abzocke.

Bad Tölz-Wolfratshausen/Weilheim-Schongau – Wolfratshausen – Ersparnisse von 40.000 Euro auf dem Sparbuch, sicherer Job und der Wunsch nach finanzieller Freiheit: So geht die Geschichte der Frau aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen los. Hoch verschuldet, arbeitslos, und vorbestraft: So hört sie auf.

Sie wollte in Krypto investieren – jetzt ist sie vorbestraft und hoch verschuldet: Die Anlage-Abzocke

Und viele glauben, sie hätten es besser gewusst. Sie wären aus dem ganzen Betrug doch viel früher ausgestiegen – oder? Simon Bräutigam kennt die Geschichte der Wolfratshauserin bis ins Detail. Er ist Berater bei der Kriminalpolizei. Den Fall der Frau nimmt er regelmäßig als Beispiel in seinen Vorträgen. Dann sitzen ihm Menschen gegenüber, die alle nicht wissen, ob sie den Absprung geschafft hätten. Denn ist man einmal im Kreis gefangen, läuft man weiter.

Ein Prozent. Das ist nicht viel. Für die Altersvorsorge oder den schnellen Wohlstand ist es auf jeden Fall zu wenig. Als die 37-Jährige im Internet recherchiert, findet sie viele deutlich lukrativere Angebote. Als sie sich für eine Krypto-Anlage entschieden hat, läuft es eine ganze Zeit fantastisch mit ihrem Ersparten. Ziemlich plötzlich ist die Beamtin ziemlich reich. Die Frau hatte 40.000 Euro angespart aus ihrem Job im öffentlichen Dienst. Mehr möchte Bräutigam über ihre Identität nicht verraten. In diesem Artikel nennen wir die Frau Rebecca M.

Für die Altersvorsorge hat sie Google gefragt - und ging

Rebecca M. hat nach Kryptowährungen gegoogelt. Von denen hört man immer wieder – und von den absurd hohen Gewinnen, die man damit erzielen konnte. Sie findet einige interessante Angebote. Eins klingt besonders verlockend. Vor allem, weil sie es erstmal mit einem kleinen Risiko testen kann. Mit einem Startkapital von 250 Euro steigt sie ein. Sie installiert eine App auf ihrem Smartphone, das ihr jederzeit den aktuellen Stand der Anlage zeigt. Einen Broker hat sie davor am Telefon gesprochen. Der versuchte sie noch zu überreden, dass M doch gleich mit einer höheren Summe einsteigen könnte. Sie blieb hart. Der Broker bleibt zuversichtlich: Sie wird nachlegen – die geringe Summe „werden sie bereuen“. Als sie am nächsten Morgen nachschaut, schmunzelt sie. Er hatte Recht. Aus 250 wurden 385 Euro. Das zeigt ihr ihr Tool ganz deutlich an. Alles sieht professionell aus. Warum sollte sie zweifeln?

M. will mehr. Viel mehr. Sie investiert ihre gesamten Ersparnisse. 40.000 Euro.

Und es läuft prächtig. Die Anlage steigt kontinuierlich. Aus den 40 werden 90.000 Euro. Und immer wieder meldet sich der Broker bei ihr. Sie soll Geld nachschießen, so könnte sie ihre Gewinne noch weiter steigern. M hat nichts mehr, was sie investieren kann. Dann rechnet ihr der Broker vor, was sie verpasst: Ein Kredit kostet vielleicht sechs Prozent der Summe – „125 Prozent kriegen Sie bei uns“. Und weil die Zahlen seit Monaten wirklich gut aussehen, lässt sich die 37-Jährige überzeugen. 10.000 Euro leiht sie sich von einer Bank. Die Entscheidung sieht goldrichtig aus. Nach ein paar Monaten sieht sie 140.000 Euro auf der Anzeige ihrer App. Dann braucht M Geld.

Sie hat kleinere, familiäre Schwierigkeiten. Nichts wildes. Aber den 10.000-Euro-Kredit kann sie aktuell nicht abbezahlen. Wofür hat man Ersparnisse? M ruft ihren Broker an. Sie bräuchte 20.000 Euro von ihrer Krypto-Anlage wieder.

So leicht ist es nicht.

Bei der Auszahlung gibt es plötzlich Probleme

Der sonst fordernde, aber nette Broker wird unfreundlicher. „Haben Sie die AGBs nicht gelesen?“ Man kann nicht nur einen Teil abheben. Das hätte sie doch wissen müssen. Sie wusste das nicht. Und konnte sich auch nicht an so einen Absatz erinnern. Wer liest schon die AGBs so genau. Der Broker bleibt dabei: Entweder alles oder nichts. Ob sie das wirklich will, will der Mann wissen. Wenn sie die 140.000 Euro in der Anlage lässt, wird es immer mehr. „Wenn das Geld bei Ihnen ist, verdienen Sie damit kein Geld.“ M hat aber keine Wahl. Sie braucht das ganze Geld zurück.

