Anschlag auf CSD in Berlin: +++ Iraner war im Visier der Ermittler - zweiter Tatverdächtiger kommt frei +++ Liveticker
Ein zweiter Verdächtiger im Zusammenhang mit dem Anschlag auf den Christopher Street Day ist am Sonntagabend wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen worden. Wie der „Spiegel“ unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtet, erhärtete sich der Verdacht gegen den Iraner nicht. Zeugen hatten angegeben, ihn beim Verlassen des weißen Transporters gesehen zu haben, der als Tatfahrzeug gilt. Die Untersuchung des Wagens ergab demnach jedoch keine Hinweise darauf, dass der Mann darin gesessen hatte. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilt den islamistischen Anschlag. „Wo Menschen aufgrund ihrer Identität oder ihrer Lebensweise zur Zielscheibe von Gewalt werden, werden die Grundwerte unseres Zusammenlebens angegriffen“, teilte der islamische Dachverband mit. „Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern, ihren Angehörigen sowie allen Menschen, die diese schreckliche Tat miterleben mussten.“ Sollte es sich tatsächlich um eine islamistische Tat handeln, dann sei Religion für Hass und Gewalt missbraucht worden, hieß es. „Gewalt gegen Unschuldige findet im Islam keine Rechtfertigung. Wer Religion instrumentalisiert, um Hass zu schüren oder Gewalt auszuüben, handelt gegen die ethischen Grundsätze des Islam und missbraucht den Glauben für menschenverachtende Ziele.“ Islamismus-Expertin Claudia Dantschke von der Beratungsstelle „Grüner Vogel“ sagt zur islamistischen Gefahr in Deutschland: „Die Gefährdung ist latent und vollzieht sich in Wellen. Kurz vor Wahlen wird sie oft stärker.“ Im September stehen Landtagswahlen an – in Sachsen-Anhalt, in Mecklenburg-Vorpommern und auch in Berlin. Die Beratungsstelle „Grüner Vogel“ ist in der Islamismus-Prävention tätig. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) äußert großes Unverständnis über die von einem Berliner Gericht verhängte Bewährungsstrafe für den mutmaßlichen Attentäter. „Im Ergebnis war das auf jeden Fall eine Katastrophe“, sagte Herrmann im Bayerischen Rundfunk. „Und es müssen sich auch die Richter, die einen solchen Fall zu beurteilen haben, natürlich schon bewusst sein, welche Verantwortung sie da auch für die Sicherheit der Menschen haben.“ Angesprochen auf die Sicherheitslage in Bayern sagte Herrmann, dass es auch im Freistaat Menschen gebe, die unter besonderer Beobachtung stünden. „Wir haben mehrere Gefährder, die in Haft sind. Wo immer es möglich ist, werden solche Personen in Haft genommen oder – wenn sie ausländische Staatsangehörige sind – außer Landes gebracht.“ Er könne aber auch in Bayern keine hundertprozentige Sicherheit garantieren. Der Vorsitzende der Jungen Union (JU), Johannes Winkel, fordert Erwachsenenstrafrecht für alle Gefährder. „Die Politik darf nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern muss den gesamten Rechtsrahmen überprüfen und aus dem Fall die Konsequenzen ziehen“, sagte Winkel dem „Stern“. Mehr Reaktionen lesen Sie hier. Die Veranstalter des Christopher Street Day (CSD) in Berlin warnen vor vorschnellen Urteilen und Wertungen. „Wir wollen nicht, dass diese Tat für politische Zwecke instrumentalisiert wird oder Menschen unter Generalverdacht gestellt werden“, sagte ein Sprecher vor Journalisten in Berlin. „Hinter solcher Gewalt steckt der Versuch, unsere Gesellschaft zu spalten und Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Das werden wir als Berliner CSD nicht zulassen.“ Nötig seien jetzt Besonnenheit und Anteilnahme mit den Opfern und ihren Angehörigen, so der Sprecher. „Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen, sondern warten die laufenden Ermittlungen der Polizei ab.