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Anthropic: US-KI-Konzern lockt Investoren mit 30-Billionen-Dollar-Markt

Technologie

Der Techkonzern Anthropic ist einem Bericht des »Wall Street Journal« zufolge derzeit in Gesprächen mit Investoren, um den eigenen Börsengang im Herbst vorzubereiten. Dabei sorgt eine Kennzahl für Aufsehen: Der zukünftige Gesamtmarkt für künstliche Intelligenz (KI), auf dem sich Anthropic mit seinen Produkten wie dem Chatbot Claude verdingen will, wird demnach auf ein Gesamtvolumen von 30 Billionen Dollar geschätzt.

Die Zahl sorgt in der Branche für Irritation, teilweise auch für Spott. Zum Vergleich: Das gesamte Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten beläuft sich auf 32 Billionen Dollar, die Gesamtverschuldung auf 40 Billionen Dollar .

KI soll ganze Wirtschaftszweige übernehmen

Mit der Zahl stellt Anthropic zumindest klar, dass die Firma mehr sein will als ein Anbieter von Chatbots und KI-Agenten. Die 191 Techkonzerne im Index S&P 1500, so rechnet das »Wall Street Journal« vor, kommen gerade einmal auf einen gemeinsamen Umsatz von 2,4 Billionen Dollar. Damit das Marktpotenzial erreicht werden kann, müsste KI also zahlreiche andere Branchen übernehmen. Und als Anbieter von besonders leistungsstarken Frontier-Modellen sieht sich die US-Firma an der Schaltstelle einer neuen Industrie.

Die heutigen Umsätze Anthropics erscheinen angesichts der kolportierten Zukunftsaussichten winzig, trotz starken Wachstums. Laut Medienberichten soll das Unternehmen bis Ende Juli eine annualisierte Umsatzrate, die das aktuelle Geschäft auf ein Jahr hochrechnet, von 65 Milliarden Dollar erreicht haben. Im Mai lag dieser Wert demnach noch bei 47 Milliarden Dollar, Ende 2025 bei neun Milliarden. Da die Firma noch nicht an der Börse gehandelt wird, muss sie ihre Geschäftszahlen nicht offenlegen.

Geschäfte wie auf einem Karussell

Den Einnahmen stehen zudem gewaltige Ausgaben gegenüber. Im Mai etwa wurde bekannt, dass Anthropic bei Google Clouddienste im Wert von 200 Milliarden Dollar geordert habe, verteilt auf fünf Jahre. Im Gegenzug investiert der Google-Mutterkonzern Alphabet bis zu 40 Milliarden Dollar in das Unternehmen. Man könnte also sagen: Das erste Jahr ist gratis.

Solche Zirkelgeschäfte gehören mittlerweile zur Normalität in der Branche. Insbesondere Zulieferer Nvidia engagiert sich massiv bei den Firmen, die seine leistungsfähigen KI-Chips kaufen. Der Konzern hat sich etwa mit 30 Milliarden Dollar direkt am Anthropic-Konkurrenten OpenAI beteiligt, später folgte eine Bürgschaft über 105 Milliarden Dollar, als neuester Coup sammelt der Chiphersteller zusammen mit Wall-Street-Schwergewichten 500 Milliarden Dollar für den Aufbau der IT-Infrastruktur.

Es ist eine Wette auf die Zukunft. Zum einen kann Nvidia hoffen, bei den Börsengängen der KI-Firmen Kasse zu machen. Und wenn eine Marktbereinigung einsetzt, kann sich Nvidia wichtige Marktanteile aneignen. Auf die lange Sicht setzt das Unternehmen aber darauf, dass die Technologie zu einer kompletten Transformation der Weltwirtschaft führt, bei der KI-Dienste zum zentralen Produktionsmittel werden.

Die Strategie zahlt sich bisher aus. Der Chiphersteller verkündete am Mittwoch Quartalsumsätze von 96,2 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Trotz Nachschubproblemen und neuer Konkurrenz erwartet das Unternehmen im kommenden Geschäftsjahr ein Umsatzwachstum von etwa 70 Prozent. Die Zirkelgeschäfte und Verschuldung scheinen die Anleger nicht zu stören: Nach der Verkündung der Geschäftszahlen stieg der Kurs der Aktie nachbörslich um mehr als fünf Prozent.

Roboter als Konkurrenz zum Menschen

Insbesondere die humanoiden Roboter beschleunigen die Fantasie der Anleger. So hat Microsoft-Gründer Bill Gates am Mittwoch in einem Essay eine Zukunft skizziert, in der Arbeiter mit einem Stundenlohn von 20 Dollar mit Robotern konkurrieren müssten, die pro Stunde nur die Hälfte kosten.

Ob die hochkomplexen Maschinen jedoch zu solch niedrigen Preisen zur Verfügung stehen werden, ist bislang nicht ausgemacht. Selbst Haushaltsroboter, die keine professionelle Arbeitskraft ersetzen können, sollen nach einer Schätzung der Strategieberatung Oliver Wyman auch im Jahr 2035 noch um die 15.000 Euro kosten. Schon das wäre ein gewaltiger Preisverfall. Analysten von Goldman Sachs schätzten die Kosten zur Herstellung eines einzigen Humanoiden im vergangenen Jahr auf 30.000 bis 150.000 US-Dollar.

Inwieweit Anthropic an einem solchen Boom partizipieren könnte, ist zudem unklar. Derzeit machen vorwiegend chinesische Modelle von sich reden, die deutlich kostengünstiger arbeiten als die US-Wettbewerber. Zudem kann die Volksrepublik mit großen Fortschritten bei der Entwicklung humanoider Roboter punkten.

Anthropic ist relativ frei darin, sein theoretisches Marktpotenzial zu definieren. Schließlich gibt es auch die Möglichkeit, dass andere Firmen die Umsätze machen. Oder niemand. Die nun bekannt gewordene Zahl liegt nur leicht über dem Wert, den Elon Musk zu dem Börsengang von SpaceX behauptet hat: Er sah Umsätze von 28,5 Billionen Dollar im Gesamtmarkt erreichbar und wurde damit – zumindest kurzzeitig – zum ersten Billionär des Planeten.

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