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Anthropic-IPO: Platzt der Traum von der Rekordbewertung des KI-Konzerns?

Wirtschaft

Anthropic-Gründer Dario Amodei peilt die Verzehnfachung des Unternehmensumsatzes im laufenden Jahr an. Foto: REUTERS

Künstliche Intelligenz: Viele KI-Träume werden platzen – nur welche?

Die jüngste „Korrektur“ der KI-Aktien offenbart: KI schafft gigantische Werte. Doch die ökonomische Rechnung kann nicht für alle Beteiligten aufgehen.

Anthropic wächst rasant und erzielt 2026 voraussichtlich einen Jahresumsatz von etwa 65 Milliarden Dollar

Die KI-Firma plant einen Börsengang vermutlich im Herbst 2026, um Investoren zu belohnen und weiteres Kapital zu gewinnen.

Analysten wie Gartner warnen vor hohen Abschreibungsrisiken von mehr als 3,5 Billionen Dollar bis 2030 auf KI-Investitionen und bezweifeln das langfristige Umsatzpotenzial

Die Konkurrenz durch chinesische KI-Anbieter wächst stark, besonders in Europa, und erhöht den Preisdruck auf amerikanische Unternehmen wie Anthropic. Der Wettbewerbsdruck könnte die geplanten Wachstumsraten und IPO-Erlöse gefährden

Die Zusammenfassung wurde mithilfe von KI erstellt und redaktionell geprüft.

WasWas auch immer aus Anthropic eines Tages werden mag, eines wird das Unternehmen immer bleiben: die wohl eindrucksvollste Wachstumsstory der Technologiegeschichte. Vor wenigen Jahren war Anthropic ein kleines Forschungsunternehmen, gegründet 2021 von meist ehemaligen OpenAI‑Beschäftigten. Fünf Jahre später steht der Entwickler des Sprachmodells Claude vor dem Börsengang, der derzeit geschätzte Wert von fast einer Billion Dollar sprengt alle Dimensionen.

Auch die von Anthropic in einem Treffen mit Investoren kürzlich in San Francisco präsentierten Quartalszahlen lesen sich wie aus einem Börsenprospekt fürs Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI): Der aufs Jahr hochgerechnete Umsatz erreichte laut Investorenangaben im Sommer 2026 rund 65 Milliarden Dollar, nach gut fünf Milliarden Dollar ein Jahr zuvor. Allein im zweiten Quartal soll Anthropic mehr als 11,5 Milliarden Dollar umgesetzt haben, fürs dritte Quartal plane man mit 16,8 Milliarden Dollar Umsatz. OpenAI plant sogar, den Gesamtumsatz im laufenden Geschäftsjahr auf 70 Milliarden Dollar zu steigern.

Im Mai hatte Anthropic-Chef Dario Amodei auf der Entwicklerkonferenz „Code with Claude“ in San Francisco die Marschroute für sein Unternehmen vorgegeben: „Wir planen mit einer Verzehnfachung des Wachstums pro Jahr. Im ersten Quartal 2026 haben wir ein auf das Jahr hochgerechnetes Wachstum um das 80-Fache bei Umsatz und Nutzung gesehen.“ Nun zeigen die jüngsten Geschäftszahlen: Anthropic wächst nicht nur schneller als selbst prognostiziert, sondern schneller als praktisch jedes Softwareunternehmen zuvor.

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Das Unternehmen wäre heute gemessen an seiner Bewertung mehr wert als zahlreiche globale Industrie- und Technologiekonzerne, die seit Jahrzehnten am Markt sind und Zehntausende Mitarbeiter beschäftigen. Selbst Konzerne wie SAP, Salesforce oder Siemens benötigten viele Jahre, um Umsätze und Börsenwerte dieser Größenordnung zu erreichen. Anthropic gelang der Aufstieg binnen weniger Jahre.

Den Plan Börsengang hatte Anthropic im Juni vertraulich bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Der Termin ist laut Insiderberichten für November 2026 angepeilt, aber nicht bestätigt. Doch er erscheint wie der logische nächste Schritt. Analysten kalkulieren mit einer IPO-Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar. Das würde frühe Investoren belohnen, Zugang zu frischem Kapital schaffen und die wohl außergewöhnlichste KI-Erfolgsgeschichte seit dem Aufstieg von OpenAI krönen.

Doch so spektakulär die Erwartungen sind, so groß ist inzwischen auch die Nervosität. Wie lange kann dieses Wachstum anhalten? Und: So groß sie auch sein mögen, werden die Einnahmen perspektivisch ausreichen, um die gigantischen Investitionen zu rechtfertigen? Von Profitabilität ist der KI-Star weit entfernt. Hält die Börsenstory, was sie verspricht?

Wie sensibel die Finanzmärkte auf Zweifel reagieren, zeigte sich gerade eindrücklich: Wachsende Sorgen bei Investoren über Umsatz- und Gewinnaussichten und ausufernde Infrastrukturkosten bei den Tech- und KI-Größen setzten deren Aktien in den vergangenen Tagen deutlich unter Druck.