“ Klar sei, dass der Berliner CSD-Verein jede Form von Gewalt ablehne. „Ideologische, also religiöse Ideologien oder rechte Ideologien verfolgen beide das Ziel, queere Menschen zu unterdrücken.“ Der Berliner CSD stehe für Zusammenhalt, Respekt und Solidarität. Nach dem Terroranschlag in Berlin ist das Brandenburger Tor in den Regenbogenfarben angeleuchtet worden. Die Farben gelten als Symbol der queeren Szene und stehen für Vielfalt und Toleranz. Sie sind seit Sonnenuntergang an das Wahrzeichen in Berlins Mitte projiziert. Der Extremismus-Berater Thomas Mücke vom Violence Prevention Network (VPN) teilt im ARD-„Brennpunkt“ weitere Eindrücke über den mutmaßlichen Täter des CSD-Anschlags. Die Sozialarbeiter hätten „einen sehr gefassten, einen sehr vorsichtigen, einen sehr kontrollierten, einen sehr freundlichen Eindruck“ von Abdul B. gehabt, sagt Mücke, der VPN-Geschäftsführer ist. „Und das sind genau die Kriterien, wo wir halt merken, da kommen wir nicht wirklich an die Person heran.“ Ähnlich hatte er sich zuvor im „Focus“ geäußert – und davon gesprochen, dass Abdul B. „nicht ernsthaft bereit“ für Deradikalisierung schien. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) geht nach dem Anschlag am Randes CSD in Berlin und dem Tod des Tatverdächtigen Abdul Ballout von keiner weiteren Gefährdung aus. Im ARD-„Brennpunkt“ sprach er zwar von einer weiteren „Person, die in Betrachtung ist“. „Das“ habe sich bisher jedoch „nicht erhärtet“, sei aber auch noch nicht abgeschlossen. Man gehe „von keiner weiteren Gefährdung aus“. Der „Spiegel“ hat kurz vor dem Tod des Tatverdächtigen Abdul Ballout mit dessen Vater gesprochen. Tawfik B. sei 64 Jahre alt und lebe geschieden von der Mutter, heißt es in dem Bericht. Angeblich sei die Familie „nicht extrem religiös“, so Vater Tawfik laut „Spiegel“: „Wir sind Schiiten. Wir unterstützen den Islamischen Staat (IS) nicht.“ Als er seinen Sohn vor einiger Zeit nach dessen Meinung zum IS fragte, habe der gesagt, dass er die Terrorgruppe für „schlecht“ halte. „Ich habe ihm nicht erlaubt, einen langen Bart zu tragen“, sagt der Vater. Noch am Tattag hätten die beiden telefoniert. Mehr lesen Sie hier. Der Tatverdächtige Abdul Ballout ist bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau getötet worden. Der Tatverdächtige sei am Sonntag gegen 18 Uhr in einer Kleingartenanlage im Berliner Bezirk Spandau lokalisiert worden, teilte die Polizei auf X mit. „Nach bisherigen Erkenntnissen soll er mit einer Stichwaffe auf unsere Einsatzkräfte zugelaufen sein. Daraufhin kam es zum polizeilichen Schusswaffengebrauch durch unser SEK Berlin.“ „Trotz sofort eingeleiteter Reanimationsmaßnahmen durch die Berliner Feuerwehr verstarb er noch am Einsatzort“, erklärte die Polizei weiter. Abdul Ballout hat im vergangenen Jahr mehrmals versucht, sich im Ausland dem bewaffneten Kampf der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen. Das teilt die Berliner Generalstaatsanwaltschaft mit. Demnach versuchte Abdul Ballout erfolglos, über die Türkei nach Mauretanien auszureisen. Wenig später reiste er dann über die Türkei in den Libanon, „um von dort aus nach Syrien zu gelangen und sich dem IS anzuschließen“, hieß es in der Mitteilung. Im Libanon soll er zu mehreren Personen Kontakt aufgenommen haben, die möglicherweise Mitglieder des IS waren. Am 24. Juli 2025 sei er im Libanon festgenommen und dort in Untersuchungshaft genommen worden. Ein Militärgericht habe ihn dort „unter anderem wegen Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten“ zu drei Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung sei Abdul B. am 17. November 2025 nach Deutschland zurückgekehrt und noch am Flughafen BER erneut festgenommen worden. Abdul Ballout war dann monatelang in Untersuchungshaft in Deutschland, ehe er am 12. Mai von einem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten „wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat in einem Fall sowie der Zuwiderhandlung gegen ein vollziehbares Verbot nach dem Vereinsgesetz in zwei Fällen zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten“ verurteilt wurde. Aktuell habe man sich in der „Klärungsphase“ befunden, um zu prüfen, ob der Mann für eine Deradikalisierung empfänglich sei. Nach zwei Terminen hätte morgen der nächste und finale Termin stattgefunden. „Danach hätten wir geklärt, ob er als Beratungsfall tatsächlich in die Deradikalisierungsarbeit aufgenommen wird. Nach dem Stand der zwei Termine sah es eher so aus, dass wir uns nicht dafür entschieden hätten.“ Denn man habe gemerkt, „dass es eine starke Relativierung dessen gab, was seinen Tatvorwurf angeht“, so Mücke. „Er war sehr freundlich und sehr darauf bedacht, die richtige Antwort zu geben. Wir sprechen in solchen Fällen von Zweckantworten.“ Man hätte mit B. „gar nicht die Themen gefunden, an denen man arbeiten kann“, so Mücke weiter. „Dafür braucht es wenigstens eine gewisse Problemeinsicht.“ „Wir werden über Konsequenzen nachdenken und mit Besonnenheit, aber auch mit Entschlossenheit entscheiden.“ Man werde sich nicht einschüchtern lassen, sagt er. „Diese Taten haben nur einen Zweck: Sie wollen unsere Gesellschaft spalten und uns das Wichtigste nehmen, das wir haben: unsere Offenheit und unsere Freiheit. Wir werden alles tun, um den oder die Täter so schnell wie möglich zu fassen. Diese Extremisten haben in der Mitte unserer Gesellschaft keinen Platz.“ Man werde nicht zulassen, dass „dieses Gift des Terrorismus und dieses Gift gegen unsere Freiheit“ weiter um sich greife. „Wir werden die Freiheit unserer Gesellschaft verteidigen. Darauf können sich alle verlassen“, betonte der Kanzler. „Wir sind mehr, wir sind stärker und wir halten in unserem Land zusammen.“ Das sei das Wichtigste in einer so schweren Stunde. Führende Innenpolitiker der Union fordern Konsequenzen und ein härteres Vorgehen gegen Islamisten. „Dieser furchtbare Anschlag auf unsere freiheitliche Lebensweise, aber auch andere tödliche Attacken der letzten Zeit müssen jetzt Anlass sein, den Kampf gegen den Islamismus noch einmal zu intensivieren“, sagt Unions-Vize-Fraktionschef Günter Krings der Nachrichtenagentur Reuters. „Dazu gehört natürlich ein schneller Abschluss der aktuellen großen Nachrichtendienstreform. Wir brauchen aber auch Lösungen, um erkannte Gefährder dauerhaft aus der Öffentlichkeit zu entfernen.“ Diejenigen, die wegen einer deutschen Staatsbürgerschaft nicht außer Landes gebracht werden könnten, müsse man „dauerhaft hier bei uns hinter Schloss und Riegel bringen“. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) stuft die Bluttat beim Christopher Street Day in Berlin als „islamistischen Terroranschlag“ ein. Auf eine derartige Motivation des Tatverdächtigen deute „alles“ hin, sagt er in Berlin. Eine Frau sei getötet worden, zudem gebe es „29 Verletzte und Schwerstverletzte“, so der Minister. Der Tatverdächtige, ein deutscher Staatsangehöriger libanesischer Abstammung, habe eine Radikalisierung durchlaufen und ein „hohes Maß an Straftaten“ verübt. Dafür sei er in Berlin bereits zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Seine Schilderungen zum Tatverlauf trägt Dobrindt bei einem Besuch am Ort des Geschehens vor. Der Verdächtige sei mit einem Auto in eine Menschenmenge gerast und habe damit eine Frau getötet und weitere Menschen „schwerst verletzt“. „Anschließend ist er mit einer Stichwaffe, mit einer Hiebwaffe, mutmaßlich einer Machete, auf weitere Passanten losgegangen und hat diese ebenfalls schwer verletzt.“ Dobrindt zeigt sich bei der Begehung des Tatorts fassungslos. „Unsere Gedanken, unsere Trauer, unsere Gebete sind bei dem Opfer, den Angehörigen, den Verletzten.