Auch das klappt nicht so einfach.

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Er erinnert sie noch einmal an die AGB. Natürlich kann sie das Geld haben. Aber ein paar Kosten werden davor fällig: Steuern, Gebühren, Agio – Broker-Kauderwelsch, das sie nicht versteht. Was sie versteht: Sie muss Geld vorstrecken. Eine ganze Stange Geld. 33.000 Euro müsste sie noch auslegen, dann kriegt sie ihren Reichtum endlich ausbezahlt. So viel hat sie natürlich nicht einfach zu Hause herumliegen. Und der Broker lässt nicht mit sich verhandeln: Er möchte das Geld nicht auszahlen und hoffen, dass sie es zurückbezahlt. „Bei den ganzen Betrügern im Internet“ könne er dieses Risiko nicht eingehen.

Sie hat keine Wahl. Sie leiht sich Geld. Schon wieder.

Diesmal gerät sie an eine Quelle, „von der es keinesfalls ratsam ist“, sich Geld zu leihen, erklärt Kriminalhauptkommissar Simon Bräutigam. Sie überweist das Geld an den Broker. Dort kommen sie aber offenbar nie an. Ständig gibt es Probleme bei der Rückzahlung der 140.000 Euro. Angeblich liegt es an ihrer technischen Unfähigkeit. Sie gerät unter Druck. Der Gläubiger der 33.000 Euro will sein Geld zurück. Er wird recht ungemütlich. Zum Glück hat der Broker eine Idee. Er vermittelt die inzwischen ziemlich verzweifelte Wolfratshauserin an einen Bekannten, der ihr ein Angebot machen kann.

Der Mann engagiert sie als „Traderin“. Das läuft so: Auf ihrem Konto müsste er immer mal wieder Geld parken, das sie nach geraumer Zeit an ein anderes Konto im Ausland überweist. 20 Prozent darf sie behalten. Das reicht über Monate, um den Gläubiger zu bedienen. Bis sich die Kripo bei ihr meldet. Gegen sie wird ermittelt. M hat als „Finanzagentin“ gearbeitet und damit Geldwäsche unterstützt. „Das stellt ein schweres Vergehen dar“, erklärt Bräutigam. Sie muss sich nicht nur für die 20 Prozent verantworten – „sie ist für die gesamte Summe voll verantwortlich“.

Aus dem Opfer wird plötzlich eine Täterin – unfreiwillig

Für M wird die Situation immer dramatischer: Sie ist Opfer einer langen und großen Betrugsmasche – und ist plötzlich ohne es zu wissen selbst zur Beschuldigten geworden. Es ist der Moment, in dem alles platzt. Die 40.000 Euro Erspartes sind weg. Genauso wie der Kredit über 10.000 Euro und die 33.000 Euro. Nichts davon wurde jemals angelegt, alles war eine Lüge. Durch die Kreditzinsen hat sie noch mehr Geld verloren. Sie wird verurteilt, die Strafe ist erheblich. Als Vorbestrafte verliert sie ihren Job im öffentlichen Dienst. Arbeitslos hat sie Schulden in Höhe von weit über 100.000 Euro.

Simon Bräutigam hat dieser Fall lange beschäftigt. Immer wieder stellte er sich dieselbe Frage: Wann wären andere ausgestiegen? Er glaubt: In dem Moment, wo sie einmal investiert hat, war sie im Kreislauf gefangen. „Sie hatte schon so viel investiert – nur noch dieses eine Mal, dann hätte sie das Geld zurück“, habe sie gedacht. Ein Trugschluss. Die superlukrative Anlage in Litauen war eine Luftnummer. „Lieber kriege ich ein Prozent bei einer regionalen Bank – das bekomme ich wenigstens in jedem Fall wieder.“ Immer wieder lernt der Fachberater Opfer von Anlage-Abzockern kennen. „Es sind die jungen Menschen, Jahrgänge aus den 1990er-, 80er- und 70er-Jahren, die fassungslos den Kopf über die Alten schütteln, die ihr Geld einem Fremden an der Haustür geben. Was Bräutigam nicht versteht: „Die gehen dann nach Hause, fahren den Computer hoch und überweisen ihr Geld an ‚wirklich seriöse Broker in Großbritannien‘ mit litauischer IBAN.“

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