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Schätzungen zu einem verlangsamten Umsatzwachstum bei OpenAI etwa reichten bereits aus, um bei Ausrüstern und KI-Profiteuren wie Nvidia, Oracle und CoreWeave Kursverluste zwischen drei und acht Prozent auszulösen. Auch Branchengrößen wie AMD, Intel und Broadcom gerieten in den Abwärtssog. Der jüngste Rücksetzer verdeutlicht, wie dünnhäutig Anleger mittlerweile sind – und wie schnell extrem hohe Börsenbewertungen ins Rutschen geraten, sobald Fragen nach der Nachhaltigkeit des Booms aufkommen.

Bemerkenswert ist, wer diese Fragen inzwischen stellt. Nicht KI-Gegner oder notorische Crash-Propheten, sondern einige der weltweit renommiertesten Analysehäuser. Den jüngsten und schärfsten Angriff auf die KI-Investmentstory – sowohl bezogen auf die Börsenpläne von Anthropic als auch auf die von OpenAI – liefert ausgerechnet das renommierte Technologieberatungshaus Gartner.

Gutes Geschäft? Das Sprachmodell Claude ist beliebt. Foto: picture alliance / NurPhoto

Gartner warnt vor Billionenverlusten bei KI-Rechenzentren

Während frühere Analysen primär die Rentabilität und Monetarisierbarkeit der KI-Revolution in Form von realen Produktivitätssteigerungen oder neu erschlossenen Geschäftsmodellen hinterfragten, erweitert Gartner die Debatte nun um einen bislang wenig beachteten Aspekt: das Risiko milliardenschwerer Abschreibungen.

Sowohl Hard- als auch Software für KI-Anwendungen veralten so schnell, dass bereits bis Ende 2030 mehr als 3,5 Billionen Dollar KI-Infrastrukturinvestitionen bei Anbietern oder Anwendern von KI-Diensten von Wertberichtigungen bedroht sein könnten. Womöglich lange, bevor sie sich bezahlt gemacht haben. Bis 2032 sieht Gartner sogar mehr als vier Billionen Dollar an Vermögenswerten einem potenziellen Abschreibungsrisiko ausgesetzt.

Der Bericht trifft damit den Kern der Investmentthese hinter den erwarteten Börsengängen von Anthropic und OpenAI. Deren Bewertungen beruhen letztlich auf drei Annahmen: dass das heutige Umsatzwachstum über Jahre anhält, dass die Kosten für Rechenleistung für die Anbieter schneller sinken als deren Erlöse. Und, dass die gigantischen Infrastrukturinvestitionen der Hyperscaler nachhaltige Skaleneffekte schaffen.

Genau diese Annahmen stellt Gartner indessen infrage. Nach Berechnungen des Analystenhauses müssten KI-Rechenzentren bis 2030 kumuliert rund 8,5 Billionen Dollar Umsatz erwirtschaften, um die für sie aufgewandten Investitionen, Finanzierungskosten und Kapitalkosten zu rechtfertigen. Tatsächlich erwartet Gartner aber lediglich rund 3,6 Billionen Dollar zurechenbare KI‑Umsätze. Die Umsätze mit KI-Anwendungen bei Unternehmen und Verbrauchern würden voraussichtlich nicht ausreichen, um auf die geplanten Investitionen eine auskömmliche Rendite zu erzielen.

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Das bedeutet nicht, dass Anthropic oder OpenAI scheitern müssen oder gar werden. Es bedeutet aber, dass die ökonomische Rechnung nicht für alle Beteiligten aufgehen kann. Entweder verdienen die Betreiber der Infrastruktur zu wenig, die KI-Anbieter erzielen geringere Margen (was zulasten der Börsenstory ginge) oder die Kunden müssen höhere Preise akzeptieren. Irgendwer wird die Lücke tragen müssen.

Ganz neu ist die Skepsis nicht. Sequoia-Partner David Cahn hatte bereits im Juni 2024 vor einer 600-Milliarden-Dollar-Lücke zwischen den KI-Investitionen der Branche und den für die Anbieter tatsächlich erzielbaren Erlösen gewarnt. Goldman Sachs stellte die provokante Frage, welches Problem im Wert von einer Billion Dollar die als vergleichbar unterstellten Investitionen in Rechenzentren, Chips, Stromversorgung oder Datennetze der Einsatz von KI eigentlich lösen werde.

Das Beratungshaus S&P Global Ratings legte in diesem Jahr erneut mit einer Hochrechnung nach. Die Analysten identifizierten Monetarisierungsrisiken, Überkapazitätsrisiken und langfristige Unsicherheiten über die tatsächliche KI-Nachfrage als die zentralen Kredit- und Bilanzrisiken beim KI-Ausbau durch Big Tech und Big AI in den USA. Mit dem Gartner-Report allerdings erhalten diese Warnungen nochmals eine neue Dimension. Aus einer Debatte über Renditen wird eine Debatte über mögliche Abschreibungen in Billionenhöhe.