“ Er betont den hohen Einsatz der Polizeikräfte und appelliert an Veranstaltungen des CSD in anderen Städten, Sicherheitsmaßnahmen anzupassen. Nachahmer seien unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen. Der FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki wirft der Bundesregierung ein Verharmlosen der Gefahr durch den Islamismus vor. „Wenn wir als Gemeinwesen nach solchen schrecklichen Taten immer wieder die gleichen Diskussionen führen, ohne die notwendigen Konsequenzen zu ziehen, dokumentiert das eine kaum erträgliche Hilflosigkeit unseres Staatswesens“, zitiert AFP den FDP-Chef, der ein härteres Vorgehen gegen islamistische Gefährder fordert: „Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht – aber es gibt die Möglichkeit, diejenigen, die sich zu unseren Feinden erklärt haben, auch als solche zu behandeln.“ Der Islamismus bedrohe „nicht nur unsere Freiheit, sondern Leib und Leben“, sagt Kubicki. Er sei „derzeit die größte Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Ordnung und muss auch endlich so benannt und behandelt werden“. Heiko Teggatz von der Deutschen Polizeigewerkschaft macht der Politik nach der Bluttat auf den CSD Vorwürfe. „Datenschutz steht in Deutschland vor Opferschutz“, sagt er im Interview mit dem Fernsehsender WELT. Ob der Tatverdächtige möglicherweise Aufträge bekommen aus dem Ausland bekommen hat, müssten Sicherheitsbehörden jetzt prüfe. „Dafür brauchen die natürlich ausreichend Befugnisse. Jetzt zur Tataufklärung, also nachdem etwas passiert ist, sind weitestgehend die Befugnisse vorhanden.“ Teggatz wünsche sich aber, dass diese Befugnisse auch vor einer Straftat vorhanden wären. Grünen-Innenexperte Konstantin von Notz fordert mehr Befugnisse für die Sicherheitsbehörden im Vorgehen gegen gewaltbereite Islamisten. „Wir müssen wirklich alles daran setzen, dass unsere Sicherheitsbehörden die Fähigkeiten bekommen, gegen solche Bedrohungen besser vorzugehen als bisher“, sagt von Notz in Berlin. „Es lässt einen ziemlich fassungslos zurück, dass es hier offenbar wieder um einen Gefährder geht, den man schon länger auf dem Zettel hatte“, sagt der Grünen-Politiker. Noch in der Nacht soll es eine Festnahme gegeben haben. Das berichtet RBB. Dabei soll es sich um einen Mann mit iranischer Staatsbürgerschaft handeln. Die Polizei gehe davon aus, dass er mit im Auto saß. Trotz des Angriffs auf Passanten beim CSD in Berlin sollen die CSD-Feierlichkeiten in Stuttgart auch am Sonntag wie geplant fortgesetzt werden. „Hass, Gewalt und Terror dürfen nicht darüber entscheiden, ob queere Menschen sichtbar sind oder ihren Platz im öffentlichen Raum einnehmen“, heißt es von den Organisatoren. Die Sicherheitslage für die Veranstaltungen sei von den Sicherheitsbehörden nicht neu eingestuft worden, dennoch erhöhe die Polizei ihre Präsenz. Während des Programms soll der Opfer des Angriffs in Berlin gedacht werden. Der Tatverdächtige Abdul Ballout wollte 2025 nach Syrien ausreisen, wurde dann aber im Libanon festgenommen und als deutscher Staatsbürger nach Berlin „zurückgeführt“. Das berichtet die „Bild“ und beruft sich auf die Ermittlungsakte. Demnach soll er einen Anschlag geplant haben. Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte ihn im Mai 2026 zu einem Jahr und zehn Monaten Haft wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Die Staatsanwaltschaft hatte zwei Jahre und zehn Monate gefordert, legte Berufung ein. Die Charité gibt einen Überblick zum Zustand der von ihr versorgten Patienten. „Die Charité hat gestern Nacht acht auf dem CSD verletzte Menschen versorgt, vier konnten inzwischen entlassen werden“, schreibt ein Sprecher des Klinikums. Vier weiter Patienten werden ihm zufolge aktuell auf Intensivstationen behandelt. Es bestehe „zum jetzigen Zeitpunkt keine Lebensgefahr“.