Chinesische Modelle erhöhen den Preisdruck auf US-Entwickler

Auch getrieben durch einen weiteren Unsicherheitsfaktor: China. Eine aktuelle Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung zeigt, wie sehr chinesische KI-Modelle auf Entwicklerplattformen in Europa inzwischen amerikanische Anbieter überholt haben. Im Sommer 2026 entfielen etwa in Deutschland bereits 61 Prozent und EU-weit 58 Prozent des Tokenverbrauchs auf chinesische Modelle. Ausschlaggebend sind Dumpingpreise, offene Modelle und ein rasch schrumpfender Qualitätsabstand gegenüber den US-Markt- und Technologieführern.

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Für OpenAI und Anthropic ist das mehr als eine geopolitische Randnotiz. Die außeramerikanischen Märkte, auf denen beide Unternehmen ihre nächsten Wachstumsstufen erreichen müssen, werden plötzlich deutlich umkämpfter. Ausgerechnet dort, wo die IPO-Storys ihre nächsten Milliardenumsätze gewinnen sollen, steigt der Preisdruck. Und das Risiko, dass sich die im Börsenprospekt angepeilten Wachstumsraten nicht werden erreichen lassen. Doch die Werte einfach etwas niedriger anzusetzen, wäre weder für Anthropic noch für OpenAI eine Option. Die IPO-Erlöse sind – auch – für die Finanzierung des künftigen Wachstums fest eingeplant.

Drohende Kettenreaktion für Hardware-Ausrüster wie Nvidia

Gleichzeitig leiden auch die Profiteure des KI-Booms unter einem bislang wenig diskutierten Risiko. Die beeindruckenden Umsätze und Gewinne von Nvidia und anderen Hardwareanbietern beruhen darauf, dass die Investitionswelle ungebrochen anhält. Sollte sich jedoch ein relevanter Teil der Rechenzentren als wirtschaftlich unrentabel erweisen, könnte ein Dominoeffekt entstehen: geringere Renditen bei den Hyperscalern, niedrigere Margen bei OpenAI und Anthropic, sinkende Investitionen in neue Infrastruktur und schließlich rückläufige Nachfrage nach KI-Chips.

Hinzu kommt das uralte „Problem der großen Zahl“. Ein Unternehmen mag seinen Umsatz in kurzer Zeit von einer auf zwei Milliarden Dollar verdoppeln können. Von 50 auf 100 Milliarden Dollar wird dieselbe Leistung aber erheblich schwieriger. Viele Investoren bewerten KI-Unternehmen aktuell jedoch so, als würden mehrere weitere Verdoppelungen nahezu automatisch folgen. Doch diese mathematische Realität lässt sich auch mit künstlicher Intelligenz nicht aushebeln.

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Tatsächlich dürfte sich auch bei Anthropic das Wachstum mindestens vorläufig erst einmal verlangsamen: Hatte die rasante Nachfrage nach dem Entwicklerwerkzeug Claude Code den Umsatz im zweiten Quartal noch um mehr als 140 Prozent gegenüber dem ersten Quartal in die Höhe getrieben, liegt die Wachstumsprognose fürs dritte Quartal nun deutlich niedriger.

Möglicherweise ändert sich das wieder im vierten Quartal nach der Vorstellung des Sprachmodells Opus 5.5 Ende September sowie den deutlich erhöhten Nutzungstarifen für die neuen Top-Modelle. Bislang ist das aber nur ein Hoffnungswert.

Im Rampenlicht: Anthropic-Chef Dario Amodei Foto: Bloomberg

Was der Dotcom-Vergleich für heutige KI-Anleger bedeutet

Und so ist im lange unerschütterlich scheinenden KI-Boom doch auch das Risiko des Platzens schon angelegt. Aber mit welchen Folgen? In keinem Fall sollte man das Platzen einer Blase mit dem Scheitern einer Technologie verwechseln. Die Dotcom-Blase vor rund einem Vierteljahrhundert zerstörte schließlich auch nicht das Internet. Im Gegenteil: Aus ihren Trümmern entstanden einige der weltweit wertvollsten Unternehmen.

Ähnliches dürfte wohl auch für KI gelten. Und es ist gut möglich, dass Anthropic, OpenAI oder auch Nvidia langfristig zu den großen Gewinnern der KI-Revolution zählen. Doch zwischen technologischer Revolution und überdurchschnittlicher Aktionärsrendite besteht kein Naturgesetz.

Nicht die Zukunft der KI steht infrage. Wohl aber die Frage, ob die spektakulären Wachstums- und Profitabilitätsversprechen, auf denen heute Bewertungen von Hunderten Milliarden Dollar beruhen, den Realitätstest der kommenden Jahre tatsächlich bestehen. Die Technologie mag unausweichlich sein. Die Renditen heutiger Börsenhoffnungen sind es ganz sicher nicht.

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